Kräiligen

Die Rüeblimaschinerie

Kräiligen Wenn man über Kräiligen schreiben will, kommt man kaum an Steffen-Ris vorbei. Hier werden tonnenweise Karotten, Kartoffeln und Zwiebeln gelagert, sortiert und abgepackt.

Diese Pfälzerrüben wurden noch einmal kontrolliert, nun kullern sie auf dem Fliessband Richtung Verpackungsanlage.

Diese Pfälzerrüben wurden noch einmal kontrolliert, nun kullern sie auf dem Fliessband Richtung Verpackungsanlage. Bild: Daniel Fuchs

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647 Einwohner, 262 Hektaren Fläche, eine Forellenzucht, ein Schulhaus, das Restaurant Brücke, einige Bauern-, noch mehr Wohnhäuser, etwas Gewerbe, die Emme, der Limpach und vor allem eines: ein doch für den kleinen Ort relativ grosses Industrieviertel. Willkommen in Kräiligen, dem zur Gemeinde Bätterkinden zählenden Dorfteil am Rande zum Kanton Solothurn.

Wer nun eben auf der Solothurnstrasse vom Dorf Bätterkinden Richtung Lohn fährt, dem werden rechter Hand sofort die grossen Gebäude der Firma Steffen-Ris auffallen. Grün prangt der Schriftzug am gewölbten Dach. Turmhoch und weit um die Ecke stapeln sich die Holzpaloxen. Eine Handvoll Lastwagen haben für die Beladung angedockt. Traktoren mit Anhängern biegen für die Entladung auf den Platz ein.

90 Angestellte

Doch was passiert genau hinter den Mauern dieses Unternehmens, das zur Fenaco-Genossenschaft gehört? Immerhin ist es einer der grössten Arbeitgeber der Gemeinde: 90 von total rund 200 Angestellten der Steffen-Ris AG arbeiten hier. Der Hauptsitz befindet sich in Utzenstorf. Während in der Nachbargemeinde Früchte im Fokus stehen, dreht sich in Kräiligen alles um das, was unter der Erde wächst: 15 000 Tonnen Kartoffeln, 10 000 Tonnen Karotten, 1500 Tonnen Zwiebeln lagern hier in Holzkisten.

Eine weit grössere Menge aus diesem Lager und den Aussenlagern landet sortiert und abgepackt in den Verkaufsregalen von Coop, Migros, Volg, Landi sowie in der Verarbeitungsindustrie, im Gastro- und im Grossistenmarkt. Beliefert werden Kunden von der Westschweiz übers Mittelland bis nach Zürich und Basel.

Hier werden die Kartoffeln in Beutel gepackt und in Kisten verstaut. Foto: Daniel Fuchs.

«Wir sind einer der drei grössten Anbieter dieser drei Produkte in der Schweiz und fungieren als Bindeglied zwischen den Landwirten und den Detailhändlern», sagt Max Stauffer aus Bätterkinden, Leiter Produktmanagement und Beschaffung. Umsatzzahlen gibt die Firma auf dieser Stufe ­keine bekannt; der Nettoumsatz der gesamten Fenaco-Gruppe betrug letztes Jahr 6,26 Milliarden Franken.

Die Vorräte der letztjährigen Ernte sind nahezu aufgebraucht, Frühkartoffeln und Sommer­karotten treffen nun schon seit mehreren Wochen in Kräiligen ein. Letztere durchlaufen ohne Lagerung direkt den Abpackungsprozess. Nur die Rüebli, die im Spätherbst geerntet werden, werden eingelagert, da diese robuster sind.

Fotografiert und ausgemustert

«Nun», sagt Max Stauffer, «werfen wir mal einen Blick in die Produktion.» Er führt zu den Karotten. Der Aufbereitungsvorgang von der Anlieferung bis zum Päck­li läuft grösstenteils voll automatisiert ab, trotzdem ist das menschliche Auge nach wie vor unabdingbar. So etwa bei der Warenannahme. Aus den von den Bauern angelieferten Kisten werden Stich­proben entnommen und nach Mängeln, Grösse und Reifegrad hin untersucht. Das Ganze wird notiert und für die Schlussabrechnung mit den Landwirten einkalkuliert.

In der Halle ist es kühl und feucht. Bis hin zur klimatisierten Spedition sollen es die Rüebli kalt haben, um knackig zu bleiben. Die Karotten baden über längere Strecken in 1 bis 2 Grad kaltem Wasser. Ein erstes Mal tauchen sie in der Waschtrommel ab. Zuerst werden sie grob, dann fein gewaschen und poliert. Anschliessend werden sie auf verschiedene Qualitätssortierer befördert, wo sie durch eine Lichtschranke geschleudert und rundum gescannt werden.

«Wir haben eine Just-in-time- Produktion. Was heute bestellt wird, muss morgen im Laden sein.»Max Stauffer, Steffen Ris AG

«Die Kamera kann sieben Stück pro Sekunde fotografieren», sagt Stauffer. Die Rüebli werden auf Grösse, Gewicht und oberflächliche Mängel hin überprüft und entsprechenden Abwurfkanälen zugewiesen. Die ­gesunden, mittelgrossen Rüebli kommen in die Läden. Die übergrossen finden in der Gastronomie- und der Lebensmittelindustrie Verwendung. Nicht mehr verkäufliche Karotten dienen als Futter in der Landwirtschaft, der Pferdezucht oder im Zirkus.

Die faulen und angeschimmelten werden in die benachbarte Biogasanlage gebracht. In einer Stunde kann jede Maschine 2,5 Tonnen Karotten sortieren und kalibrieren. «Die vier Maschinen schaffen es gesamthaft auf 10 Tonnen pro Stunde», hält Stauffer fest.

Auf dem Förderband purzeln die Karotten weiter. Mitarbeiter kontrollieren sie ein letztes Mal. Die Verpackungsmaschine befüllt automatisch Beutel und Säcke von 1 bis 20 Kilogramm. An­gestellte verstauen die Säcke in Kisten, die schliesslich auf Lastwagen verladen und an ihren Bestimmungsort – zu den Verteilzentren oder direkt zu den Läden – transportiert werden.

Empfindliche Erdäpfel

Ähnliches geschieht auf der Packlinie für die Kartoffeln. Hier ist es allerdings wärmer und staubiger. Die noch schmutzigen Knollen werden nach der Lagerung aufgewärmt. Kartoffeln seien anfälliger auf Lagerschäden und Druck­stellen, erklärt Produktmanager Stauffer. Die Aufbereitungsleistung bei den Kartoffeln beträgt 20 Tonnen pro Stunde, jene für Zwiebeln 4 bis 5 Tonnen.

«Wir haben eine Just-in-time-Produktion», sagt Stauffer. Was heute bestellt werde, müsse morgen im Laden sein. Das bedeutet: Am Vormittag kommen die Bestellungen rein, die Mengen werden umgehend aufbereitet, damit sie am Nachmittag oder gegen Abend zur Auslieferung parat sind.

Der Blick von der Industrie- auf die Solothurnstrasse. Foto: Daniel Fuchs.

Steffen-Ris ist schon seit 1969 in Kräiligen zu Hause – «mitten im Produktionsgebiet», wie Max Stauffer sagt. Damals wurde die erste Halle erstellt, weil in Utzenstorf der Platz nicht vor­handen war, um Lager und Abpackung für Rüebli, Kartoffeln und Zwiebeln auszubauen. 2002 und 2013 wurde der Betrieb erweitert. Das Land gehört der Gemeinde und der Burgergemeinde, die es im Baurecht abgeben.

In den Anfängen, weiss Stauffer, stand die Firma im Kräiligenfeld, das als Industriezone ausgeschieden ist, quasi allein auf weiter Flur. Erst allmählich gesellten sich die anderen Gewerbebetriebe dazu. Das für Kräiligen heute so typische Industrieviertel wuchs heran. (Berner Zeitung)

Erstellt: 03.08.2018, 09:19 Uhr

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«Wir sind Kräiliger»

Nun ja, seien wir ehrlich: Kräiligen ist nicht gerade der schönste Flecken im Emmental. Aber dennoch hat der Ortsteil von Bätterkinden seinen eigenen Charakter. Was Kräiligen ausmacht? «Der Stolz der Leute, Kräiliger zu sein und hier zu wohnen», antwortet Beat Linder prompt. Er muss es wissen, der Gemeindepräsident von Bätterkinden ist selbst Ur-Kräiliger und betreibt eine Firma für Wand- und Bodenbeläge im Ort. Fast jeder Bewohner bezeichnet sich als Kräiliger, kaum je als Bätterkinder. Fast jeder schreibt bei der Postanschrift 3315 Kräiligen (obwohl Briefe und Pakete mit 3315 Bätterkinden genauso ankommen würden). In Kräiligen kennt man sich. Linder hebt als Pluspunkt das Naherholungsgebiet hervor, quasi vor der Haustür könne man laufen, spazieren, Velo fahren und baden. Etwas, womit die Kräiliger – und übrigens ganz Bätterkinden – jedoch zu kämpfen haben: Sie stehen am Rand, an jenem des Verwaltungskreises Emmental und an jenem des Kantons Bern. Sie fühlen sich nicht immer zugehörig.
Von den total 3259 Einwohnerinnen und Einwohnern der Gemeinde leben 647 in Kräiligen. Neun Gewerbebetriebe sind laut Verwaltung in Kräiligen ange­siedelt. Die Industriezone ist circa 13 Hektaren gross. Im Schulhaus wird eine Kindergartenklasse ­geführt. Post, Käserei und Coop-Filiale sind schon lange verschwunden. Noch was: Der Mundartsänger Florian Ast ist in Kräiligen aufgewachsen.
Woher der Name des Ortsteils kommt, scheint unklar zu sein. Man kann nur spekulieren: von den vielen Krähen im Waldgebiet. Jedenfalls trugen die Mitglieder der früheren Hornussergesellschaft Kräiligen eine ausgestopfte Krähe an jedes Fest. Mittlerweile haben sich die Hornusser mit Bätterkinden zusammengeschlossen, die Hornusserhütte steht auf Kräiliger Boden – wie übrigens auch die Landi Bucheggberg. (nnh)

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