Wasen

Die Viehzucht im Blut

Wasen1892 schlossen sich fünfzehn Landwirte zum Viehzuchtverein Sumiswald zusammen. Mit dabei war auch Ulrich Oppliger. Sein Urenkel, Alexander, ist heute auch Viehzüchter. Vieles hat sich geändert, eines gilt immer noch: Ein guter Muni ist die halbe Herde.

Alexander Oppliger weiss, was es braucht, damit eine Kuh nicht nur schön aussieht, sondern zum Beispiel auch punkto Melkbarkeit Freude bereitet.

Alexander Oppliger weiss, was es braucht, damit eine Kuh nicht nur schön aussieht, sondern zum Beispiel auch punkto Melkbarkeit Freude bereitet. Bild: Thomas Peter

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Im Jahre des Herrn 1892 sassen fünfzehn Landwirte zusammen und beschlossen, so ist es über­liefert, «mit einer geordneten Zuchtarbeit das bäuerliche Einkommen zu verbessern.» Heute, 125 Jahre später, gibt es den Viehzuchtverein Sumiswald immer noch; er gehört zu den ältesten der Schweiz (siehe Box).

Zu den Gründungsmitgliedern gehörte auch ein gewisser Ulrich Oppliger, damaliger Verwalter des Schlossguts Sumiswald. Sein Urenkel, Alexander Oppliger, wohnt heute in Wasen. Auch er ist Viehzüchter. Und dies mit Leib und Seele. Am Küchentisch auf seinem Hof in Oberei erzählt er, wie das war, wie es ist und noch sein wird. Draussen scheint die Sonne, das Gras leuchtet so grün, dass einer Kuh das Wasser im Mund zusammenlaufen muss.

Zwischen Ulrich und Alexander Oppligers Zeit hat sich viel getan auf dieser Welt, und auch der Alltag eines Viehzüchters hat sich verändert. Wenn 1892 auf ­Ulrich Oppligers Schlossgutshof ein Kalb das Licht der Welt erblickte, musste der Bauer erst einmal zu Papier und Farbstift greifen und das Tier auf die ­Punktierkarte malen. «Wegen der Flecken, als Identifikation», sagt sein Urenkel. Dann sei der Zuchtbuchführer vorbeigekommen und habe dem Tier eine Marke und somit eine Identität verpasst.

Die Sache mit dem Internet

Heute, 125 Jahre später, läuft das ein wenig anders: Wenn hier in Wasen ein Kalb geboren wird, muss ihm Alexander Oppliger selber zwei gelbe Plastikmarken in die Ohren stechen. Dann setzt er sich an den Computer und gibt die Daten zum Frischgeborenen auf der Website des Zuchtverbands Swissherdbook ein. Malen muss er nicht mehr.

Dafür gibt es andere Hürden: Nicht immer klappt es mit dem Log-in auf der Website. Und das kann den 60-jährigen Viehzüchter dann schon mal zur Weissglut treiben, wie er sagt. In solchen Momenten kommt ihm seine Frau Charlotte Hasler zu Hilfe. «Durch das Internet ist heute alles sehr unkompliziert geworden», sagt sie. «Der administrative Aufwand ist sehr gering.»

Seit 1985 führen sie gemeinsam das Oppliger-Familienvermächtnis weiter. Vierzig Kühe der Rasse Swiss Fleckvieh leben inzwischen auf den 35 Hektaren in Oberei. Alexander Oppliger und Charlotte Hasler lieben ihre Arbeit. Das merkt man. Jedoch aus unterschiedlichen Gründen.

Verschiedene Variablen

Ihm sei die Liebe zur Viehzucht in die Wiege gelegt worden, sagt Alexander Oppliger. Er hätte sich nie ein anderes Leben vorstellen können. «Du wärst auch un­glücklich geworden», sagt seine Frau. Bei ihr sieht es ein bisschen anders aus. Auch wenn ihre Liebe zu den Tieren nicht geringer ist, reizt die ausgebildete Tierzuchtlehrerin ein anderer, ganz moderner Aspekt an der Sache. Früher, so erzählt es Charlotte Hasler, sei es in der Zucht eigentlich nur um das richtige Papier gegangen. Eine dokumentierte Abstammung brachte entsprechend mehr Geld für die Tiere.

Heute achtet der Züchter aber vor allem auf die Leistungsfähigkeit einer Kuh. Es zählen die Melkbarkeit, die Milchqualität, die Fruchtbarkeit. All das sind Variablen einer kühlen Kalkulation, an deren Ende ein idealer Muni steht, der für Oppligers Biohof an Hanglage passende Nachkommen zeugen soll: nicht zu grosse Weidekühe mit mittlerer Leistung. Solche also, die an die 7000 Liter Milch pro Jahr geben. «Keine Turbokühe», sagt Charlotte Hasler.

Dass der richtige Muni die halbe Herde sei, hiess es auch schon anno 1892. Damals gab es aber nur eine Variable, und das war das Portemonnaie. So wurde der Viehzuchtverein Sumiswald denn vorderhand aus einem einzigen Grund ins Leben gerufen: damit sich die Bauern gemeinsam einen anständigen Muni an­schaffen konnten. Der konnte zu jener Zeit bis zu 30'000 Franken kosten.

Eine Familienangelegenheit

Ja, die Viehzucht ist nicht mehr, was sie einmal war. Ist sie aber einmal Teil einer Familie geworden, bleibt sie das wohl auch. Gut die Hälfte der Nachkommen der Sumiswalder Gründungsmitglieder sind heute noch in der Viehzucht tätig. Und auch bei Oppligers scheint kein Ende in Sicht.

Zwei Söhne haben Alexander Oppliger und Charlotte Hasler. Der eine, Hannes, ist Koch geworden und in die Stadt ge­zogen. Chasper aber, heute 30 Jahre alt, hat die Liebe zum Tier auch gepackt. Als Kind habe er noch mit Lego gespielt und ­überhaupt kein Interesse an der Landwirtschaft gezeigt, sagt sein Vater.

Doch obwohl er eine Polymechanikerlehre machte, wünschte er sich zur Konfirmation Geld für eine Kuh. Eine schwarze. Heute hat sie bereits neun Nachkommen. Und Chasper Oppliger wird in den nächsten Jahren den Hof übernehmen – als Ururenkel von Ulrich Oppliger, der seine Kälber noch abzeichnen musste.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 25.09.2017, 13:08 Uhr

125 Jahre Viehzuchtverein Sumiswald

In diesem Jahr wird der Viehzuchtverein Sumiswald 125 Jahre alt. Er gehört somit zu den ältesten der Schweiz. Dies wird nächsten Samstag mit einer grossen Jubiläumsschau auf dem Schlossareal Sumiswald gefeiert. Der ursprüngliche Zweck des Viehzuchtvereins war, Kräfte zusammenzulegen, um die etwas chaotische Zucht zu ordnen, zu dokumentieren und gemeinsam einen Muni anschaffen zu können. Heute ist das nicht mehr nötig. Dank der künstlichen Befruchtung sind Munis nicht mehr so teuer wie anno dazumal, und die elektronischen Datenbanken machen es möglich, dass heute jeder eigenständig seine Zucht dokumentieren kann. Den Vieh­- zucht­verein Sumiswald gibt es 2017 eigentlich nur noch dazu, die lokalen Viehschauen im Herbst und im Frühling zu organisieren.

In jüngster Vergangenheit haben Viehausstellungen immer wieder für Kritik gesorgt, weil die Kühe mit tierquälerischen Massnahmen aufgehübscht wurden. So wurden etwa die Zitzen mit Sekundenleim verklebt, die Tiere mit Beruhigungs- und Schmerzmitteln gefügig gemacht. Seit Jahren kritisiert der Tierschutz die «Verschönerungstricks» an Schweizer Viehschauen. Alexander Oppliger sagt es bestimmt: «Mit solchen Machenschaften wollen wir nichts zu tun haben. Wir lieben unsere Tiere.» Überhaupt komme das an den lokalen Viehschauen nicht vor. Und die grossen Anlässe, an denen besonders viel Ehrgeiz im Spiel ist, würden er und seine Frau sowieso nicht besuchen. mbu

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