Lützelflüh

Die Gemeinde in der Hosentasche

LützelflühSeit Anfang Juli verfügt das Gotthelf-Dorf über eine eigene App. Es ist damit ein Pionier im Emmental. Die Technologie ist vielversprechend und könnte sogar das Zusammenleben verändern.

Ob über die Schule, den Abfall­kalender oder Veranstaltungen – ­jeder kann selber entscheiden, ­worüber er informiert werden will.

Ob über die Schule, den Abfall­kalender oder Veranstaltungen – ­jeder kann selber entscheiden, ­worüber er informiert werden will. Bild: Printscreen

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Im Gotthelf-Dorf ist die Zukunft angekommen. Sogar früher als in allen anderen Emmentaler Gemeinden: Seit dem 29. Juni verfügt Lützelflüh nämlich über ei­ne eigene App. Jawohl. Eine App fürs Smartphone, gratis im Store herunterladbar.

Übersichtlich und benutzerfreundlich ist sie, wie ein Selbstversuch zeigt. Zusammengefasst ist es die Gemeinde-Website in klein. Da kommt die Frage auf: Braucht es das? Anscheinend ja.

Sogar mit ins Bett

Bekanntlich ist es ein Geben und Nehmen zwischen der Bevölkerung und ihren Vertretern. Die Steuerzahler wollen wissen, was die da oben so treiben. Und die da oben wollen wissen, wo da unten der Schuh drückt. Und dafür braucht es: Nähe.

Näher als über das Smartphone kann man heute seinen Bürgern kaum kommen. Manche, wie man so hört, nehmen ihr Gerät sogar mit ins Bett. Dazu gehören nicht nur die ganz, sondern und auch die nicht mehr ganz so Jungen.

Und wer ein Smartphone hat, ist sich gewöhnt, dass er seine Informationen nicht holen gehen muss, sondern dass sie zu ihm kommen. In einer Gemeinde erledigte das bis anhin das ge­meindeeigene Infoblatt. Entgegen dem Namen «Lützelflüh aktuell» ist die Infozeitung im Gotthelf-Dorf aber alles andere als up to date. Kann sie auch nicht sein, erscheint sie doch nur viermal im Jahr.

«Mit der App können wir viel näher an den Ereignissen informieren.»Andreas Meister, Gemeindepräsident

Gemeindepräsident Andreas Meister sagt es treffend – «Mit der App können wir viel näher an den Ereignissen informieren» – und nennt als Beispiel den Hinweis auf die kommende Bundesfeier, die am 31. Juli bei der Kulturmühle stattfindet. «Das steht schon zwei Monate zuvor im Blatt», sagt Meister. «Über das Smartphone können wir die Bevölkerung am entsprechenden Tag nochmals darauf hinweisen.»

Stets aktuell

Gerade um dieses Hinweisen geht es. Das kann heute nämlich nur eine App. Mit sogenannten Push-Nachrichten. Das erklären die Entwickler der Technologie von der Anthrazit AG aus Winterthur. Geschäftsführer Christian Schwengeler sagt es so: «Mittels Push-Nachrichten kann die Gemeinde ihre Bürger aktiv und stets aktuell informieren. Das ist neu.»

Die positiven Effekte sind laut Schwengeler offensichtlich. Die Leute bekommen automatisch mit, was in der Gemeinde gerade läuft, und müssen eigentlich nichts dafür tun: Veranstaltungen, Entscheide des Gemeinderats, Abstimmungsergebnisse, alles ist möglich. Gleichzeitig ist die App auch sehr praktisch, was Termine angeht, wie etwa der Grün- oder der Müllabfuhr. All dies ist individuell einstellbar. Jeder kann selber entscheiden, worüber er informiert werden will.

«Mittels Push-Nachrichten kann die Gemeinde ihre Bürger aktiv und stets aktuell informieren.»Christian Schwengeler, App-Entwickler

Bereits fünfzig Gemeinden nutzen schweizweit eine solche App. Gut zehn sind es im Kanton Bern. Bolligen etwa, Münsingen oder Stettlen. Aber im Emmental ist Lützelflüh die Pionierin. Das Angebot umfasst hier derzeit die Termine für die Abfallent­sorgung, Veranstaltungen, Informationen zu Hotels, zur Schule, zu Haltestellen des öffentlichen Verkehrs, Freizeitangeboten, zum Immobilienmarkt, zu den Gemeindevertretern und ermöglicht es, via App eine Tageskarte zu bestellen. Das ist zwar schon viel, möglich ist aber noch mehr.

«Rechtzeitig aufspringen»

Andernorts wurde laut Geschäftsführer Schwengeler etwa ein sogenannter Dorfmelder eingerichtet. Wenn jemand in der Gemeinde zum Beispiel eine kaputte Strassenlampe sieht, kann er dies via App der Gemeinde­verwaltung melden und wird ­später mittels Push-Nachricht informiert, wenn sie repariert wurde. Der Bürger wird so automatisch wieder Teil des Gemeindelebens.

Das ist für Andreas Meister, Gemeindepräsident von Lützelflüh, das Hauptargument für die App: so viele Bürger wie möglich zu erreichen. «Wir wollen zum einen rechtzeitig auf den digitalen Zug aufspringen», sagt er, «und hoffen aber auch, damit die Jungen anzusprechen.»

«Wir wollen zum einen rechtzeitig auf den digitalen Zug aufspringen und hoffen aber auch, damit die Jungen anzusprechen.»Andreas Meister

Da die Abrechnungen noch ausstehen, kann die Gemeinde noch nichts zu den Ausgaben für die App sagen. Das Unternehmen Talus aus Wiler ist für den Vertrieb und den Support der App im Kanton Bern zuständig und beziffert die Kosten auf rund 10'000 Franken für die Entwicklung und rund 2200 Franken an jährlich wiederkehrenden Gebühren.

Während in anderen Gemeinden, laut der Anthrazit AG, bereits bis zu 80 Prozent der Be­völkerung die App herunterge­laden haben, sind es in Lützelflüh bis dato erst 58 Personen. Das hat aber seinen guten Grund. Die Einwohner sind nämlich erst auf der Website über die neuste Errungenschaft informiert worden. Erst mit der nächsten Ausgabe von «Lützelflüh Aktuell» werden die Einwohner auf die App aufmerksam gemacht. Es erscheint aber erst am 23. August.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 19.07.2017, 06:15 Uhr

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