Affoltern/Pringy

Düfte und Gebimmel aus der Konserve

Affoltern/PringyEs kann weder an der landschaftlichen Lage noch an den Schauelementen liegen, dass die Schaukäserei im Greyerzerland wirtschaftlich besser dasteht als jene im Emmental. Das macht ein Besuch in Pringy deutlich.

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Schaut man auf dem Weg zur Schaukäserei Gruyère nach einer romantischen Alpkäserei aus, fährt man in Pringy wohl an dem Gebäude vorbei. Denn der Schaubetrieb liegt nicht in ländlicher Idylle, inmitten von Bergkräutern, sondern unmittelbar neben dem Bahnhof, in einem modernen Zweckbau. Trotzdem müht sich eine Asiatin mit ihrem Rollkoffer durch die Eingangstüren. Gleich dahinter wird ihr Bedürfnis nach nostalgischen Bildern befriedigt. Der Empfang erinnert an ein Chalet, darin stehen traditionell gekleidete Damen. Gruppen werden rechts bedient, Einzelgäste links.

Doppelrahm und Schokolade

Doch vorerst zieht es einen in das Restaurant. Weniger wegen der Einrichtung – obwohl diese mit dem erhöhten Mittelteil und den roten Holzstühlen mit dem Schweizer Kreuz auf der Lehne originell wirkt – sondern wegen des Kaffees. Denn dazu gibts hier diese mit Doppelrahm gefüllten Schälchen aus Schokolade. Daneben verspricht die Karte regionale Gerichte mit – natürlich – viel Greyerzer Käse. Jetzt aber gehts nicht ums Essen, sondern um die Ausstellung, die zeigen soll, wie der Käse seit 900 Jahren entsteht.

Dafür muss man sich nun doch am Empfang melden. Gegen eine Gebühr von 6 Franken wird man eine kurze Treppe hochgeschickt und dort mit einem Gerät ausgerüstet, das an einen Telefonhörer erinnert. Mit diesem Ding am Ohr schlendert man nun die Schautafeln entlang und lässt sich von einer weiblichen Stimme, die sich als Kuh Kirsche vorstellt, die Welt des Greyerzers näherbringen. Wobei: Zuerst erklärt sie die Sache mit dem Wiederkäuen. «Wir käuen wieder, weil wir Gras in Milch verwandeln», sagt sie. «Du kannst darüber denken, wie du willst, aber das ist Magie!»

Noch nie so rein

Der von der Kuh herbeigeredete Zauber scheint zu wirklich. Plötzlich wähnt man sich auf einer Alp, hört leises Glockenbimmeln und sieht die abgebildeten Bergkräuter nicht nur, sondern meint, sie tatsächlich zu riechen. Letzteres ist keine Täuschung: Wer die Deckel der auf langen Stäben befestigten Metallbehälter lüftet, fängt eine Nase voll Thymian-, Kümmel-, Veilchen- und weiteren Kräuterduft ein.

Es folgt Geschichtliches. Die Entwicklung der Käseherstellung wird erzählt – von der Zeit, als die Kühe noch von Hand gemolken wurden, bis heute, da im modernen Melkstand mehreren gleichzeitig die Milch abgenommen wird. «Es gibt ärgerliche Vorurteile, dass früher alles besser gewesen sein soll», sagt die Kuh. «Aber meine Milch war noch nie so rein.» Jetzt spricht sie von den rigorosen Kontrollen.

Keine Handarbeit

Nun führt der Rundgang in den Raum, wo man durch Glasscheiben auf eine moderne Greyerzer-Käserei hinunterblickt. Hier wird erklärt, welche Vorgänge nötig waren, bis aus den 4800 Litern Milch im Kessi jene Masse wurde, die in die Käseformen gepresst werden kann. Dass der Teig offenbar die richtige Elastizität erreicht hat, erkennt der Besucher daran, dass die Masse im Kessi schwindet, sich dafür zwölf Greyerzer-Formen langsam füllen. Pumpen übernehmen die einst anstrengende Handarbeit.

Es folgen weitere Informationen zur Reifung des Käses. Grafiken, Filme und Spiele laden ein, das Gehörte zu vertiefen. Nach einer knappen Stunde ist man voll von Eindrücken und Informationen am Ende der Ausstellung angelangt. Jetzt bleibt noch der Blick ins Käsereifungslager, wo ein Roboter mit der Pflege und dem Wenden der in Hochregalen gestapelten Laibe beschäftigt ist.

Wer nun Lust auf Greyerzer hat, kann sich über die Müsterchen verschiedener Reifegrade hermachen, die jedem Besucher abgegeben werden. Oder er kann sich im Laden gegenüber dem Restaurant mit seiner Lieblingssorte eindecken. Nebst einer Käsetheke findet der Gast hier auch Schokolade, regionale Produkte und Souvenirs.

Baracke hier, Stöckli dort

An Sonntagen, verrät ein Plakat, können Besucher auch miterleben, wie früher über dem Feuer gekäst wurde. Das Spektakel findet in einer viereckigen Baracke statt, die draussen neben dem neuen Kinderspielplatz steht. In Affoltern zeigt die Schaukäserei das Gleiche in einem Stöckli aus dem 18. Jahrhundert.

Kein Zweifel: Punkto Infrastruktur und landschaftlicher Umgebung hat die Schaukäserei im Emmental mehr zu bieten. Es sind andere Gründe, weshalb die Emmentaler im Gegensatz zu den Greyerzern rote Zahlen schreiben (siehe Box). (Berner Zeitung)

Erstellt: 30.01.2015, 08:48 Uhr

Die Unterschiede

In der Emmentaler Schaukäserei ist alles viel grösser – und erst noch echt

In Affoltern braucht es keine künstliche Animation, damit sich der Gast in der Umgebung wähnt, in der die Milch für den Käse produziert wird. Die Schaukäserei steht mitten in ebendieser Landschaft, das ganze Hauptgebäude erinnert an ein riesiges Bauernhaus, und in den Nebengebäuden wurde früher tatsächlich gekäst. Inzwischen trifft man auf dem Gelände sogar lebende Tiere an, und im Bauerngarten riechts auch nach Kräutern. Trotz diesen Vorteilen gegenüber der Schaukäserei Gruyère in Pringy ist es der Betrieb in Affoltern, der mit finanziellen Schwierigkeiten kämpft.

Hier die wichtigsten Unterschiede zwischen den beiden Schaukäsereien: Jene im Emmental verzeichnet jährlich rund 300'000 Besucher, in Pringy sind es gut doppelt so viele. Allerdings waren dort 2013 nur knapp 160'000 bereit, die Ausstellung zu besuchen und dafür einen Eintrittspreis zu bezahlen. In Affoltern bewegt man sich gratis durch die ganze Schauanlage.

Die Schaukäserei Gruyère profitiert weniger von ihrer landschaftlichen Lage als von der Nähe zum Schloss Greyerz und vor allem zur Maison Cailler, die Besucher in die Gegend lockt.

1969 gebaut, wurde die Schaukäserei in Pringy im Jahr 2000 gänzlich erneuert. Die Mittel dafür konnte die als Genossenschaft organisierte Trägerschaft selber erwirtschaften. Eine Rundumerneuerung hat im Emmental seit der Eröffnung der Schaukäserei im Jahr 1989 nie stattgefunden.

Wenn die Rechnung 2014 in Affoltern wieder mit einem Defizit abschliesst, liegt der Grund dafür nicht im Gäste- und im Ausstellungsbereich, sondern in der Käserei als solcher. Qualitätsprobleme Ende 2013 und Anfang 2014 haben die Anstrengungen, mit denen der touristische Bereich in den letzten Jahren attraktiver gemacht wurde, zunichte gemacht. Das könnte in Pringy nicht passieren. Nicht weil der Greyerzer wegen strenger Mengensteuerung auf dem Markt ohnehin eine bessere Ausgangslage hat als der Emmentaler. Sondern weil die Trägergenossenschaft der Käserei zwar die Räume vermietet, das Geschäft mit dem Käse aber die Rechnung der Schaukäserei nicht tangiert. Auch das Restaurant führen die Greyerzer im Gegensatz zu den Emmentalern nicht auf eigene Rechnung.

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