Bärau

«Das sind zutrauliche Mutterkühe»

BärauAls bekannt wurde, dass die Stiftung Lebensart in Bärau die Milchproduktion aufgeben will, gab das zu reden. David Suter und Marco Mutzner von der Stiftung erklären den Entscheid.

Von den Mutterkühen befürchten sie nichts. Sie hätten sich für gemütliche Rassen entschieden, versichern David Suter und Marco Mutzner.

Von den Mutterkühen befürchten sie nichts. Sie hätten sich für gemütliche Rassen entschieden, versichern David Suter und Marco Mutzner. Bild: Olaf Nörrenberg

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Herr Suter, welche Bedeutung hat der Bereich Landwirtschaft für die Stiftung Lebensart?
David Suter: Die Landwirtschaft ist einer der wichtigsten Teile des umfangreichen Arbeits- und Beschäftigungsangebots der Lebensart. Hier werden viele Klienten und Klientinnen mit sehr ­diversen und unterschiedlich starken Beeinträchtigungen beschäftigt.

Wie viele?
Suter: Bei uns arbeiten rund vierzig betreute Personen im Durchschnitt zu je 50 Prozent.

Welche Jobs übernehmen Sie?
Suter: Wir versuchen, die Klienten und Klientinnen nach Möglichkeit bei allen Arbeiten einzubeziehen. Wichtig ist es, auf ihre Fähigkeiten einzugehen und diese weiterzuentwickeln. Dementsprechend können die beschäftigten Menschen sehr hochstehende wie auch niederschwellige Arbeiten ausführen.

Marco Mutzner: Die Mitarbeitenden müssen das Potenzial der betreuten Personen erkennen und die Aufgaben in sinnvolle Einzelschritte aufteilen, damit alle in den Arbeitsprozess einbezogen werden können. Dafür bieten sich die verschiedenartigen Tätigkeiten in der Landwirtschaft sehr gut an. Nach den Kreativwerkstätten werden hier am zweitmeisten Klientenarbeitsstunden geleistet.

«Der Tierkontakt ist für uns sehr wichtig und hat einen hohen Stellenwert.»David Suter, Leiter Landwirtschaft

Warum will man jetzt den alten Knechten die Möglichkeit nehmen, im Milchstall zu arbeiten?
Suter: «Alte Knechte» haben wir nicht. Wir sind in der Landwirtschaft ein Team, das aus mitarbeitenden und betreuten Personen besteht. Jede einzelne Person leistet ihren Beitrag und wird dafür geschätzt. Wir nehmen niemandem den Arbeitsplatz weg. Die Bedürfnisse der Klientel haben sich verändert, dementsprechend entwickeln wir die Landwirtschaft weiter.

Mutzner: Wir denken, dass wir mit der Mutterkuhhaltung flexibler sind in den Tagesabläufen. Heute sind die Mitarbeiter durch das Melken stark an bestimmte Zeiten gebunden.

Aber die Klienten helfen beim Melken?
Mutzner: Nur ganz vereinzelt. Vielen Menschen blieb diese Tätigkeit wegen des Zeitfensters, in dem das Melken stattfindet, verwehrt. Wenn wir den Fokus auf unseren Kernauftrag legen, ergibt die Umstellung auf Mutterkuhhaltung ganz neue Möglichkeiten: Die Arbeitszeiten von Mitarbeitern und den betreuten Menschen können angeglichen werden. Somit können grundsätzlich alle Personen bei allen Arbeiten mithelfen.

Trotzdem: Wenn Sie auf Mutterkuhhaltung umstellen, fällt die Nähe zum Vieh doch wohl weg.
Suter: Der Tierkontakt ist für uns sehr wichtig und hat einen hohen Stellenwert. Diesen wollen wir auch ausbauen. Wichtig ist der Charakter der Tiere und somit die Rassenwahl. Selbstverständlich werden wir beim Bau der In­frastruktur auf die Sicherheit unserer Klienten und Klientinnen achten und somit den Stall etwas anders einrichten, als dies üblich ist.

Traditionelle Alpaufzüge wie diesen aus dem Jahr 2007 wird die Stiftung ihren Heimbewohnern nicht mehr bieten können. Foto: Hans Wüthrich

Welche Rasse gilt denn als ­wenig aggressiv?
Suter: Ich würde nicht von aggressiv reden, sondern von einem mehr oder weniger stark ausgeprägten Mutterinstinkt. Reine Angus-Tiere mit ihrem ausgeprägten Mutterinstinkt kämen nicht infrage. Wir haben uns für Original Braunvieh, eine alte Schweizer Rasse, entschieden. In den steileren Weiden wollen wir mit einer leichteren Kuh, dem Rätischen Grauvieh, arbeiten.

Und diese Rassen gelten als ­besonders umgänglich?
Suter: Es sind gemütliche, zutrauliche Tiere. Mit ihnen hatten wir bisher nie das Problem, dass sie wegrennen – eher damit, dass sie gar nicht laufen wollen. Das ist genau das, was wir brauchen für unsere Klienten und Klientinnen: dass alles ruhig läuft. Es gibt sehr wenige Mutterkuhbetriebe, die mit betreuten Personen arbeiten. Deshalb gibt es auch nicht viele Erfahrungswerte, und wir müssen vieles selber herausfinden.

Der Betrieb wird künftig mehr Fleisch produzieren. Aber woher nehmen Sie die Milch zur Versorgung des Heims?
Mutzner: Das ist im Moment noch offen. Angesichts des Milchmarkts werden wir wohl keine Mühe haben, die gewünschte Menge zu beschaffen.

Suter: Es wird nie möglich sein, in unserer Landwirtschaft alle Produkte herzustellen, die unsere Gastronomie verarbeitet. So fragt ja auch niemand nach der Herkunft des Mehls.

Nun baut die Stiftung aber eine Markthalle, in der sie regionale und eigene Produkte verkaufen will. Da würde doch auch Käse dazugehören.
Mutzner: Ich gehe davon aus, dass wir verschiedene Milchprodukte wie zum Beispiel die Mutschli, die wir in der Gastronomie machen, auch künftig herstellen werden. Einfach nicht aus betriebsinterner Milch.

«Ich gehe davon aus, dass wir verschiedene Milchprodukte wie zum Beispiel die Mutschli, die wir in der Gastronomie machen, auch künftig herstellen werden. Einfach nicht aus betriebsinterner Milch.»Marco Mutzner
Mitglied Geschäftsleitung

Aber Alpauffahrten werden Sie den Heimbewohnern nicht mehr bieten können.
Suter: Die Alpauffahrt war in erster Linie ein interner Anlass, ein Fest für unsere Klienten und Klientinnen. Wir befassen uns aktuell mit den bestehenden Angeboten und werden diese weiterentwickeln. Jede Veränderung bringt auch die Tatsache mit sich, schöne und bewährte Dinge aufgeben zu müssen. Wir sind uns aber sicher, dass bei der Umstellung die positiven Auswirkungen überwiegen werden. Der Anlass der Alpauffahrt wird sich verändern. Wie dieser in Zukunft aussieht, wissen wir noch nicht.

Mutzner: Es ist ja nicht ausgeschlossen, dass wir ein anderes Fest organisieren werden, in dem wir den Landwirtschaftsbetrieb ins Zentrum stellen können.

Wie haben die Klienten auf Ihre Umstellungspläne reagiert?
Suter: Wir haben von Beginn an alle betroffenen Personen mit den möglichen Varianten der neuen Ausrichtung und den damit verbundenen Auswirkungen konfrontiert. Einem kleinen Teil der Klientel war die Milchproduktion sehr wichtig. Inzwischen sind sie bereits mit Mutterkühen und deren Kälbern in Berührung gekommen. Ihr Interesse ist geweckt, und sie haben positive Erfahrungen gemacht.

Sie haben also bereits Mutterkühe im Betrieb?
Suter: Anfang Jahr haben wir mit der Umstellung angefangen. Nächsten Winter stellen wir die Milchproduktion ein. Die Umstellung ist ein Prozess. Die Tiere sind ja nicht einfach in der gewünschten Menge auf dem Markt verfügbar. Wir kaufen einige ­hinzu. Gleichzeitig kreuzen wir einen Teil unserer Kühe mit Mastrassen, um so Jungtiere züchten zu können.

Wie viele Kühe werden Sie ­haben?
Suter: Heute haben wir rund fünfzig Milchkühe, hinzu kommt das Jungvieh. Diese Tierzahl wird sich nicht stark verändern.

Sind mit der Umstellung auch bauliche Veränderungen nötig?
Suter: Die Infrastruktur im Kuhstall war überhaupt der Auslöser für die Umstellung. Der bestehende Kuhstall ist bezüglich Tierwohl, Arbeitstechnik und Zustand der Gebäudehülle baufällig. Es wären auch für die Milchproduktion Investitionen in die Infrastruktur nötig gewesen. Am günstigsten und zweckmässigsten ist es, wenn wir den Teil des Kuhstalls abreissen und durch einen etwa gleich grossen Neubau ersetzen. Andere Teile der Infrastruktur für die Rindviehhaltung, wie etwa die Silo- und Dürrfutter- sowie Hofdüngeranlagen, bleiben bestehen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 31.07.2018, 06:09 Uhr

Zu den Personen

Zu den Personen: Der 28-jährige David Suter, Landwirt und Agronom, arbeitet seit bald zwei Jahren als Leiter Landwirtschaft der Stiftung Lebensart. Der Betrieb bietet zehn Vollzeitstellen. Marco Mutzner ist seit 2001 Mitglied der Geschäftsleitung der Stiftung Lebensart. Er leitet den Bereich Produktion und Beschäftigung.

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