Die Freikirchen und ihr Sekten-Image

Mindestens ein Dutzend verschiedener evangelischer Freikirchen gibt es im Emmental. Nebst der Tatsache, dass sie oft leichtfertig als Sekten bezeichnet werden, haben sie weitere Gemeinsamkeiten.

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Susanne Graf

Man spricht von den «Frommen» und meint das nicht als Kompliment. Man nennt sie «Stündeler», die Frauen und Männer, die mit ihren Familien die Gottesdienste einer Freikirche besuchen. Und das ist noch harmlos. Oft wird christliches Leben, das sich ausserhalb der Landeskirchen abspielt, auch einfach in den Topf geworfen, der die Aufschrift «Sekte» trägt. Damit geschieht vielen unrecht. Hermann Kocher, reformierter Pfarrer in Langnau, hält fest: Gewisse sektiererische – oder besser – fundamentalistische Züge könnten in der ganzen landes- und freikirchlichen Landschaft da und dort auftreten.

Aber: «Von einer Sekte oder – heute eher – einer Sondergruppe wird zum Beispiel dann gesprochen, wenn eine Gruppierung über die Bibel hinaus auf Zusatzoffenbarungen abstellt, wie dies bei den Zeugen Jehovas oder den Mormonen der Fall ist. Oder wenn sie einen Anspruch vertritt, exklusiv über den Zugang zum Heil zu verfügen.» Das sei bei keiner der im Emmental anzutreffenden evangelischen Gruppierungen der Fall.

«Absonderung von der Welt»

Auch nicht bei der Gemeinde der Evangelisch Taufgesinnten, die ihr Zentrum in Bärau hat. Obwohl sie sich durch einen wesentlich strengeren gesetzlichen Weg und durch eine stärkere «Absonderung von der Welt» auszeichnet als die beiden älteren Langnauer Täufergemeinden, die «Alttäufer» im Kehr und die «Neutäufer» auf Giebel. Die weiblichen Mitglieder der Evangelisch Taufgesinnten lassen sich an langen Röcken und Haarnetzen erkennen. Damit erinnern sie entfernt an die Amischen, die zur Zeit der Täuferverfolgungen vor Jahrhunderten aus der Schweiz nach Amerika ausgewandert sind und sich dort bis heute sowohl der technischen Entwicklung verschliessen als auch an Kleidervorschriften festhalten.

Schnäuze und Röcke

Die Entstehung der Gemeinde der Taufgesinnten zeigt exemplarisch, wie innerhalb einer Freikirche plötzlich scheinbare Nebensächlichkeiten eine Bedeutung erhalten können, die zu Abspaltungen und Neugründungen führen können: Bei den «Neutäufern», die sich zuvor schon von den «Alttäufern» getrennt hatten, kam es vor gut 100 Jahren zum Streit ob der «Schnauzfrage».

Der Oberlippenbart galt bei einigen als Attribut des Offiziers. Weil Täufer keinen bewaffneten Militärdienst leisten durften, lehnten sie den Schnauz ab und schlossen jene vom Abendmahl aus, die sich trotzdem einen wachsen liessen. Es kam zur Spaltung. Der liberalere Teil nennt sich heute Evangelische Täufergemeinde. Sie ist auf Giebel zu Hause.

Die strenggläubigen Taufgesinnten meiden die Öffentlichkeit bis heute. Und ihre männlichen Mitglieder tragen nach wie vor keinen Schnauz.

Lange Zeit legte auch der Evangelische Brüderverein grossen Wert auf Äusserlichkeiten. Im Jahr 2009, zum 100-Jahr-Jubiläum, taufte sich die Gemeinde um in Gemeinde für Christus. Die Kleidervorschriften seien aber bereits vor 10 Jahren gelockert worden, erklärt ein Mitglied von der Gemeinde für Christus in Hasle. Seither dürfen auch die Frauen Hosen und Kurzhaarfrisuren tragen. Was aber nicht bedeuten muss, dass alle Mitglieder die neue Freiheit auch nutzen.

Dauerbrenner «Lobpreis»

Auch wenn Evangelisch-Freikirchliche viele Gemeinsamkeiten haben (siehe Box unten links), kommt es doch immer wieder zu Diskussionen unter ihnen. «Ein Dauerbrenner» sei aktuell die musikalische Gestaltung der Gottesdienste, sagt Pfarrer Andreas Blaser vom Evangelischen Gemeinschaftswerk «Projekt 33» im Rüegsauschachen. In immer mehr Gemeinschaften halten Teile dessen Einzug, was das ICF (International Christian Fellowship) für junge Christen so attraktiv macht: Man singt, meist stehend, von Bands begleitete moderne Lieder mit eingängiger Melodie und einfachen Texten und wiegt sich dazu – oft mit erhobenen Händen – im Takt der Musik.

Diesen «Lobpreis»-Teilen, die nicht selten von persönlichen Berichten aus dem religiösen Erleben begleitet sind, wird oft viel Platz eingeräumt. Andere Gottesdienstbesucher stören sich indes an der um sich greifenden Emotionalität. Sie vermissen das Besinnliche und wechseln unter Umständen auf der Suche nach stärkerer innerer Einkehr in eine andere Kirche. «Die Fluktuation unter den Freikirchen wird grösser, das ist ein neues Phänomen», hat denn auch Pfarrer Hermann Kocher beobachtet.

Berner Zeitung

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