Die Zeit, in der Frau Holle auf Erden wandelt

Trachselwald

Das neue Jahr ist angebrochen. Die Zeit der Raunächte dauert noch bis zum 6.Januar. In dieser Zeit, so berichtet der Märchenkenner Hasib Jaenike aus Trachselwald, geht Frau Holle auf der Erde um und bringt den schützenden Schnee.

Der Mann, der von der magischen Welt der Märchen erzählt: Hasib Jaenike von der Märchenstiftung Mutabor vor dem Schloss Sumiswald.

(Bild: Thomas Peter)

Der Schnee deckt die Erde zu, Dunkelheit sucht das Land heim. Während des harten, kargen Winters darben die Menschen. In dieser Zeit rücken sie enger zusammen, entzünden ein Licht und erzählen sich Geschichten aus längst vergangener Zeit, um sich zu trösten. Das neue Jahr hat begonnen. Es bringt die Hoffnung, dass alles wieder besser wird. Viele Sagen und Märchen ranken sich um den Neubeginn. Denn jetzt befinden wir uns in der Zeit der Raunächte – der zwölf Nächte zwischen dem 25.Dezember und 6.Januar. In dieser Zeit, so sagt man, steht der Himmel der Erde ganz nahe, und das Göttliche ist präsent.

Die offenen Himmelstore

Einer, der sich mit Sagen und Märchen auskennt, ist Hasib Jaenike aus Trachselwald. Er ist zusammen mit seiner Frau Djamila der Gründer der Märchenstiftung Mutabor. Vor kurzem erst gab der Mutabor-Verlag das Buch «Wintermärchen» heraus. «Märchen sind keine wahren Geschichten, aber sie erzählen von den wahren Dingen», sagt Hasib Jaenike gleich vorweg. Der 62-Jährige ist zu einem Treffen nach Sumiswald gekommen. «Märchen erzählen von Liebe, Freude, Hass, Gier und Neid, von den allzu menschlichen Gefühlen auf eine zauberhafte Weise.»

Von jeher seien die Menschen von den Jahreszeiten stark beeinflusst worden. Und obwohl die alten Völker den Jahreswechsel nicht wie die Christen vom 31.Dezember auf den 1.Januar feierten, werden in einigen Wintermärchen die Raunächte erwähnt. Es sind die Nächte nach der Wintersonnenwende am 21.Dezember, wenn das Licht allmählich wiederkehrt. «Für die heidnischen Völker war Weihnachten die erste Nacht, in der die Himmelstore offen stehen. Bis zum Dreikönigstag geht die grosse Göttin auf der Erde um», sagt Jaenike. In den Märchen wird diese Göttin durch die Figur der Frau Holle verkörpert. Sie schüttelt nicht nur die Betten aus und lässt es auf der Erde schneien, wie es die meisten Leute aus dem Märchen der Brüder Grimm kennen, sondern kommt auch in zahlreichen anderen überlieferten Erzählungen vor.

Der Segen der Frau Holle

In weniger geläufigen Märchen taucht Frau Holle, wie Jaenike erklärt, auch als Spinnerin, Wettermacherin, Geist oder Taube auf, als uralte oder wunderschöne Frau, die die Menschen je nach ihrem Charakter bestraft oder beschenkt, Segen bringt und über Leben und Tod gebietet.

Hasib Jaenike spricht in diesem Zusammenhang etwa vom Märchen von der weissen Taube (siehe Text rechts) und der Geschichte von Frau Holles Apfelgarten. In Letzterem ähnelt Frau Holle der göttlichen Madonna. Sie sendet ihren Liebhaber, den Tod, aus, um ein altes Weib ins Paradies zu holen. Diese überlistet den Tod mit einem Kartenspiel, geht dann aber letzten Endes gleichwohl, um wieder jung und schön zu sein, durch die Paradiespforten.

Der Name von Frau Holle hat sich mit der Zeit verändert und variiert je nach Region. «Ursprünglich hiess sie Frau Holda oder Hulda. Von diesem Namen stammt das Wort ‹huldigen› ab», erläutert Jaenike. Sie trage aber auch den Namen Percht oder Berchta. Der Berchtoldstag, der 2.Januar, könne deshalb auch als der Tag, an dem Frau Holle gehuldigt wurde, aufgefasst werden.

Frau Holle ist die Gestalt, die das neue Jahr kommen lässt. Sie sorgt dafür, dass es schneit und die in der Erde schlummernden Pflanzensamen vor dem durchdringenden Frost geschützt werden. «Der Schnee wärmt, und unter der Schneedecke kann damit das neue Leben aufkeimen.» Das anbrechende neue Jahr steht somit symbolisch auch für das neue Leben. Mit dem Schnee gibt Frau Holle das Versprechen, dass auf den harten, kargen Winter bestimmt ein neuer Frühling folgen wird.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt