Die Schlitten sind da, der Schnee kann kommen

Schafhausen

Die Kinder im Asylzentrum dürfen sich freuen. Die Burgdorferin Marianne Gertsch sammelte für sie Schlitten und Bobs für den anstehenden Winter. Auch die Heilsarmee begrüsst solche Aktionen.

Auch wenn einige etwas kritisch in die Kamera schauen, die Kinder im Durchgangszentrum Schafhausen hatten grosse Freude an den Spielsachen und Wintersportgeräten, die Marianne Gertsch (links, mit grüner Jacke) für sie zusammengesucht hatte.

Auch wenn einige etwas kritisch in die Kamera schauen, die Kinder im Durchgangszentrum Schafhausen hatten grosse Freude an den Spielsachen und Wintersportgeräten, die Marianne Gertsch (links, mit grüner Jacke) für sie zusammengesucht hatte.

(Bild: Thomas Peter)

Martin Burkhalter@M_R_Bu

Ein singhalesischer Junge machte den Anfang. Mit einem gelben Füdlischlitten versuchte er, den kleinen Hang am Rand des Pausenplatzes hinunterzurutschen, was aber nur mässig gelang. Er musste die Beine zu Hilfe nehmen. Dabei blieb er natürlich nicht unbeobachtet. Kurz darauf schnappten sich die Kinder die Leinen der Schlitten und Bobs und machten sich auf, es ihm gleichzutun. Bald schon vergnügten sich ein Dutzend Kinder aus Syrien, Eritrea und etwa Nigeria an dem kleinen Hang, als wäre es tiefster Winter. Dass es keinen Schnee hatte, schien sie nicht zu stören.

Das Asylzentrum im Schulhaus Schafhausen, welches am 31.Oktober eröffnet worden war, war in den letzten Wochen oftmals in den Schlagzeilen, denn das Zentrum passt nicht allen. Es ist der Burgdorferin Marianne Gertsch zu verdanken, dass dieses Mal nur Erfreuliches vom Durchgangszentrum berichtet werden kann. Konkret: Die Burgdorfer Stadtführerin und ehemalige Journalistin hat vor rund zwei Wochen in dieser Zeitung einen SMS-Aufruf gestartet, um für Flüchtlingskinder gebrauchte Dreiräder, Trottinette und Schlitten zu sammeln. Letzten Dienstag haben Marianne Gertsch und ihr Ehemann Freddy die gespendeten Spielsachen den Kindern im Schulhaus übergeben.

Aus dem ganze Kanton

Rund zwanzig Schlitten, etwa zehn Bobs und ein halbes Dutzend Dreiräder und Spielzeugtraktoren waren auf dem Pausenplatz ausgebreitet. Sogleich schnappten sich die Kleinen die Gefährte und machten den Pausenplatz unsicher. Ein kleines syrisches Mädchen erkundigte sich mit Händen und Füssen danach, wofür man denn diese hölzernen Geräte mit Kufen eigentlich brauche. Es hat noch keinen Schnee gesehen in seinem jungen Leben.

«Kreuz und quer bin ich in den letzten zwei Wochen durch den ganzen Kanton Bern gefahren, um die Spielsachen zusammenzusuchen», sagt Marianne Gertsch. Und wenn sie abends nach einer Tour nach Hause gekommen sei, habe ihr Mann fast jedes Mal zu ihr gesagt, dass sich schon wieder jemand gemeldet habe, der noch den einen oder anderen Bob oder Schlitten zu verschenken habe. Insgesamt seien etwas mehr als dreissig Stück zusammengekommen. Ein kleiner Plastiktraktor etwa stammt von einer Familie aus Thörigen, fünf Holzschlitten allein aus Niederbütschel, Plastikbobs und Poporutscher haben Familien aus Langnau, Oberdiessbach, Grosshöchstetten und zahlreichen weiteren Gemeinden gespendet.

Es braucht Beschäftigung

Wie Marianne Gertsch auf ihrer Website schreibt, waren es die zum Teil haarsträubenden Onlinekommentare und sonstige unflätige Reaktionen gewisser Menschen auf die Eröffnung des Durchgangszentrums im Schulhaus, die sie motivierten, diese Aktion zu starten.

Letzten Dienstag stellte Freddy Gertsch fest: «Daran denkt man zuerst nicht. Das begreift man erst, wenn man es sieht. Die Menschen hier brauchen etwas zu tun. Sie brauchen Beschäftigung. Vor allem die Kinder.»

Jede Hilfe ist willkommen

«Solche Aktionen freuen uns sehr», sagt der Mediensprecher der Heilsarmee-Flüchtlingshilfe Paul Mori auf Anfrage. «Unsere Ressourcen sind nicht grenzenlos, da nehmen wir gerne jede Hilfe an.» An Hilfsbereitschaft scheint es nicht zu mangeln. Der von der Heilsarmee und der Kirchlichen Kontaktstelle für Flüchtlingsfragen organisierte Freiwilligenanlass im Schulhaus Schafhausen vom letzten Samstag hat rund vierzig Personen angelockt. Fahrdienste, Sprachunterricht, Spaziergänge inklusive Geografiestunde – zahlreiche Angebote seien eingegangen, sagt Mori. Es sei sehr wichtig, dass sich in der Schweiz eine Willkommenskultur etabliere. Das helfe nicht nur den Flüchtlingen, sondern nehme auch den Bürgern dieses Landes die Angst vor den Asylsuchenden. Wer seine Hilfe anbieten möchte, könne sich bei der Heilsarmee oder direkt im Schulhaus Schafhausen melden. «Wie gesagt, jede Unterstützung ist willkommen.» Auch wenn die Kinder schon letzten Dienstag grossen Spass zu haben schienen und kaum mehr aus dem Spielen herauskamen, ist doch zu wünschen, dass es bald zu schneien beginnt, damit die Schlitten und Bobs auch auf der dafür bestimmten Unterlage genutzt werden können. Wenn es dann so weit ist, haben Marianne und Freddy Gertsch versprochen, sich mit den Kleinen in den Schnee zu stürzen.

Berner Zeitung

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