Burgdorf

Die Zukunft gehört dem Zweirad

BurgdorfDer Hauslieferdienst Burgdorf von damals – der erste schweizweit – war Grundlage für die vielseitige Dienstleisterin heute. 100'000 Einkaufs­taschen werden jährlich in der Region ausgeliefert – aber auch grössere Waren per Velo.

Auf dem Weg zu einem Kunden: Ein Programmteilnehmer des Hauslieferdienstes Burgdorf.

Auf dem Weg zu einem Kunden: Ein Programmteilnehmer des Hauslieferdienstes Burgdorf. Bild: Marcel Bieri

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An einem heissen Nachmittag bleibt auch mal Zeit für eine Glace. Die Stimmung ist locker beim Hauslieferdienst der Stiftung Intact am Bahnhof Burgdorf. Doch so gemütlich geht es nicht immer zu und her. Meistens herrscht hier geschäftiges Treiben.

Denn der Hauslieferdienst hat eine klare Vorgabe: Die Ware muss zwei Stunden nachdem sie der Kunde im ­Geschäft gekauft hat, bei ihm zu Hause abgeliefert werden. Grösstenteils handelt es sich um Lebensmittel.

Vor 20 Jahren entstand dieses Angebot in Burgdorf. Damals war es schweizweit das erste dieser Art. Intact bietet es inzwischen auch in Kirchberg und Langnau an. ­Etwa 100'000 Einkaufstaschen pro Jahr werden mittlerweile im Emmental ausgeliefert.

Die Stiftung bildet die Basis

Martin Wälti, Co-Geschäftsleiter der Stiftung Intact, hat den Hauslieferdienst in Burgdorf mit aufgebaut. Noch vorher hatte er die Idee einer bewachten Velostation nach nordländischem Vorbild.

«Damals wurden in Burgdorf am Bahnhof viele Velos gestohlen oder beschädigt», sagt er rückblickend. Dem wollte er einen Riegel schieben. Die Bewachung sei als Beschäftigungsprogramm für Erwerbslose im Güterschuppen des Bahnhofs eingerichtet worden.

In der bewachten Velostation am Bahnhof kann jedermann für ein Entgelt sein Velo in Sicherheit unterstellen. Bild: Marcel Bieri

Nur kurze Zeit später wurden bereits die ersten Einkäufe zu Kunden geliefert. Daraus entwickelte sich über die Jahre die Stiftung Intact, die heute im Emmental verschiedenste Angebote im Bereich Beschäftigung von Langzeiterwerbslosen und Integration bereitstellt (siehe Kasten unten links).

Die Stiftung besteht in dieser Form erst seit 2011. Vorher lag die Trägerschaft lange bei den Vereinen IG Velo Burgdorf respektive Pro Velo Emmental. Doch deren Zweck sei nicht gewesen, eine soziale Institution zu führen, weshalb die Stiftung gegründet worden sei, erklärt Wälti.

Bike-Sharing à la Mobility

Der Standort der Stiftung am Bahnhof Burgdorf habe sich gezielt zu einer Mobilitätszentrale entwickelt, sagt Wälti stolz. Denn längst ist es nicht beim Hauslieferdienst und der bewachten Velostation geblieben.

Der Co-Geschäftsleiter zählt die weiteren Angebote auf: Der Velokurier, die Vermietung von E-Bikes für die Herzroute, die Velowerkstatt, der Veloordnungsdienst, der Verkauf von Produkten, die von Programmteilnehmern hergestellt werden. Die Stiftung betreut auch die 18 Fahrzeuge von Mobility in der Region Burgdorf. Bald soll es auch eine Auflade­station für Elektroautos geben.

Wälti erwähnt ein weiteres Projekt der Stiftung: Sie möchte ein Bike-Sharing im Stil von ­Mobility betreiben. Das bedeute, dass Velos an verschiedenen Standorten jederzeit gemietet werden könnten, sagt er. Ziel sei, dass die Velos mit dem Swiss Pass der SBB freigeschaltet werden. Wälti denkt dabei vor allem an die Industriegebiete zwischen Kirchberg und Oberburg mit Burgdorf dazwischen. Er ist überzeugt, dass das Potenzial dafür vorhanden ist.

Zum Angebot von Intact gehören weitere Zweige wie das Restaurant beim Bahnhof Steinhof, die Velowerkstatt, Ateliers oder die Recyclingabteilung, die in Kürze in der Buchmatt eine Halle bezieht und damit um einiges grösser wird als bisher. «Wir ­haben mittlerweile einen Gemischtwarenladen, was aber durchaus System hat und positiv ist», sagt Wälti. Denn das bedeute, dass die Stiftung für Menschen mit den unterschiedlichsten Eignungen Plätze anbieten könne.

Auf der anderen Seite sei die grosse Herausforderung, in verschiedenen Branchen professionell im Markt tätig zu sein. «Wir arbeiten mit Menschen mit sehr unterschiedlichen Leistungsgrenzen», sagt er. «Wir bewegen uns in zwei Welten: in jener der beruflichen und sozialen Integration und in jener, in der die Qua­lität der Produkte und Dienst­leistungen im Markt bestehen muss.»

60 Prozent öffentliche Gelder

Finanziert wird der Betrieb der Stiftung Intact zu etwa 40 Prozent am Markt. 60 Prozent der Erträge setzen sich unter anderem durch Beiträge von Kanton und Gemeinden zusammen.

«Diese werden über Leistungsverträge für die Besetzung der Beschäftigungsplätze erarbeitet», erklärt der Co-Geschäftsleiter. Sein Credo ist es daher, dass Intact mit all seinen Beschäftigungsprogrammen im Emmental eine Gegenleistung erbringt. «Wir bieten auch eine Art Service public.»

Für ihn sind das Leistungen, wie zum Beispiel der Hauslieferdienst, die auf dem freien Markt viel teurer angeboten werden müssten, damit sie rentieren. «Doch dann würden sie nicht mehr im gleichen Umfang genutzt», sagt Wälti überzeugt.

«Wir leisten also etwas, das sonst nicht bezahlt werden könnte.» Dabei profitiere der Betrieb auch von sehr vielen Synergien. «Wir stellen zum Beispiel die Taschen der Velokuriere selber her. Oder wir bauen die Anhänger, die wir für den Hauslieferdienst brauchen, selbst.»

Martin Wälti, Co-Geschäftsleiter: «Wir leisten etwas, das sonst nicht bezahlt werden könnte.» Bild: Marcel Bieri

Transport-Velos für Cargo

In den vergangenen 20 Jahren hat sich das Angebot der Stiftung stetig entwickelt – und tut es weiter. Zum Beispiel bietet Intact auch Transporte an – per Velo. Dafür hat sie sogenannte Cargo-Bikes angeschafft. In Dänemark seien solche schon zu Tausenden unterwegs. Hierzulande werde das ebenfalls zunehmen, ist Wälti überzeugt.

Mit diesen können als Ergänzung zum Hauslieferdienst auch grössere Waren in und um Burgdorf ausgeliefert werden. «Und das ist erst noch umweltfreundlich.»

Tag der offenen Tür der Stiftung ­Intact am Samstag, 10. Juni, von ­10 bis 17 Uhr. Intact präsentiert seine Angebote an sechs Standorten in Burgdorf. Details: www.wir-bringens.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 08.06.2017, 21:47 Uhr

Strategische Partnerschaft

Seit 2012 ist die Stiftung Intact von der Gesundheits- und ­Fürsorgedirektion (GEF) des Kantons als strategische Partnerin anerkannt. Somit ist Intact im ­Emmental für die Ausrichtung und die Bereitstellung sämt­licher Angebote im Bereich Beschäftigung und Integration zuständig.

Für die Geschäftsleitung um Martin Wälti und Theophil ­Bucher bedeutet diese Partnerschaft, dass Intact die Ausrichtung ihrer Angebote selbst ­bestimmen kann. «Wir haben einen Rahmenvertrag mit dem Kanton. Doch innerhalb dieses Vertrags haben wir den Freiraum, den wir für die Umsetzung brauchen», sagt Wälti.

Entscheidend sei für ihn die Qualität der Angebote, doch das bedinge auch eine gewisse unternehmerische Freiheit. Die Stiftung Intact sei mittlerweile zu einem KMU mit über 50 Festangestellten geworden. Dazu arbeiten laut Wälti pro Tag etwa 150 Programmteilnehmende, die Intact von den verschiedensten Stellen zugewiesen werden. tg

Kritik in Langnau

Seit 2008 führt die Stiftung Intact auch in Langnau einen Haus­lieferdienst. Aufgebaut wurde er von Michael Lampart. Im ­Sommer 2015 übernahm er am Hauptsitz in Burgdorf eine neue Aufgabe. Daraufhin folgte in Langnau eine Phase starker personeller Wechsel. Im Frühling ging auch der Leiter, und seine Stelle blieb wochenlang vakant.

Am 1. Juni habe mit Roland Stauer ein neuer Leiter seine Arbeit aufgenommen, sagt Martin Wälti, Geschäftsleitungsmitglied der Stiftung Intact. Die personellen Wechsel, die in der Langnauer Bevölkerung Fragen aufgeworfen haben, erklärt Wälti mit der starken Entwicklung, die sich auf die Organisation ausgewirkt habe. «Wir müssen auf den Markt ­reagieren, damit wir vielseitige Arbeitsplätze für die Programmteilnehmenden schaffen können.» Das habe bei den Angestellten mehrfach zu internen Wechseln geführt.

Kritisiert wurde in Langnau hinter vorgehaltener Hand auch, dass auf einmal Asylbewerber mit den Fahrrädern des Hauslieferdiensts unterwegs waren. Hierzu gibt Wälti zu bedenken: «Unsere Programmteilnehmer haben stark unterschiedliche Leistungsgrenzen.» Nicht jeder verfügt über die körperliche Verfassung, mit dem Velo Ware auszuliefern. Wenn die Sozialdienste nicht genügend Langzeitarbeitslose für den Hauslieferdienst ­zuweisen können, besetzt die Stiftung die Plätze mit Teilnehmenden aus dem Asylbereich.

Die vom Sozialdienst Zugewiesenen würden dann in Bereichen eingesetzt, wo besser auf ihre Fähigkeiten eingegangen werden ­könne, sagt Wälti. Die in der Leistungsvereinbarung enthaltenen Plätze seien in den letzten Jahren immer zu 100 Prozent ausgelastet gewesen. Die Asylsuchenden nähmen also keinem Schweizer einen Platz weg. Das bestätigt Barbara Diethelm, Leiterin der Sozialdienste Oberes Emmental. «Beim Hauslieferdienst existiert keine Warteliste», sagt sie. Hingegen müssten schwächere, ­gesundheitlich beeinträchtigte Personen zuweilen auf einen ­geeigneten Platz warten. sgs

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