Burgdorf

Der weise Entscheid von Vater Dür

Burgdorf Er ist Ökonom und Müllereitechniker, doch seine grosse Leidenschaft ist die Raumfahrt. Hermann Dür ist mitverantwortlich für eine Konferenz, die im Herbst in Luzern stattfindet.

Der Mann im Mond: Die Astronautik ist für Hermann Dür mehr als ein Hobby. Er sammelt auch Gegenstände zum Thema, wie etwa diesen Raumanzug eines Kosmonauten.

Der Mann im Mond: Die Astronautik ist für Hermann Dür mehr als ein Hobby. Er sammelt auch Gegenstände zum Thema, wie etwa diesen Raumanzug eines Kosmonauten. Bild: Olaf Nörrenberg

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21. Juli 1969, 03.56 Uhr MEZ. Ein Datum, eine Zeitangabe. Mehr nicht? «Natürlich», sagt Hermann Dür, aber er präzisiert ­sofort, «es war jedoch 03.56 Uhr und zwanzig Sekunden. Da betrat Neil Armstrong den Mond.» Wenn es um Daten und Zahlen in der Raumfahrt geht, kann man dem 57-jährigen Burgdorfer nichts vormachen. Er weiss stets, wann und wie viele Austronauten mit welcher Apollo-Raumkapsel zum Mond geflogen sind. Oder wie viele Male sie um diesen Planeten oder um die Erde gekreist sind. Er weiss es so präzise, als hätte er es für eine Schulprüfung auswendig lernen müssen.

Trotz seiner Liebe zur Raumfahrt hat Hermann Dür nicht Astronautik studiert. «Die Raumfahrt ist für mich wie Opium. Da es bei Drogen aber einen Gewöhnungseffekt gibt und diese mit der Zeit ihre euphorisierende Wirkung verlieren, wollte ich die Astronautik nie zu meinem Beruf machen», erklärt der Mann, der jedoch betont, noch nie Drogen konsumiert zu haben.

Als Chef der Hermann Dür AG hat er bis 2017 die Sparte Müllerei geleitet. Wie seine Vorfahren hatte er nicht nur das Müllereihandwerk erlernt, sondern an der HSG in St. Gallen auch Ökonomie studiert. Die Raumfahrt sei für ihn wie eine Insel, auf die er sich ­freuen oder ab und an zurückziehen könne.

Ein Stück des Hitzeschilds

Geweckt wurde sein Interesse an der Raumfahrt durch mehrere Texte und Bilder in der «Schweizer Illustrierten» vom 13. Januar 1969. Der Bericht dokumentierte die US-amerikanische Apollo-8-Mission. «Als ich das Bild der startenden, 111 Meter hohen Saturn-5-Rakete mit fünf Triebwerken, die pro Sekunde 13 Tonnen Treibstoff verbrannten, sah, spürte ich die Kraft dieses Un­getüms richtiggehend», erzählt Hermann Dür, der damals achtjährig war. Bis heute hat er diese Illustrierte aufbewahrt. Und jedes Mal, wenn er darin blättert und die Bilder betrachtet, etwa den Blick aus der Raumkapsel auf die Erde, kommt er ins Schwärmen.

Vor 49 Jahren betrat Neil Armstrong als erster Mensch den Mond. Millionen von Menschen verfolgten dies live am Fernsehen. Foto: Getty Images.

Begeistert erklärt er das Foto der auf die Erde zurück­gekehrten Apollo-8-Kapsel. Es zeigt auch das versengte Material, zumal die Kapsel mit elf Kilometern pro Sekunde in die Erdatmosphäre eingetreten und dabei eine Oberflächentemperatur von 2500 Grad entstanden war. «Von diesem Moment an hat mich das Thema Raumfahrt nicht mehr losgelassen», sagt Dür. Was er damals freilich noch nicht wissen konnte: Ein Stück des Hitzeschilds dieser Kapsel, die zehnmal um den Mond geflogen war, ist mittlerweile in seinem Besitz. «Ich habe es bei einer Auktion ersteigert», verrät der Burgdorfer. Der Apollo-8-Flug war der erste bemannte zum Mond. Frank Borman, William Anders und James Lovell waren damit die ersten Menschen, die die Rückseite des Mondes sahen.

Der Redaktor für Raumfahrt

Von «einer weisen Entscheidung» seines Vaters spricht Hermann junior, wenn er an den frühen Morgen des 21. Juli 1969 denkt: «Du musst nicht aufstehen, sagte mein Vater, aber das Ereignis, wenn zum ersten Mal ein Mensch seinen Fuss auf den Mond setzt, wird es in der Geschichte ein einziges Mal geben.» Natürlich liess er sich diesen ­Augenblick nicht entgehen, auch wenn dieser auf dem Bildschirm des gemieteten Fernsehapparates nur schummrig zu erkennen war. Zu Weihnachten des gleichen Jahres erhielt Dür von seinen Eltern das Modell der Mondlandefähre mit der Kommandokapsel von Apollo 11.

Das Thema begleitete den Knaben durch die ganze Schulzeit. Wie Jahrzehnte später mit Panini-Bildern von Fussballern hätten sie im Neumattschulhaus Tauschbörsen mit Raumfahrtbildchen durchgeführt. Und wenn er in der Schule einen Vortrag halten musste, dann gab es bezüglich des Themas nichts zu studieren. Nicht genug: «Am Gymnasium wurde ich für die Schülerzeitung ‹Pagina Gymnasia› zum Redaktor für Raumfahrt ernannt.»

Das kürzeste Interview

Gut vierzig Jahre später kennt man Hermann Dür in der Szene weit über das Emmental hinaus. Seit 2016 ist er Vizepräsident der Schweizerischen Raumfahrt-Vereinigung. Deren Ziel ist klar: astronautische Wissensvermittlung für das breite Publikum und Begegnungsort für Gleichgesinnte. Einmal pro Jahr wird der Space Day durchgeführt: «Wir laden Leute ein, die man meist nur aus den Medien oder aus Büchern kennt.» Claude Nicollier zum Beispiel, der als «genialer Rhetoriker» von seinen Missionen im All berichte. Aber auch Dür vermittelt sein astronautisches Wissen an öffentlichen Vorträgen – einmal an Mädchen und Knaben in einem Zürcher Kindergarten: «Es war schön, die strahlenden Augen zu sehen, als ich einen kleinen Stein vom Mond präsentierte und die Kinder mit den Fingern darüberfahren konnten.»

Hermann Dür, der seit Jahren nahezu alles sammelt, was mit dem Thema Raumfahrt zu tun hat, und zum Beispiel einen originalen, im All getragenen Raumanzug eines sowjetischen Kosmonauten besitzt, machte auch schon weniger schöne Erfahrungen. Schmunzelnd erinnert er sich: «Ich habe das wahrscheinlich kürzeste Interview mit Astronaut Buzz Aldrin geführt, das je gemacht wurde.» Als er diesen bei einem Treffen gefragt habe, ob er ihm ein Autogramm in ein Buch schreibe, habe der zweite Mensch, der seinen Fuss auf den Mond gesetzt hatte, nur mit einem einzigen Wort geantwortet: No. «Die Erkenntnis, dass mir ein Astronaut, den ich als Kind bewundert habe, unsympathisch sein konnte, zeigte mir, dass ich erwachsen geworden war», sagt Dür.

Er ist bis heute sechs von zwölf Menschen, die bisher auf dem Mond herumgelaufen sind, begegnet. Weit erfreulicher war der Kontakt mit Kosmonaut Gennadi Iwanowitsch Padalka. Dieser nahm ein Foto, auf welchem die Familie Dür abgebildet ist, mit ins Weltall und wieder zurück. Signiert hatte es der Russe 2004 mit den Worten: «It was nice to have the familiy Dür in space. Grüezi.»

Bleibt die Frage: Welches Objekt aus der Raumfahrt würde Hermann Dür gerne besitzen? «Die Apollo-11-Kapsel. Wobei meine Frau sicher wenig Freude hätte, wenn dieses Objekt in unserem Garten stehen würde.»

(Berner Zeitung)

Erstellt: 03.08.2018, 06:15 Uhr

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Hermann Dür, Vizepräsident der Schweizerischen Raumfahrt-Vereinigung, organisiert im Konferenzzentrum des Verkehrshauses Luzern eine Konferenz zum Thema «Leadership und Resource Management in Extremsituationen am Beispiel der Apollo-13-Mission», die am 12. Oktober stattfinden wird. Zur Erinnerung: Nach der Explosion eines Tanks während des Fluges musste die geplante Mondlandung im April 1970 gestrichen werden.

Nur dank dem gelungenen Krisenmanagement war es damals möglich, die drei Astronauten in ihrer beschädigten Kapsel sicher auf die Erde ­zurückzubringen. Einer dieser drei war Fred Haise. Der heute 84-Jährige wird an der Weltraumkonferenz im Herbst die Schlüsselperson sein. Als weiterer Referent dieser Fachtagung, die sich an Personen mit Führungsfunktionen in der Wirtschaft, aber auch an raumfahrtbegeisterte Laien richtet, tritt ebenso Claude Nicollier auf. (ue)

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