Krauchthal

Der Herr der kleinen Flugzeuge

Krauchthal In 3500 Stunden hat der Krauchthaler Res Lüthi einen Bücker Jungmeister im Massstab 1:3 originalgetreu nachgebaut. Jetzt ist er mit diesem Modellflugzeug Weltmeister geworden – zum siebten Mal.

Der derzeit weltbeste Modellflugpilot von Nachbauten berühmter Maschinen kommt aus dem Emmental: Res Lüthi mit seinem Bücker-Doppeldecker Antarès.

Der derzeit weltbeste Modellflugpilot von Nachbauten berühmter Maschinen kommt aus dem Emmental: Res Lüthi mit seinem Bücker-Doppeldecker Antarès. Bild: PD

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Zuoberst auf dem Podest zu stehen und dabei die Nationalhymne zu hören, ist für Res Lüthi etwas vom Schönsten. Eben hat er dies wieder erlebt. In Meiringen ist er mit seinem Modellflugzeug Bücker Jungmeister Antarès erneut Weltmeister geworden.

Die blau-weisse Maschine mit einer Flügelspannweite von 220 Zentimetern und einem Gewicht von 14 Kilogramm ist nicht irgendein Objekt, sondern ein originalgetreuer Nachbau im Massstab 1:3. Angetrieben von einem 10 PS leistenden Motor mit 85 Kubikzentimetern.

Im Fachjargon heisst die Flugmodellkategorie Scale F4C.3500 Stunden hat der Mann, der am 4. August 65-jährig wird, in den Bau der Antarès investiert. Wie bereits im Kindergarten, als er das Segelflugzeug Kleiner Uhu allein mithilfe eines Plans konstruierte, hat er auch den Bücker mit selbst hergestellten Teilen ­erbaut.

Jede Flügelrippe, jeder Spant, jedes Ruderhorn und auch das Fahrwerk hat Res Lüthi in seiner kleinen Werkstatt gefertigt. Gestützt hat er sich dabei auf Detailzeichnungen des Originals ­sowie auf mehr als 300 Fotos.

«Solange die Motorik stimmt und ich gut sehe, kann ich mein Hobby auch noch im Alter ausüben.»Res Lüthi

Ab und an hat er auf einem Flugplatz auch mal einen Bücker Jungmeister millimetergenau ausgemessen. Kein Wunder, entspricht jede Niete und jede Schraube seines Modells dem grossen Vorbild. Bausätze, die sämtliche Materialien zum Bau eines Flugzeugs ­beinhalten und deshalb binnen relativ wenigen Stunden zusammengeleimt und -geklebt werden können, waren nie sein Ding.

Das Flugtraining

«Was mich fasziniert, ist die Vielseitigkeit. Beim Bau kann ich mit allen Materialien und Techniken arbeiten», erklärt der Tüftler, der bis vor einem Jahr in Ittigen Fünft- und Sechstklässler unterrichtet hat, seither aber im Ruhestand ist. Wobei Ruhestand auf den Frührentner ganz sicher nicht zutrifft.

Er hat nun noch mehr Zeit für sein Hobby. Statt wie früher nur am Mittwochnachmittag oder am Samstag kann Lüthi jetzt auch während der Woche zum Flugtraining nach Wiggiswil fahren.

Der Absturz

Mehr als 600 Flüge hat Res Lüthi mit seiner Antarès bis heute absolviert. Mit den gegen hundert Modellen, die er in seinem Leben bereits gebaut hat, kurvte der passionierte Modellflugpilot einige Tausend Stunden durch die Luft: «Beim Fliegen sind mir nahezu keine Grenzen gesetzt.»

Selbst wenn er damit primär die dreidimensionalen Grenzen meint, denkt er auch an jene des Alters. Lüthi, der früher aktiver Leichtathlet war und in Herzogenbuchsee und Bern Handball gespielt hat, meint: «Solange die Motorik stimmt und ich gut sehe, kann ich mein Hobby auch noch im Alter ausüben.»

Dass er das Fliegen von der Pike auf gelernt hat und mit einem Showflugteam durch die halbe Welt gereist ist, war eine Grundvoraussetzung dafür, dass er sich 1990 an den Bau von Scale-Flugzeugen herangewagt hat. Denn wer will schon eine Maschine zu Bruch fliegen, für deren Bau er einige Tausend Stunden Arbeit aufgewendet hat?

Von dieser Negativerfahrung blieb allerdings auch Lüthi nicht verschont. An den Schweizer Meisterschaften 2011 im Tessin ging während des Fluges mit dem Bücker Jungmeister das Sendermodul kaputt.

Folglich stürzte die blau-weisse Maschine auf die Betonpiste und erlitt nahezu Totalschaden. Doch Lüthi gab die Sache nicht verloren und reparierte das Fluggerät binnen 600 Stunden. Der Aufwand lohnte sich: Ein Jahr später wurde er mit just diesem Modell in Spanien Weltmeister.

Der misslungene Kunstflug

Zu diesem Zeitpunkt war das Original, das Lüthi detailgenau kopiert hatte, längst Geschichte. Die Bücker Bü-133 mit der Immatrikulation HB-MKM war am Nachmittag des 5. Januars 1999 an der Fassade der alten Käserei bei Sonnenberg in der Gemeinde Abtwil SG bei einer Kunstflugvorführung zerschellt. Der Pilot, der in der mehr als 60-jährigen Maschine sass, wurde dabei erheblich verletzt.

«Das erste Mal gewinnen ist am schönsten. Ab  dann muss man verlieren lernen.»Res Lüthi

Von der Aviatik angefressen ist Res Lüthi seit früher Kindheit. Quasi geerbt hat er dies von seinem Vater, einem Lokomotivführer bei der Emmental-Burgdorf-Thun-Bahn.

Geradezu begeistert war der Knabe von einem Bücker-Doppeldecker, der an einem Flugtag in der Burgdorfer Ey beteiligt war. Diesen Flugzeugtyp gibt es in zwei Ausführungen: Der Doppelsitzer, der oft zur Pilotenschulung eingesetzt wurde, heisst Jungmann, der Einsitzer Jungmeister.

Das Aviatikvirus

Mit dem Aviatikvirus angesteckt hat Lüthi Jahre später den einen oder anderen Schüler in Ittigen: «In der sechsten Klasse habe ich mit jenen Schülerinnen und Schülern, die dies wollten, ein Modellflugzeug gebaut.» Gemeinsam hätten sie dieses geplant, die Teile selbst hergestellt und dann das Flugzeug zusammen fliegen lassen.

Der Pädagoge schätzt, dass etwa eine Schülerin oder ein Schüler pro Klasse dem Modellflug bis heute treu geblieben ist. Vom Hobby ihres Mannes begeistert ist auch Therese Lüthi. Vor zwölf Jahren haben sich die Kindergärtnerin und der Lehrer an der Schule Ittigen kennen gelernt, inzwischen sind sie verheiratet.

Auch an Meetings und Meisterschaften ist sie seine Partnerin, leidet mit, wenn es um den Punktekampf geht. Punkte, die letztlich entscheiden, ob Res Lüthi auf oder neben dem Treppchen steht.

Bei Weltmeisterschaften stand der Krauchthaler Modellflugpilot bereits siebenmal ganz oben, zweimal wurde er Europameister und nicht weniger als fünfundzwanzigmal Schweizer Meister. Ist es vor diesem Hintergrund nicht etwas langweilig, scheinbar konkurrenzlos an internationalen und nationalen Meisterschaften teilzunehmen?

Res Lüthi lacht: «Das erste Mal gewinnen ist am schönsten. Ab dann muss man verlieren lernen. Vor vier Jahren in Frankreich habe ich verloren und wurde nur Zweiter.» Sein Ziel sei stets ein Medaillenplatz. Jüngst in Meiringen stand er einmal mehr zuoberst auf dem Podest.

Mindestens bis zu den nächsten Weltmeisterschaften im Jahr 2020 in Nor­wegen steht dem ambitionierten Konstrukteur und Piloten von Scale-Modellflugzeugen niemand in der Sonne. Klar ist für Lüthi, dass er dann mit dem doppelsitzigen Bücker Jungmann Lerche an den Start gehen wird. Ebenfalls 3500 Stunden wird er bis dann für den Bau aufgewendet haben.

Die einsamen Stunden

Rund 20 000 Stunden hat Res Lüthi bis heute in seinem Hobbyraum verbracht. Ein Einzelkämpfer mag er deswegen sein, ein Einzelgänger aber nicht: «Ich baue nicht nur, sondern tausche mich mit Gleichgesinnten aus.

Und: Ich fliege.» Vielleicht sein Parademodell ist ein Jagdflugzeug vom Typ Venom. In 5000 Stunden hat er dieses Modell mit Jettriebwerk gebaut. Schade nur, dass er diese Maschine nicht an Weltmeisterschaften vorführen darf. Der Grund: Die Militärmaschine bringt mehr als die erlaubten 15 Kilogramm auf die Waage. (Berner Zeitung)

Erstellt: 28.07.2018, 07:08 Uhr

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