Burgdorf

Die dunklen Ansichten einer Psychiaterin

BurgdorfIn kürzester Zeit schrieb Esther Pauchard ihren ersten Krimi «Jenseits der Couch». An den Burgdorfer Krimitagen erzählt die Thuner Psychiaterin eine Geschichte zwischen Wahrheit und Wahnsinn.

«Ich schau jetzt mal ganz intellektuell», meint Esther Pauchard ironisch.

«Ich schau jetzt mal ganz intellektuell», meint Esther Pauchard ironisch. Bild: Markus Grunder

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«Es fiel mir so leicht, es ist fast peinlich», sagt Esther Pauchard mit einem entschuldigenden Lächeln. Die Oberärztin für Psychiatrie in einer Suchtfachklinik in Burgdorf schrieb ihr erstes Buch innerhalb von drei Monaten, die erwartete Schreibblockade blieb aus. Nun ist ihr Krimi «Jenseits der Couch» im Verkauf, und Pauchard hat bereits eine Lesung hinter sich – die erste Lesung überhaupt, die sie in ihrem Leben besuchte.

Pauchards Kriminalgeschichte spielt wie ihr Beruf in der Psychiatrie. Während eines Nachtdienstes nimmt Assistenzärztin Kassandra Berger notfallmässig eine Patientin auf. Die erzählt wirre Verfolgungsgeschichten: Ihr Mann habe ihre Tochter an andere Männer verkauft, Stimmen drohten sie umzubringen – es sind Wahnvorstellungen einer drogensüchtigen Schizophrenen. Doch auch nach längerer Therapie und Abbau der Krankheitssymptome hält sie an ihrer Geschichte fest, Wahnsinn und Wahrheit verwischen.

Schreibende Ärzte

Esther Pauchard ist nicht die einzige Berner Ärztin, die es zum Schreiben zieht. Im Gegenteil: Das Romaneschreiben scheint bei der Ärzteschaft derzeit besonders beliebt. Der Emmentaler Hausarzt Paul Wittwer und der Berner HNO-Spezialist Peter Hänni brachten schon je zwei Krimis heraus. Wie erklärt sich Pauchard dieses Phänomen? «Nun, ich wundere mich eher, dass nicht alle Ärzte schreiben, zumindest die Psychiater.» In der Psychiatrie sei man sehr nahe am Leben, habe Zugang zu wirklich tiefen Emotionen und wisse nach einer Stunde manchmal mehr über einen Menschen als dessen eigene Mutter.

«Das schreit doch nach einem Buch», meint die 37-Jährige mit leuchtenden Augen. Und stellt sofort klar: Alle medizinischen Fälle in ihrem Roman hat sie frei erfunden. Weiter sei die Psychiatrie für viele Leute ein unbekanntes Gebiet, eine mit vielen Vorurteilen behaftete Blackbox. Durch ihr Schreiben könne sie darüber informieren, was auf einer psychiatrischen Station vor sich gehe. Pauchards Alltag – sie ist selbst grosser Krimifan – hat durchaus kriminelles Potenzial: Regelmässiger Kontakt mit der Polizei sowie rechtliche Abklärungen gehören dazu. Auch Erpressungsversuche und Anzeigen von Patienten sind schon vorgekommen.

Impulsive Heldin

Die Psychiaterin ist begeistert von ihrem Beruf, und dies vermittelt auch ihre Hauptfigur Kassandra. Als launische und zynische Person entspricht diese nicht unbedingt dem Typus «Ärztin aus Leidenschaft». Im Zentrum stehen für sie trotzdem immer die Patienten. Für sie setzt sich die junge Ärztin vorbehaltlos ein und stürzt sich dabei regelmässig in lautstarke Konflikte mit ihren Vorgesetzten.

Ist Pauchard auch so impulsiv? Früher vielleicht, meint die zweifache Mutter, jetzt nehme sie vieles ruhiger. «Aber ich mag Konflikte», fügt sie schelmisch grinsend hinzu. Ihre Heldin hat aber noch anderes mit ihr gemeinsam: Sie ist mit einem Hausarzt verheiratet, hat Kinder und avanciert von der Assistenz- zur Oberärztin. Also doch ein Buch über ihr eigenes Leben.

Pragmatische Autorin

Davon distanziert sich die Autorin rasch: «Es geht nicht um meine Selbstverwirklichung.» Sie habe lediglich wenig Erfahrung im Schreiben und habe deshalb keine neue Welt erfinden, sondern über die Welt schreiben wollen, die sie kenne. Dazu gehöre das Zusammenleben mit einem Hausarzt. Dass eine ihrer Figuren nahe an ihn angelehnt ist, nehme ihr Mann zum Glück gelassen. «Ich sparte mir damit viel Recherchearbeit», meint sie pragmatisch.

Viel Zeit bleibt neben der Arbeit und den Kindern auch nicht übrig. Dennoch wirkt die Thunerin alles andere als gestresst. «Das Schreiben ist für mich wie ein Parelleluniversum, eine zweite Welt, die den Kopf agil hält.» Als Schriftstellerin möchte sie sich aber nicht betiteln. Eher als Ärztin, die zufällig ein Buch geschrieben hat. Wenn es den Leuten gefalle, mache sie gerne weiter. Auf Biegen und Brechen wolle sie aber keine Autorenkarriere durchsetzen. «Ich habe meine Identität schon anderswo, ich bin in erster Linie Ärztin und Mutter.» Trotzdem: Ihren zweiten Krimi – mit der gleichen Hauptfigur – hat sie bereits fertiggeschrieben.

Esther Pauchard: Jenseits der Couch. Nydegg Verlag, 429 Seiten. Lesung: Sa, 6.11., 14 Uhr, Stadthauskeller Burgdorf. (Berner Zeitung)

Erstellt: 28.10.2010, 11:47 Uhr

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