Schangnau

Der lange Weg zur eigenen Kirche

SchangnauDie Kirchgemeinde feiert eine ganze Woche lang, denn ihr Gotteshaus wird 400-jährig. Bevor sie ihre eigene Kirche bekamen, mussten die Schangnauer für Taufen und Beerdigungen jeweils nach Trub wandern.

Ein idyllischer Ort: Die Kirche von Schangnau steht leicht erhöht, so als würde sie über ihre weitläufige Gemeinde wachen.

Ein idyllischer Ort: Die Kirche von Schangnau steht leicht erhöht, so als würde sie über ihre weitläufige Gemeinde wachen. Bild: Thomas Peter

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Die Gemeinde am äussersten Zipfel des Kantons Bern konnte ihre Geschicke nicht immer selber bestimmen. Im 15. Jahrhundert habe Schangnau politisch zur Stadt Bern gehört, schreibt Volker Niesel. Der örtliche Pfarrer hat aus Anlass des 400-Jahr-Jubiläums «seiner» Kirche eine Chronik verfasst.

Darin führt er dem Leser vor Augen, wie das war, wenn die Schangnauer in grauer Vorzeit etwa jemanden taufen lassen oder von einem lieben Menschen für immer Abschied nehmen wollten. «So manche Tagesreise» hätten sie in kirchlichen Angelegenheiten auf sich nehmen müssen. Denn in religiöser Hinsicht wurde Schangnau einst vom Kloster Trub betreut.

1401 hatten die Klosterherren dann ein Einsehen und liessen im nahen Marbach eine Filialkapelle bauen. Jetzt mussten die Schangnauer keinen Tagesmarsch mehr auf sich nehmen, wenn sie zur Kirche wollten. Trotzdem entpuppte sich der Abstand zwischen Schangau und Marbach schon bald als unüberwindliche Distanz. Im Zuge der Reformation trennten sich die Orte kirchlich.

Die reformierten Schangnauer erhielten 1530 eine eigene Kirche. Davon fehlen allerdings gemäss einem Zitat in der Chronik die urkundlichen Nachrichten. Nur der Flurname Chilchegg weise darauf hin, wo sich der Bau habe befinden müssen.

Zuerst war es gemäss Niesels Nachforschungen der Pfarrer von Trub, der in Schangnau predigte, später übernahm jener von Würzbrunnen diese Aufgabe. Der habe auch die Gemeindeangehörigen von Trub betreut. Im Jahr 1594 nabelte sich Schangnau von Trub ab und wurde eine eigene Kirch­gemeinde.

Angriff der Katholiken

Was die Schangnauer nun diese Woche mit verschiedenen Anlässen feiern, ist die Tatsache, dass sie 1618 eine neue Kirche erhielten. Diese wurde auf Anordnung der Berner Obrigkeit gebaut. Doch jahrelang lagen die Reformierten mit den Katholiken derart im Streit, dass es zu kriegerischen Auseinandersetzungen kam.

Das betraf auch die an der Grenze zum katholischen ­Luzern liegenden Schangnauer. Niesel berichtet: «Bei Übergriffen der Entlebucher wurde am 11. Januar 1656 Schangnau besetzt und geplündert.» Die Einwohner hätten sich auf dem Schallenberg in Sicherheit bringen können, bis der Ort einen Monat später wieder befreit worden sei.

Die Kirche jedoch hatte es bös erwischt: Die Fenster mussten ersetzt werden, der Chorraum brauchte ein neues Dach und die Kirchentore neue Beschläge. Ausserdem waren die Kanzel, das Gestühl und der Abendmahlstisch zerstört. Nur der Taufstein blieb unversehrt. «Auf ihm finden wir deshalb die Jahreszahl 1618, die Kanzel trägt dagegen die Jahreszahl 1657», erklärt der heutige Pfarrer.

Die grosse Renovation

Danach folgten ruhigere Zeiten. Anfang des 19. Jahrhunderts baute die Kirchgemeinde auf der Westseite einen hölzernen Anbau als Ersatz für das alte Vordach. 1831 schaffte sie eine Hausorgel an, und im Innern wurden später drei Emporen eingebaut. Vor gut fünfzig Jahren wurde dann eine grosse Renovation vollzogen.

Ein Blick ins Innere: Die Orgel wurde 1968 eingeweiht. Bild: Thomas Peter

Seither präsentiere sich die Kirche in der «Gestalt, die den Schangnauern so vertraut ist», schreibt Niesel. Die Erneuerung des Gotteshauses lag der Gemeinde offenbar am Herzen. Schon sechs Jahre bevor die Arbeiten in Angriff genommen worden seien, habe der Frauenverein angefangen, für die Restauration Geld zu sammeln. Übrigens konnten die Schangnauer mit ihrer Kirche nicht tun und lassen, was sie wollten.

Die eidgenössische Kommission für Denkmalpflege veranlasste «Planänderungen». Als dann endlich gebaut wurde, kam der schlechte Zustand des Gebäudes erst richtig zum Vorschein: Die Deckenbalken seien dort, wo sie in die Seitenmauern der Kirche eingefügt gewesen seien, «weitgehend vermodert» gewesen, steht in der Chronik.

Das «altvertraute Kirchlein»

Im Jahr 1968 konnten die Schangnauer in der erneuerten Kirche dann auch noch eine neue Orgel einweihen. Zehn Jahre später, als die Kirchgemeinde bereits wieder schuldenfrei war, schrieb Baukassier Ernst Siegenthaler im Vorwort zur Bauabrechnung: «Unser Kirchlein hat durch Umbau und Renovation ein neues Kleid er­halten und ist dabei doch das altvertraute Kirchlein in unserem Bergtal geblieben. Wohl niemand möchte es anders haben.»

Viel hat sich seither an dem Bauwerk nicht geändert. 2010 wurde lediglich noch ein behindertengerechter Zugang gebaut. Und 2012 musste das Dach erneuert werden. Nach einem Unwetter galt es sämtliche Schindeln zu ersetzen.

Als dann das ganz grosse Unwetter 2014 über der Gemeinde niederging, hielt das Dach den vom Himmel fallenden Sturzbächen wieder stand, sodass, wer wollte, in einer trockenen Kirche Trost suchen konnte.

Die Schangnauerinnen und Schangnauer feiern das 400-Jahr-Jubiläum ihrer Kirche mit einer Festwoche, während deren für Alt und Jung verschiedene Aktivitäten geplant sind. Am kommenden Sonntag etwa steht um 9.45 Uhr ein Festgottesdienst mit geladenen Gästen auf dem Programm. Die Kleinformation einer Feldmusik wird die Feier in der reformierten Kirche musikalisch umrahmen – sie kommt aus dem katholisch geprägten Marbach. (Berner Zeitung)

Erstellt: 22.05.2018, 06:12 Uhr

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