Lützelflüh

Die Briefmarke öffnete sein Herz

LützelflühAls Metzger wurde er nie so richtig glücklich. Fritz Kirchhofers Herz ging erst auf, als er sein Hobby zum Beruf machen und fortan vom Briefmarkenhandel leben konnte. In Philatelistenkreisen ist der Emmentaler heute weltweit bekannt.

Der Stolz des Sammlers: Fritz Kirchhofer zeigt einige seiner seltenen Exponate.

Der Stolz des Sammlers: Fritz Kirchhofer zeigt einige seiner seltenen Exponate. Bild: Thomas Peter

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Die Briefmarken – oder vielmehr die alten Luftpostbriefe – sind seine Welt. Er weiss die unglaublichsten Geschichten darüber zu erzählen, und in Philatelistenkreisen ist er weltbekannt. Zu seiner Passion fand Fritz Kirchhofer jedoch erst in seinem «zweiten» Leben.

Er kam 1949 als einziger Sohn neben fünf Mädchen zur Welt. Endlich hatten seine Eltern, die in Lützelflüh eine gut gehende Metzgerei aufgebaut hatten, einen potenziellen Nachfolger. Dass der kleine Schlingel bei jeder Gelegenheit zum Bahnhof rannte, wo er Züge beobachtete, weil er eigentlich Lokführer werden wollte, fiel kaum jemandem auf. Die Lokführer hatten Freude an ihm, nahmen ihn mit zum Rangieren und auf kurze Dienstfahrten, wo er ans Steuer durfte – sein grösstes Glück. In der Schule sprach man über Berufswahl: «Bei dir ist es ja klar», überging ihn der Lehrer. Und danach kam die Lehre im Schlachthaus Bern.

Der scheue Stift war schockiert über den brutalen Umgang mit den Tieren – von Tierschutz sprach damals noch niemand, auch Kontrollen gab es kaum. «Die Metzgergesellen waren grobschlächtige Burschen», erinnert sich Kirchhofer, sie hatten womöglich noch ihren Spass daran, zu sehen, wie bleich er wurde. Es war schlimm für ihn, aber er wagte sich nicht, etwas zu sagen.

Er wollte ja den Vater nicht enttäuschen. Nur einer merkte, wie ungern er seine Arbeit verrichtete: Ein älterer Metzgermeister schenkte ihm zum Trost seine kostbare Luftpostbriefsammlung. «Von da an investierte ich Freizeit und Lohn in mein neues Hobby», erzählt Fritz Kirchhofer. Die Luftpostbriefe brachten den Duft der grossen, weiten Welt zu ihm.

Das Schicksal erbarmte sich

Dann passierte etwas, das der junge Fritz als Wink des Schicksals hätte verstehen können: Er erlitt einen Unfall, bei dem er mit seinem Messer ausglitt und sich ins rechte Auge stach. Dort verlor er die Sehkraft. Aber statt die Gelegenheit zum Aufhören zu ergreifen, litt er weiter. Er schnitt sich wegen der schlechten Koordination immer wieder in die Finger und beendete die Lehre, wie es von ihm erwartet wurde. Als er später die elterliche Metzgerei in Lützelflüh übernahm, konnte er das Schlachten den Angestellten überlassen – eine grosse Erleichterung.

Auch nach der Heirat und der Geburt zweier Kinder widmete sich Fritz Kirchhofer intensiv der Philatelie. «Ich bin meiner Familie dankbar, dass sie mich machen liess», sagt er heute. So konnte er Ausstellungen besuchen und immer mehr Kenntnisse erwerben.

Er machte Bekanntschaften, knüpfte im In- und Ausland ein Beziehungsnetz, erweiterte seine Kompetenz und wurde bekannt. Nun war er der Aerophilatelist schlechthin, nicht nur in der Schweiz. Das erlaubte ihm, mit 50 Jahren den ungeliebten Beruf an den Nagel zu hängen. Sein ehemaliger Lehrling Adrian Gygax übernahm mit dessen Frau Monika die Metzgerei, die sie bis heute führen. Und Fritz Kirchhofer lebte fortan vom Briefmarkenhandel.

Nicht einfach ein Briefmärkler

«Mein Hobby wurde mein Beruf, ich konnte zu Hause arbeiten», sagt Kirchhofer. Aber es war Arbeit. Er beschäftigte sich nicht nur mit seinen eigenen Sammlungen – «Pro Juventute» und «Heimat» waren hinzugekommene Themenkreise, die auch katalogisiert werden mussten –, sondern er wurde als Experte bei Schätzungen von Erbschaften hinzugezogen. Ältere Sammler beauftragten ihn mit dem Verkauf ihrer Alben, Neulingen half er mit dem Aufbau ihrer Sammlung. «Oft ältere Herrschaften, oft vermögend, interessante Leute», berichtet der Kenner.

Auch heute noch, im Pensionsalter, hält Kirchhofer regelmässig Vorträge, schreibt Artikel für Philateliezeitschriften und installiert Ausstellungen. Die eigenen Exponate, oft kostbare Raritäten, sind mit detaillierten Angaben über ihre abenteuerlichen Reisen versehen. Manches Postflugzeug verschwand samt Besatzung: Pilot, Co-Pilot, Navigator, Funker und Mechaniker – Postsack und Briefe tauchten jedoch irgendwann auf. Bis 1928 mussten Luftreisen mit Schnellbooten über den Atlantik fortgesetzt werden. Später landete man zum Auftanken auf Schiffen, dem Re-Start wurde mit Pressluft nachgeholfen. Kein Wunder, kostete das Porto für Überseepost manchmal einen ganzen Monatslohn und dauerte neun Tage.

Als Anerkennung für besondere Leistungen wurde Fritz Kirchhofer dieses Jahr ins Consilium Philateliæ Helveticæ aufgenommen, eine grosse Ehre, die er nebst anderen Auszeichnungen erhielt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 22.11.2014, 13:47 Uhr

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