Das fast vergessene Chörblichrut ist für gar manches gut

Langnau

Chörblichrut ist ein besonderes Kraut, ein altbewährtes Volksheilmittel – der Verein Naturerlebnis Emme aus Langnau will die lang vergessene Naturmedizin wieder unter die Leute bringen.

Chörblichrut ist nicht einfach zu kultivieren, es wächst aber rund um den Bauernhof von Hans Trachsel (Bild) auf der Moosegg bei Langnau.

Chörblichrut ist nicht einfach zu kultivieren, es wächst aber rund um den Bauernhof von Hans Trachsel (Bild) auf der Moosegg bei Langnau.

(Bild: Daniel Fuchs)

Chörblichrut gedeiht auch am Ufer der Emme. Doch wer ihm begegnet, wird es für eine gewöhnliche Kerbel halten und achtlos daran vorbeigehen. Dabei ist die nach Änis riechende Süssdolde (lat. Myrrhis odorata), im Volksmund Chörblichrut genannt, ein altbewährtes Heilmittel.

Es stand einst in mancher Emmentaler Hoschtet und verhalf Bauern, die im Brennhäfeli ausser Schnaps auch Chörblichrutwasser brannten, zu willkommenem Nebenverdienst.

Zu Unrecht vergessen

Der Verein Naturerlebnis Emme hat sich unter anderem zum Ziel gesetzt, besondere Tiere und Pflanzen zu schützen, Menschen den Zugang zu Naturschätzen zu ermöglichen und die Attraktivität der Region zu steigern. Das neue Regionalpolitikprojekt «Chörblichrut» begründet Annina Zollinger damit, dass Chörblichrutwasser früheren Generationen nicht nur als Heilmittel gedient habe, sondern dass es, gerade für Landwirte im Hügelgebiet, eine Einnahmequelle darstellte.

Dazu sei es ein Kulturgut, das zu Unrecht in Vergessenheit geraten sei, und trage, da es fast exklusiv im Emmental vorkomme, zum Ansehen dieser Region bei.

Chörblichrutwasser entsteht

Mit einem Besuch bei Hans Trachsel auf der Moosegg demonstrierte der Verein anlässlich einer Medienorientierung, wie es zu Grossvaters Zeiten beim Chörblichrutbrennen zugegangen ist. Im Schopf des Fellenbachhofes duftet es intensiv nach Änis, denn im Brennhafen brodelt gerade ein Sud Chörblichrut.

«Schnaps brennen wir keinen mehr, dazu fehlt uns die Erlaubnis der Alkoholverwaltung. Chörblichrut hingegen ist alkoholfrei, da wir frisch geschnittene Stauden destillieren», erklärt Trachsel, während er ein Scheit nachlegt. Die ätherischen Öle steigen mit dem Dampf zum Deckel hinauf, werden durch ein wassergekühltes Rohr abgeleitet und tröpfeln als Essenz in den Auffangtopf. Ein Probeschluck zeigt, dass es ganz ähnlich wie der französische Pastis oder der griechische Ouzo mundet.

Vielseitige Anwendung

«Mehr als ein Schnapsgläsli pro Tag sollte man davon nicht trinken, es ist ja eine Medizin», ermahnt der Bauer. Es gelte als blutverdünnend und sei damit bei Bluthochdruck empfohlen. Auch als Umschlag bei Bluterguss sei es gut. Manche Bauern machten Kühen bei entzündetem Euter Umschläge oder gäben es der «Färlimoore» gegen Milchfieber, sagt Trachsel.

Der Naturarzt Doktor Vogel beschreibe es als «entzündungshemmend, auflösend, reinigend, harntreibend», es sei wohltuend bei Krampfadern und Prellungen, aber auch bei Erkältungen, Herzleiden oder Unwohlsein, weiss Maja Pfenninger. Sie wohnt in Trachsels Nähe und hilft mit, das Volksheilmittel wieder populär zu machen.

Einst 50 Rappen pro Liter

Zur eigentlichen Renaissance des Krauts hat Bauer Hans Gerber, ein guter Bekannter von Hans Trachsel, beigetragen. Sein Grossvater habe mit Ross und Wagen Hunderte von Flaschen Chörblichrut nach Bern, Thun und Langnau an Apotheken und Drogerien geliefert für gerade mal 50 Rappen pro Liter.

Heute koste es 12 Franken, dürfe aber nur noch privat ab Hof verkauft werden, da ein medizinisches Gutachten fehle. Als Gerber ohne Nachkommen in Pension ging, übergab er die Brennerei samt Rezept und einigen Stauden an Trachsel. Er wollte verhindern, dass diese Volksmedizin, über die fast nichts Schriftliches existiere, untergeht.

Berner Zeitung

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