Der verwässerte Schutz der Wässermatten

Lotzwil/Langenthal

Alle betonen, die Wässermatten seien erhaltenswert. Wer aber schützt die Felder zwischen Lotzwil und Langenthal nach Franz Wächlis Spritzaktion noch?

  • loading indicator
Patrick Jordi@jordipatrick

Die Wässermatten sind «ungeschmälert zu erhalten» und «grösstmöglich zu schonen». So sieht es das Bundesamt für Umwelt (Bafu) in einem Faktenblatt vor, das dem Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (BLN) gewidmet ist. Die Wässermatten wurden 1983 als BLN-Objekt Nr.1312 in dieses Inventar aufgenommen.

Jetzt, da Bauer Franz Wächli in den Wässermatten Abbrennmittel gespritzt und Felder angesät hat, ist offenkundig ins BLN-Objekt Wässermatten eingegriffen worden. Das Bafu hält dazu fest: «Vorhaben in einem BLN-Objekt müssen eingehend auf ihre Vereinbarkeit mit den Schutzzielen der betroffenen Inventarobjekte geprüft werden.»

Dumm nur, dass sich die Bundesstelle im vorliegenden Fall offenbar nicht zuständig fühlt. Das Bafu verweist an die Volkswirtschaftsdirektion des Kantons Bern, Abteilung Naturförderung. Dort wird der schwarze Peter aber ebenfalls weitergeschoben. «Die Aufsicht über die BLN-Gebiete obliegt im Kanton Bern dem Amt für Gemeinden und Raumordnung (AGR) der Justiz-, Gemeinde- und Kirchendirektion», lässt Kommunikationsleiterin Susanna Regli wissen.

Zuständiges Amt winkt ab

Beim AGR nachgefragt, zeigt sich dieses indirekt zuständig für den Fall Wächli und das BLN-Gebiet Wässermatten. Man habe sich nach der Tat des Bauern gefragt, ob man einschreiten müsse, sagt Amtsvorsteher Daniel Wachter. Letztlich kam man zum Schluss, dass es der Gemeinde obliegt, Konsequenzen zu ergreifen. Schliesslich sei der Schutz der Wässermatten im Baureglement von Lotzwil festgehalten, sagt Wachter.

Als mitverantwortlich zeigt sich das AGR insofern, als der Amtsvorsteher die Schutzwürdigkeit der Wässermatten unterstreicht. «Die Handlung des Bauern widerspricht den Schutzzielen des BLN», sagt Wachter. Zu einem anderen Schluss gelangt die letztlich zuständige Gemeinde Lotzwil. In einer gestern versandten Pressemitteilung teilt der Gemeinderat mit, dass die Gemeinde «kein Verfahren gegen den Bewirtschafter auslösen muss».

Argumentiert wird, dass die ackerbauliche Nutzung – die Franz Wächli jetzt in den Wässermatten betreibt – im Baureglement nicht ausgeschlossen sei und auch keine inventarisierten Naturwerte betroffen seien. Der Gemeinderat stützt sich dabei auf Aussagen des kantonalen Amts für Landwirtschaft und Natur, Abteilung Naturförderung. Notabene jene Stelle, die sich gegenüber dieser Zeitung nicht zum Fall äussern wollte.

Willkür in den Wässermatten

Folgt man der Argumentation der Gemeinde Lotzwil, spielt es also keine Rolle, ob Franz Wächli seine Wässermatten als Fruchtfolgefläche nutzt oder sie in ihrer typischen Eigenart als Dauergrünland behütet. Gemeindepräsident Markus Ott sagt, dass man den Bauern bei der Bepflanzung nicht dreinreden könne. Hierbei verlässt sich die Gemeinde auf die zuständige Abteilung beim Kanton. Deren Aussage: «Die aktuellen Grundlagen (Zonenplan und Artikel 531 des Baureglements) beziehen sich insbesondere auf den Erhalt der Bewässerungsinfrastruktur.»

Mit anderen Worten: Der Schutz der Wässermatten ist im Lotzwiler Baureglement womöglich zu wenig explizit formuliert – vor allem, was die Bepflanzung anbelangt. Dazu schreibt der Kanton der Gemeinde: «Im Rahmen einer Ortsplanungsrevision kann der Schutz der Wässermatten gegebenenfalls intensiviert werden.»

In der Tat bietet das Baureglement in seiner jetzigen Fassung einen gewissen Interpretationsspielraum. In den betreffenden Artikeln 531 und 532 ist eine landwirtschaftliche Nutzung in den Wässermatten weder explizit zugelassen noch verboten. Untersagt sind gemäss Absatz 3 lediglich «Tätigkeiten und Nutzungen, welche den Schutzzweck gefährden oder beeinträchtigen. In Absatz 1 ist indessen lediglich der Schutzgedanke umschrieben: «Das Landschaftsschutzgebiet ‹Wässermatte› bezweckt die ungeschmälerte Erhaltung der Kulturlandschaft in der Ebene von Lotzwil.»

Leere Kasse bedroht Schutz

Fazit: Die Schutzvorkehrungen greifen nicht. Und selbst die Wässermatten-Stiftung – jene Stelle, die ursprünglich vom Kanton mit dem Erhalt der Wässermatten beauftragt worden ist – kann den Schutz nicht mehr garantieren. Die Stiftung hat ein Loch in der Kasse. Sie kann die Wässerbauern nicht mehr gerecht entschädigen. Insofern erstaunt es nicht, dass dem flächenmässig grössten Wässerbauern Franz Wächli vor rund zwei Wochen der Kragen platzte. Paradoxerweise beteuerte der Lotzwiler Landwirt nur Minuten vor seiner Spritzaktion, dass ihm die Wässermatten eigentlich am Herzen lägen und ihm dieser Schritt wehtue.

Immerhin ist die Situation nicht derart verfahren, dass die Konfliktparteien nicht mehr gemeinsam an einen Tisch sitzen können. In ihrer Pressemitteilung schreibt die Gemeinde Lotzwil, dass sich die direkt Beteiligten diese Woche zu einer Information und zum Gedankenaustausch getroffen hätten. Dabei wurde der Wässermatten-Stiftung eröffnet, dass ihre baupolizeiliche Anzeige von der Gemeinde Lotzwil nicht weiterverfolgt wird.

Bei dem Gespräch sei auch darauf hingewiesen worden, dass der Erhalt der Wässermatten nicht auf dem Buckel der Bewirtschafter ausgetragen werden könne. Der Gemeinderat vertritt die Meinung, «dass mit der Bezahlung eines Teils der von Franz Wächli gestellten finanziellen Forderungen die sechs Hektaren Wässermatten noch intakt wären».

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt