Burgdorf

«Der Zeitpunkt ist ideal»

BurgdorfEr leitet die Baudirektion seit 9 Jahren, hat das Image eines Grünen, ist trotzdem sehr investorenfreundlich und will die Stadt vorwärtsbringen: Peter Hänsenberger. Ende Jahr tritt der Bauingenieur mit 64 Jahren in den Ruhestand.

<b>Als Leiter der Burgdorfer Baudirektion</b> hat Peter Hänsenberger die Entwicklung der Stadt in den letzten Jahren massgeblich mitbestimmt.

Als Leiter der Burgdorfer Baudirektion hat Peter Hänsenberger die Entwicklung der Stadt in den letzten Jahren massgeblich mitbestimmt. Bild: Marcel Bieri

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Peter Hänsenberger, warum hören Sie ein Jahr vor der ordentlichen Pensionierung auf?
Peter Hänsenberger: Seit 31 Jahren arbeite ich bei und für die Stadt und führe seit 2008 mit Engagement die Baudirektion. Nun ist es Zeit, dass eine andere Person das Ruder übernimmt.

Können Sie denn überhaupt loslassen?
Das wird sich zeigen.

Was macht ein Mann, der noch voll im Saft ist, mit so viel freier Zeit?
Da gibt es sehr viele Möglichkeiten, auch im Bereich der Frei­willigenarbeit. Ich habe ver­schiedene Projekte, die ich derzeit prüfe. Ein kleiner Rebberg im Tessin wäre zum Beispiel eine schöne Aufgabe.

Würden Sie auch Mandate im Baubereich übernehmen?
Hierzu habe ich mir noch keine abschliessende Meinung gebildet. Gewisse Projekte werde ich für die Stadt im Mandat weiterführen. Weiter gehende Mandate mit einer Expertenfunktion wären zwar denkbar, aber sicher nicht über das ordentliche Pensionsalter hinaus. Als graue Eminenz möchte ich niemanden mehr beraten. Es hat genügend gute, jüngere Fachleute, die dies tun können.

Für die Stadt kommt Ihr Abgang zu einem ungünstigen Zeitpunkt.
Warum meinen Sie?

Weil diverse Bauprojekte – Suttergut Nord, Butterzentrale, Uferweg, Alpina, Zentrumsüberbauung Hunyadigasse – in einer Phase sind, in der eine erfahrene Führungsperson nötig wäre.
Die Projekte Suttergut Nord und Uferweg sind tatsächlich zwei Geschäfte, die ich im Mandat weiterbegleiten werde. Diese Pro­jekte wird Birgit Kurz schritt­weise übernehmen. Sie ist eine sehr kompetente Leiterin Stadtentwicklung. Die Entwicklung der Stadt ist so dynamisch, dass selbst in den nächsten 10 Jahren der Zeitpunkt für einen Rücktritt immer der falsche wäre. Neben den Projekten, die realisiert werden, gibt es zwölf Areale, für welche wir Entwicklungen ausarbeiten. Neu und spannend ist, dass wir im Bereich Siedlungsentwicklung einen Richtplan machen werden. Dies ist ein Auftrag der aktuellen Legislaturplanung.

Statt im Büro zu sein, wird Peter Hänsenberger öfter im Tessin wandern. Bild: Marcel Bieri

Bitte etwas konkreter.
Wenn man weiss, dass in etwa 10 Jahren die inneren Verdichtungsreserven aufgebraucht sein werden, muss man sich die Strategie für die Zeit danach über­legen. Dabei geht es um Fragen wie: Will sich die Stadt noch entwickeln und wenn ja, in welchem Umfang? Wo setzt man Akzente? Die Diskussion solcher Fragen beginnt in Kürze. Für meine Nachfolgerin oder meinen Nachfolger ist der Zeitpunkt für einen Einstieg deshalb ideal.

Wird Birgit Kurz Ihre Nach­folgerin?
Die Stelle wird öffentlich ausgeschrieben.

In welcher Phase sind die Grossprojekte Suttergut Nord und Uferweg?
Das Projekt Uferweg steht. Jetzt wird die Überbauungsordnung ausgearbeitet. Dann wird der normale Weg des Planerlass­verfahrens mit einer Mitwirkung beschritten. Beim Suttergut Nord erhalten wir demnächst den zweiten Vorprüfungsbericht des Kantons. Danach beginnt die öffentliche Auflage. Ab diesem Zeitpunkt ist das Projekt be­züglich der planerischen Seite für die Stadt zu einem guten Teil abgeschlossen. Was folgt, sind die üblichen Schritte des Planerlassverfahrens bis und mit Entscheid des Gemeinderates.

Wie steht es um die ehemalige Butterzentrale?
Der Projektwettbewerb wurde abgeschlossen. Das Siegerprojekt wird Anfang Mai vorgestellt.

Die Überbauung des Alpina-Areals dürfte nach dem positiven Volksentscheid im letzten Jahr auf gutem Weg sein.
Da die Grundeigentümer sich entschieden haben, eine Denkpause einzulegen, ist dieses Projekt für uns nicht aktuell.

In den letzten Jahren ist die Stadt stetig gewachsen, und der Bauboom scheint kein Ende zu nehmen. Ist dies für Burgdorf eine gesunde Entwicklung?
Ja. Seit dem Jahr 2000 wachsen wir pro Jahr im Durchschnitt um achtzig bis hundert Wohnungen beziehungsweise um etwa 100 Einwohner. Im Vergleich mit Gemeinden im Arc Lémanique oder im Raum Zürich haben wir eine sehr moderate Entwicklung, die gut funktioniert. Das sieht man auch daran, dass die Wohnungen vom Markt gut aufgenommen werden. Wir haben einen Leerwohnungsbestand von etwa 1,5 Prozent. Diese Anzahl ist nötig, damit der Wohnungsmarkt spielt.

Weniger rosig siehts beim Wohneigentum aus.
Tatsächlich ist die Nachfrage weit grösser als das Angebot. Dies darum, weil es sich bei den Investoren oft um institutionelle Anleger handelt, primär Pensionskassen, die Mietwohnungen bauen.

«Als graue Eminenz möchte ich niemanden mehr beraten.»Peter Hänsenberger

Muss die Stadt überhaupt wachsen?
Wenn man sich als Regional­zentrum positioniert, braucht es ein gewisses Wachstum, damit ein neues Angebot entsteht. Man kann sich aber fragen, wieweit die Stadt wachsen will oder muss. Burgdorf zeichnet sich durch eine hohe Zahl an Arbeitsplätzen aus. Bei 16 000 Einwohnern und 13 000 Beschäftigten haben wir ein Superverhältnis. Wir haben auch einen Zupendlerüberschuss. Dies trägt auch dem raumplanerischen Gedanken Rechnung: Dort, wo man wohnt, soll man möglichst auch arbeiten können.

Die Bautätigkeit ist wohl auch so gross, weil die Stadt sehr investorenfreundlich ist.
Wir bemühen uns, Investoren gegenüber gute Dienstleistungen zu erbringen. Das ist wichtig, wenn wir Erfolg haben wollen. Unsere Anstrengungen geben uns recht. Wir haben sehr oft Anfragen von Investoren, weil diese sehen, dass Burgdorf ein sehr gut erschlossener Standort ist, der sich stets weiterentwickelt. Ein Beispiel: Mit dem Richtplan ESP Bahnhof haben wir eine rechtliche Grundlage geschaffen. Dies führte dazu, dass die Alfred Müller AG die Gebäude und das Areal der ehemaligen Maschinenfabrik Aebi gekauft hat. Die Stadt ist eine verlässliche Partnerin. Der Gemeinderat legt mit einer guten planungsrechtlichen Grundlage fest, welche Entwicklung er sich vorstellen kann. Darauf können sich Investoren einstellen.

Mehr Wohnraum bedeutet mehr Leute und hat mehr Verkehr zur Folge. Macht Ihnen diese Entwicklung nicht Bauchschmerzen?
Eigentlich nicht. Denn wir ver­folgen die Strategie, die kurzen Fahrten innerhalb der Stadt vom Auto weg auf den öffentlichen Verkehr, aufs Velo oder auf den Fussweg zu bringen. Dies hat sich bewährt. Davon profitieren auch diejenigen, welche mit dem Auto unterwegs sind. Im gesamtschweizerischen Vergleich haben wir einen deutlich unterdurchschnittlichen Motorisierungsgrad. Fakt ist: Obwohl in den letzten 17 Jahren zweitausend Wohnungen gebaut wurden, führte dies nicht zu einem innerstäd­tischen Verkehrsproblem. Hingegen hat die Auslastung der Busse stark zugenommen.

Hat das Wachstum Grenzen?
Wenn die innere Verdichtung ausgeschöpft sein wird, stellt sich die Frage, ob neues Bauland eingezont werden kann. Nach geltendem Raumplanungsgesetz ist dies sehr schwierig. In der Regel muss zuerst flächengleich aus­gezont werden. Das grösste Potenzial hätte die Nutzung des Armeemotorparks. Deshalb führen wir seit Jahren intensive Diskussionen mit dem VBS. Bisher ohne Erfolg. Sollte die Stadt das Areal dereinst aber nutzen können, käme dies einem Quantensprung an neuen Einwohnerinnen und Einwohnern gleich. Weil die Fachhochschule bereits eine Studie gemacht hat, wissen wir relativ gut, was dort gebaut werden könnte.

«Wir haben sehr oft Anfragen von In­vestoren, weil diese sehen, dass Burgdorf ein sehr gut erschlossener Standort ist, der sich stets weiterentwickelt.»Peter Hänsenberger

Und wenn das VBS das Areal nicht freigibt?
Dann stellt sich tatsächlich die Frage, auf welche Art die Stadt noch wachsen kann. In einer ­neuen Siedlungsstrategie soll deshalb genau diese Frage mit der Bevölkerung breit diskutiert werden.

Gibt es nach 9 Jahren an der Spitze der Baudirektion Be­reiche, in denen Sie nachhaltig Spuren hinterlassen werden?
Einerseits haben wir in Burgdorf eine nachhaltige Planungskultur entwickelt, welche über Jahre aufgebaut wurde und von allen Beteiligten sehr geschätzt wird. Andererseits verfügen wir heute über zeitgemässe planungsrechtliche Grundlagen. Diese Arbeiten können aber nicht auf die letzten 9 Jahre reduzieren werden. Die Überbauungsordnungen und auch die Ausscheidung von Zo­nen mit Planungspflicht waren sicher mit ein Grund, weshalb etwa 25 Überbauungen von guter bis hoher Qualität realisiert wurden. Das ist ein System, das ich in Burgdorf eingeführt habe und das erfolgreich weiterbetrieben wird. Zudem ist die Baudirektion mit all ihren vielfältigen Auf­gaben heute sehr gut aufgestellt.

Gibt es spezielle Bauten?
Da gibt es eine Vielzahl von Projekten. Nennen möchte ich speziell den Bau des anfangs um­strittenen BLS-Radwegs. Dieser konnte realisiert werden, weil alle Involvierten Zugeständnisse gemacht haben. Hinzu kommen die Velostation und der Bushof, der nun gebaut werden kann. Diese Projekte hinterliessen Spuren, die auf mich zurückzuführen sind.

Wenn Sie entscheiden könnten: In welche Richtung sollte sich die Stadt Burgdorf entwickeln?
Die in den letzten 10 bis 20 Jahren erfolgte Entwicklung sollte fortgeführt werden – moderat und die innere Entwicklung nutzend. Wichtig ist auch, dass wir im Bereich Arbeitsplätze ein geschärftes Profil erhalten und uns nicht nur einseitig in Richtung Wohnen entwickeln. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.04.2018, 21:35 Uhr

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