Schangnau

Die Schliessung gibt ihm zu denken

SchangnauErnst Aegerter hat einst die Raiffeisenbank nach Schangnau geholt. Nun geht die Geschäftsstelle zu. Ein harter Schlag für den ehemaligen Gemeindepräsidenten.

Hat seinen Protest zu Papier gebracht: Ernst Aegerter daheim am Stubentisch.

Hat seinen Protest zu Papier gebracht: Ernst Aegerter daheim am Stubentisch. Bild: Thomas Peter

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«Die Nachricht hat eingeschlagen wie eine Bombe.» Die Metapher ist nicht nur so dahingeredet: Ernst Aegerter braucht den bildlichen Ausdruck bewusst. Er sitzt daheim am Wohnzimmertisch. Vor ihm liegen Notizen, er hat seine Gedanken mit schöner, schwungvoller Schrift auf Papier gebracht.

Viele Überlegungen zu einem einzigen Thema: die Schliessung der Raiffeisenbank in Schangnau. Denn auf Ende November will die Raiffeisenbank Oberes Emmental ihre Geschäftsstellen in Röthenbach, Signau wie auch in Schangnau schliessen.

Beim Einholen von Reaktionen gelangte diese Zeitung auch an den einstigen Schangnauer Gemeindepräsidenten Ernst Aeger­ter. Er war bereit, seine Sicht der Dinge darzulegen.

Mehr, statt weniger Kunden

Als Gründe für die Schliessung gibt die Bank unter anderem Veränderungsdruck durch den technologischen Wandel und schär­fere Gesetzesauflagen an. Dem stimmt Aegerter zu. Er nennt sogar selbst einen Punkt, der demnächst Kosten verursacht hätte. «In Schangnau standen wegen der Sicherheit bauliche Massnahmen an.» Kosten verursacht hingegen hätten seit Jahren auch die zwei Bankomaten in Signau und Röthenbach. Schangnau hingegen hat keinen Geldautomaten. Ernst Aegerter findet, dass das eingesparte «Bankomatengeld» in Schangnau in die Sicherheit hätte investiert werden ­können.

Weiter führt die Bankleitung ihren Entschluss auch darauf zurück, dass in den drei Geschäftsstellen die Schalterfrequenzen massiv abgenommen haben. Im Bezug auf Schangnau schmerze diese Aussage besonders, so Aeger­ter. «Optisch hat diese nicht massiv abgenommen, sondern deutlich zugelegt.» Dies dürfte auch der in Schangnau wohnhafte Urs Friedli, Mitglied der Bankleitung, festgestellt haben, meint Aegerter.

Die Alternativen sind mässig

Die von der Bank angebotenen Alternativen – dass Kunden gegen Spesen von 4.50 Franken pro Bezug Bargeld in der Bäckerei Bieri beziehen können oder sich das Geld per Post nach Hause schicken lassen – findet Aegerter mässig. «Gerade für die zwischenmenschlichen Beziehungen sind diese Optionen kein Ersatz», so Aegerter. «Wir gingen alle gerne auf die Bank und wurden gut beraten.»

«Gerade für die zwischen­menschlichen ­Beziehungen sind diese Optionen kein Ersatz.»Ernst Aegerter
Alt-Gemeindepräsident

Ein weiteres Thema, das sich der Landwirt notiert hat, ist die Informationstaktik der Bank. Sie klärte per Brief über ihr Vorhaben auf. «Warum wurden ­Genossenschafter, Kunden und Mitarbeiter nicht an einer Orientierungsversammlung über Thematik und Abklärungen informiert? Als genossenschaftlich organisierte Bank ist das ein Muss.» Die Kunden seien einfach vor vollendende Tatsachen gestellt worden. Und das ­i-Tüpfelchen sei, dass die Schliessung in der Weihnachtszeit passiere.

«Warum wurden Genossenschafter, Kunden und ­Mitarbeiter nicht an einer Orientierungsversammlung informiert?»Ernst Aegerter 
Alt-Bankverwaltungsrat

Der Vorkämpfer

Obwohl Aegerter sich über den Entscheid der Bankleitung und des Verwaltungsrates ärgert, hat er auch lobende Worte. Bankleitungsmitglied Urs Friedli sei die letzten Tage vor Ort gewesen, um Kundenfragen zu beantworten. Auch rechnet Ernst Aegerter es dem Verwaltungsratspräsidenten Marco Mutzner hoch an, dass er ihn unter vier Augen über die Schliessung informiert hat. Nach dem Gespräch mit Marco Mutzner sei er «richtiggehend erschlagen» gewesen, erinnert sich Aegerter.

Schon einmal hat er für die Bank gekämpft. 1993 hatte er gemeinsam mit fünf weiteren Initianten die Raiffeisenbank ins Dorf geholt. Bis im Frühling 2015 war der Landwirt Verwaltungsratspräsident der Raiffeisenbank Oberemmental, bis zu dem Zeitpunkt, an dem sich die Raiffeisenbank Langnau und Umgebung und die Raiffeisenbank Oberemmental, zu der auch Röthenbach, Schangnau und Eggiwil gehörten, zur Raiffeisenbank Oberes Emmental zusammengeschlossen haben.

Stillschweigen vereinbart

Nach einer schlaflosen Nacht äusserte er den Wunsch, sich mit dem Verwaltungsrat zu treffen. «Fast alle haben an der kurzfristig einberufenen Sitzung teilgenommen, was durchaus nicht selbstverständlich ist.» An diesem sehr offenen Gespräch habe er seine Überraschung geäussert und seine Forderungen deponiert. Leider habe er feststellen müssen, dass möglicherweise auch aus Zeitgründen die Anwesenden nicht darauf eingegangen seien. Nicht näher eingehen darf er indessen auf das Gespräch, denn es wurde Stillschweigen vereinbart.

Aegerter hat kaum noch Hoffnung, dass der Verwaltungsrat seinen Entscheid überdenkt. «Ob sich in der kurzen Zeit bis Ende Monat eine tragfähige ­Opposition, die sich gegen die Schliessung wehrt, zu bilden vermag, ist offen.» Er ist davon überzeugt, dass die Raiffeisenbank durch die Schliessung der Geschäftsstelle in Schangnau eine grosse Chance vergibt. «Mit dem Erhalt könnte sich die Raiffeisenbank von der Konkurrenz abheben.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.11.2017, 11:12 Uhr

Die Bankleitung

«Kein zusätzlicher Handlungsspielraum»

Es seien «vorwiegend mitarbeiterbezogene und sicherheitstechnische Überlegungen», die zum gewählten Vorgehen geführt haben: So begründet Reto Müller, Vorsitzender der Bankleitung der Raiffeisenbank Oberes Emmental, dass im Vorfeld keine Orientierungsversammlung einberufen worden ist. Die Genossenschafter und Mitarbeiter seien kurzfristig und schriftlich über die bevorstehenden Schliessungen informiert worden, weil der Bank die Gleichzeitigkeit der Bekanntmachung ein Anliegen gewesen sei.

Die Zahlen zu den Frequenzen widersprechen Aegerters Wahrnehmung einer stärkeren Nutzung: 2016 waren es in Röthenbach 5, in Signau 7 und in Schangnau 8 Transaktionen pro geöffneter Stunde, die am Schalter vorgenommen worden sind. Dieser Wert entspricht nicht der Anzahl Kunden, weil die meisten Schalterkunden mehrere Transaktionen aufs Mal erledigen..

Gefragt nach einer Kehrtwende, sagt Müller: Es liege in der Verantwortung des Verwaltungsratsrates, die Schliessung einer Geschäftsstelle «unter Berücksichtigung der gegebenen sowie absehbaren Umständen sorgfältig zu prüfen». Der Verwaltungsrat habe einen Entscheid gefällt und dabei auch Alternativen aufgezeigt. «Ein zusätzlicher Handlungsspielraum besteht nicht.»jgr/cd

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