Lützelflüh

Drogi-Hans hört auf

Lützelflüh36 Jahre lang führten Susi und Hans Wüthrich die Drogerie Brandis. ­Anfang Juli geht das Geschäft zu. Die Suche nach einem Nachfolger blieb erfolglos.

<b>So kennen die Kundinnen und Kunden das Drogistenpaar:</b> Susi und Hans Wüthrich in ihrem Geschäft, das sie seit 1982 führen.

So kennen die Kundinnen und Kunden das Drogistenpaar: Susi und Hans Wüthrich in ihrem Geschäft, das sie seit 1982 führen. Bild: Thomas Peter

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Er ist seit langem ein grosser Fan der SCL Tigers und von YB. Die Autoprüfung machte er vor 45 Jahren, seither fährt er Döschwo. Und auch seinen Beruf als Drogist übt er seit fast einem halben Jahrhundert aus.

Doch nun steht eine gravierende Änderung an: Hans Wüthrich, der Gesundheitsfachmann und geduldige Zuhörer für Leute mit Leiden und «Boboli», schliesst seine Drogerie in Lützelflüh am 7. Juli.

Damit geht die 36-jährige Ära des Drogi-Hans oder Drogen-Hausi, wie er ebenfalls oft in der Bevölkerung genannt wird, zu Ende. Manche Kunden würden ihn auch auf der Strasse so ansprechen, sagt Wüthrich und meint schmunzelnd: «Das macht mir nichts aus.» Im Gegenteil, das zeige ihm die Nähe zu seinen Kundinnen und Kunden. Dies hatte für ihn immer oberste Priorität.

Lob der Lehrlinge

So nimmt sich der 65-Jährige, der zum Arbeiten immer einen weissen Kittel trägt, auch bei vollem Laden Zeit und beantwortet die Fragen der Kunden. Die gleiche Geduld bringt er seinen Mitarbeiterinnen und Lernenden entgegen. 18 Lehrlinge bildete er aus, seit er 1982 mit seiner Frau Susi, die für ihn eine «wertvolle Mitarbeiterin und Mitdenkerin im Hintergrund ist», wie er sagt, die Brandis-Drogerie führt.

Aktuell hat er noch zwei Lernende – eine Frau hat demnächst ihre Abschlussprüfung, eine zweite wird ihre Ausbildung in Biglen be­enden. In einem Buch haben sich alle Lehrlinge verewigt. Jede hat ihre vierjährige Ausbildung in Worte gefasst und ein Foto aufgeklebt.

Die Texte und Darstellungen sind individuell und trotzdem praktisch gleich. Schöne Erlebnisse werden nacherzählt und Hans Wüthrich für seine geduldige und witzige Art gelobt. «Es ist sehr berührend, in dem Buch zu blättern», sagt der Lehrmeister stolz.

Emotional wird der Mann im Pensionsalter auch, wenn es um die Schliessung der Drogerie geht. Obwohl er lange nach einer geeigneten Nachfolgeregelung suchte, hat sich sein Wunsch nicht erfüllt.

Dazu sagt er: «Lützelflüh entwickelt sich zu einem Schlafdorf.» Zwar herrsche ein Bauboom, doch im Gegenzug würden Geschäfte verschwinden. Einst hatte es eine Papeterie, einen Eisenwarenladen und vier Bäckereien. Und jetzt gehe praktisch zeitgleich mit der Drogerie auch die Landi zu.

Hans Wüthrich erzählt, dass sich in den letzten Jahren das Kaufverhalten der Leute verändert habe. Er führt den Trend auf die Onlinegeschäfte zurück und darauf, dass seit einigen Jahren auch viele Drogerieartikel in den Gestellen der Grossverteiler zu finden seien.

«Früher konnte man alkoholhaltige Getränke und Reformartikel mehrheitlich nur in Fachgeschäften wie Drogerien kaufen», erzählt Susi Wüthrich, «an Festtagen wie Weihnachten und Muttertag herrschte bei uns Hochbetrieb.»

«Ich bin sicher, unser Angebot werden die Kunden vermissen.»Hans Wüthrich

Unzählige Flaschen Stärkungsmittel und Weine hätten sie jeweils als Geschenke verpackt. Ebenso im Frühling, wenn Konfirmationen gefeiert wurden. Zwar führt Hans Wüthrich immer noch alles im Sortiment, aber im viel kleineren Rahmen.

Hingegen sogar erweitert hat er im Verlauf seiner Tätigkeit die Produktepalette bei Teemischungen, Spagirik und Tinkturen. «Ich bin sicher, dieses Angebot werden die Kunden vermissen», sagt er, ohne sich rühmen zu wollen. Denn er mischt die Tees entsprechend den Bedürfnissen und Beschwerden der Kunden, während diese im Geschäft ­warten.

Eine Band gegründet

Mit Wehmut denkt Hans Wüthrich an die vergangenen Jahre zurück. Doch er schmiedet bereits Zukunftspläne. Als junger Mann spielte er Orgel in einer Tanzband. Nun hat er eine neue gegründet mit dem Namen «Drugsstore John and Friends», was so viel heisst wie «Drogerie Hans und Freunde».

Wer nebst ihm noch der Band angehört, gibt der Hobbymusiker nicht preis. Doch er macht auf ein Konzertdatum aufmerksam: Abgerockt wird am 2. November 2019 in der Kulturmühle in Lützelflüh.

Das dauert zwar noch eine Weile, aber der Vater zweier erwachsener Söhne haut bereits fleissig in die Tasten. Hinter einer Stellwand im Geschäft steht sein Keyboard. Geübt wird allerdings nur ausserhalb der Geschäftszeit.

Wo sein Übungslokal nach der Schliessung der Drogerie sein wird, ist noch offen. Denn Wüth­richs haben das Haus verkauft und sind auf der Suche nach einem Eigenheim. Was die neuen Besitzer mit der Drogerieliegenschaft im Sinn hätten, sei derzeit noch offen, sagt Hans Wüthrich. (Berner Zeitung)

Erstellt: 08.05.2018, 16:18 Uhr

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