Die letzte Stunde des Akutspitals hat geschlagen

Niederbipp

Die Geschichte des Spitals Niederbipp ist seit Donnerstag zu Ende. Um 17 Uhr hat das Akutspital seinen Betrieb eingestellt. Der Notfall ist geschlossen, die Operationssäle sind leer. Der Eingriff verlief ohne Komplikationen. Ein Augenschein der letzten Stunde.

Jetzt ist Schluss: Thomas Uebersax überklebt einen Spital-Wegweiser.

Jetzt ist Schluss: Thomas Uebersax überklebt einen Spital-Wegweiser.

(Bild: Thomas Peter)

Dominik Balmer@sonntagszeitung

Der Boden ist geputzt, die Lichter sind gelöscht. In einer Ecke im Vorraum zum Operationssaal stehen Sauggeräte für Blut und Sekret. Und daneben ein angejahrter Defibrillator. Der Schockgeber hat mit seinen Stromschlägen manch ein lahmes Herz wieder zum Pumpen gebracht.

Doch irgendwann muss jeder Patient abtreten. Heute, an diesem regnerischen Donnerstag, ist der Patient für einmal kein Mensch, sondern ein Spital: das Spital in Niederbipp. Um Punkt 17 Uhr ist die Geschichte des Betriebs zu Ende. Am grauen Gebäude prangen Plakate, die den Abschied kurz und schmerzlos wiedergeben: «SRO Bipp, 1964 bis 2011. Rest in Peace».

Der zweite Abschied

Jetzt ist es kurz nach 16 Uhr. Noch eine Stunde. Auf den Gängen sind Stimmen zu hören, die meisten Türen zu den Räumen sind geöffnet. Paletten stehen herum. Markus Lüdi öffnet die Tür zum OP-Bereich. «Hier war die Schleuse», sagt der Chirurg. An der Tür klebt ein Sticker: «Stopp. Kein unnötiges Herumlaufen.» Die Hygienevorschriften für die Operateure sind jetzt nicht mehr wichtig. Lüdi begeht heute schon seinen zweiten Abschied. Ihm wurde die Aufgabe zuteil, zum letzten Mal in Niederbipp zu operieren. «Ich weiss noch genau, wann und wie es war», sagt er, «am Dienstag, 22.März.» Und es war reine Routine, ein Leistenbruch. Lüdi erzählt, als habe er ein fotografisches Gedächtnis. «Um 18.05 habe ich die Lichter gelöscht.» Für immer. «Ich empfinde Wehmut.»

Lüdi will aber nicht nur in Erinnerungen schwelgen. Er ist der ärztliche Leiter des neuen Gesundheitszentrums, das nahtlos den Akutspitalbetrieb ablösen wird (siehe Kasten). Lüdi betont: «Es geht ja weiter.»

«Bitte drücken Sie den Knopf»

Die Veränderungen im OP sind offensichtlich. Beim Notfall ist das anders. Dieser ist in drei Räumen untergebracht: einem für die medizinischen Fälle, einem für die chirurgischen und einem zum Gipsen. Sie sind aber nicht leer wie der OP. Hier bieten Hausärzte der Gemeinschaftspraxis ab sofort ihre Sprechstunden an.

Der Notfall verschwindet weniger schreiend. An der Eingangspforte zeichnet sich mit dunklerem Grau an der Fassade die Form eines Schildes ab, das lange an der Wand gehangen hat. Hier war früher der Weg zur Notfallstation angeschrieben. Jetzt ist eine Gegensprechanlage montiert. «Für Notfälle», steht da. «Bitte drücken Sie den Knopf. Sie werden verbunden.»

Jetzt ist bald 17 Uhr, die Anlage funktioniert. Elsbeth Staub, die administrative Leiterin des Gesundheitszentrums, hat sie eben getestet. Über das Gerät werden Hilfesuchende «ausserhalb der Öffnungszeiten» mit dem Spital in Langenthal verbunden.

Der Patient ist eingeschlafen

Eigentlich sollen aber gar keine Notfälle mehr nach Niederbipp kommen. Dafür sorgt jetzt Thomas Uebersax. Er ist Abteilungsleiter des technischen Diensts. Mit seinem Team steigt er in einen gelben Bus. Ihr Ziel sind die fünf Wegweiser im Dorf, die alle zum Spital zeigen. Vier Schilder überkleben Uebersax und seine Männer mit gelbem Band. Und eines schrauben sie gleich ab. «Jetzt ist das Schicksal des Spitals besiegelt», sagt Uebersax. Der Patient ist eingeschlafen.

Während Uebersax und seine Männer ihr Material im Bus verstauen, braust die Ambulanz vorbei. Es ist 17.10 Uhr. Der erste Einsatz vom Gesundheitszentrum aus. Die Sirene heult wie immer.

Berner Zeitung

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