Der Biber erobert das Emmental

Koppigen

Biber auf dem Vormarsch: Ein Exemplar hat sich in der Gemeinde Koppigen niedergelassen. Seit letztem Jahr finden sich am Ufer des Wynigenbaches und der Oesch Spuren des Nagers.

Die Spuren: Der neue Biber zeigt in Oeschberg bei Koppigen Zähne. Entlang der Oesch und des Wynigenbaches hat er Äste von Bäumen und Sträuchern angeknabbert. Ihm scheint es hier zu gefallen.

Die Spuren: Der neue Biber zeigt in Oeschberg bei Koppigen Zähne. Entlang der Oesch und des Wynigenbaches hat er Äste von Bäumen und Sträuchern angeknabbert. Ihm scheint es hier zu gefallen.

(Bild: Thomas Peter)

Nadja Noldin

Koppigen hat einen Neuzuzüger. Eines Nachts beschloss dieser, sich am Wynigenbach und der Oesch anzusiedeln. Doch zeigt er sich nur selten. Aber er hinterlässt unverkennbare Spuren. Achtsamen Spaziergängern, Anwohnern und dem Wegmeister Stefan Schürch sind sie nicht entgangen. Am Bach hinter der kantonalen Gartenbauschule Oeschberg finden sich dem Weg entlang durchbissene Weiden, angeknabberte Stämme und gebuddelte Höhlen. Der Biber ist nach Koppigen gekommen. Sicher ein Tier, vielleicht sogar zwei Tiere.

Im letzten August hat Stefan Schürch den Biber mit eignen Augen gesehen. «Er schwamm abends um acht Uhr bei der Turnhalle, wir sind ihm nachgelaufen und haben ihn fotografiert.» Schon seit Längerem gebe es an der Oesch bei Willadingen, im Lutermoos, Fressspuren. Sogar Zuckerrüben soll er schon stibitzt haben. Seit gut einem Jahr entdeckt der Wegmeister regelmässig Hinweise auf den nacht- und dämmerungsaktiven Nager im Dorf von Koppigen und bei der Gartenbauschule.

Über die Schwelle getreten

Dass in Koppigen ein Biber umgeht, überrascht Peter Lakerveld nicht. Gestern nahm der Biologe und Leiter des Projekts «Hallo Biber Mittelland» von Pro Natura einen Augenschein vor Ort und bestätigt: «Die Spuren stammen eindeutig von einem Biber, der sich an diesem Bachabschnitt niedergelassen hat.» Damit ist klar: Der Biber erobert das Emmental. Das sei nur eine Frage der Zeit gewesen, bis er weiter vordringe. Denn das untere Emmental sei quasi von allen Seiten eingekreist, sagt Lakerveld.

Bereits bekannt sind Biberreviere bei Utzenstorf und Wiler, vor allem in den Seitenbächen der Emme. Ein Exemplar lebt im Schachen bei Oberburg in einem Nebenarm. Die Emme selbst sei kein Bibergewässer, weil sie zeitweise zu wenig Wasser führe, dann wieder extrem anschwellen und den Biberbau zerstören könne. Im oberen Emmental sind keine Biber aktiv. Aber nördlich von Hindelbank in der Urtenen haust neuerdings einer, im solothurnischen Hersiwil und an der Önz bei Riedtwil gibt es schon länger welche. In der Oesch kommen sie beispielsweise zwischen Wangen an der Aare und Deitingen vor. Das bestätigt auch Christof Angst von der Biberfachstelle Schweiz.

2000 Tiere in der Schweiz

150 Jahre lang galt der Biber in der Schweiz als ausgestorben. Er wurde wegen seines Fells, Fleisches und Sekrets gnadenlos gejagt. In den 1950er- und 1970er-Jahren wurde eine Population von 140 Tieren ausgesetzt. Zu Beginn ging die Ausbreitung nur kläglich vonstatten, erst seit rund 20 Jahren ist der Biber nun auf dem Vormarsch. Die letzte Zählung fand 2007/2008 statt. Damals wurden schweizweit 1600 Biber erfasst. Heute dürften es schon über 2000 sein. Vorgesehen sei, sagt Christof Angst, im nächsten Winter erneut ein Monitoring durchzuführen.

Peter Lakerveld schätzt, dass sich der Bestand im Oberaargau in den letzten fünf Jahren verdoppelt, im Wasseramt sogar verdreifacht hat. Die Biber hielten sich vorzugsweise an grossen Flüssen im Mittelland und den Voralpen auf. Die Aare hat bereits eine relativ grosse Dichte, sie ist sozusagen «besetzt», deshalb beginnen die Tiere auszuweichen. Biber seien territorial und blieben an ihrem einmal ausgewählten Ort. Ihr Revier, dass sie gegen Artgenossen verteidigen, umfasst durchschnittlich 2 bis 3 Kilometer. Zweijährige Jungtiere beiden Geschlechts verlassen üblicherweise die Familien und suchen sich ein neues Territorium. Dabei nehmen sie Wanderungen von gut 20 Kilometern in Kauf. Im noch dünn besiedelten Emmental haben die Tiere die «Qual der Wahl», meint der Experte.

Der Biber ist ein reiner Vegetarier. Im Winter ernährt er sich hauptsächlich von Baumrinden, im Sommer frisst er auch Kräuter. Er ist jede Nacht unterwegs, doch bewältigt er jetzt weniger grosse Strecken, um Energie zu sparen.

Mensch und Tier

Biber können in Konflikt mit den Menschen geraten und zum Politikum werden: Sie stauen Bäche und können Überschwemmungen verursachen. Sie fällen geliebte Bäume in Gärten. Sie graben ihre Wohnbauten bis zu 5 Meter ins Ufer hinein, was dazu führen kann, dass Landwirtschaftsmaschinen einbrechen. Im Emmental sei es aber bis heute zu keinen nennenswerten Konflikten gekommen, sagt Peter Lakerveld. «Mit einem Drahtzaun kann man einen Baum problemlos schützen», erklärt der Fachmann. Zudem empfiehlt er «Pufferstreifen». «Vor einer Böschung sollte man mit schweren Maschinen ungefähr 10 Meter Abstand halten, so wie es viele Landwirte an der Önz bereits freiwillig machen.»

Schliesslich, betont Lakerveld, sei der Biber eine Schlüsselart für die Gewässer. Durch die Stauung der Bäche bilden sich kleine Seen. Diese werden von unterschiedlichen Amphibien, Insekten und Wasserpflanzen bevölkert. Die Artenvielfalt werde so gefördert.

Bis jetzt kein Störenfried

Bis jetzt störe ihn der Biber nicht, sagt Wegmeister Stefan Schürch. Er habe sogar Freude an ihm. Nur einmal, als er die Weiden am Ufer zurückschnitt, sei er eingesunken, weil der Koppiger Nager darunter einen Gang gegraben habe. «Aber nur einen halben bis einen Meter, das ist nicht weiter tragisch.» In der Gartenbauschule hat sich der Biber hinter die Föhren gemacht. Diese wurden mittlerweile eingezäunt.

Berner Zeitung

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