Das Geheimnis des Summameters

Der Basler Sammler Hans Peter Schaub ist überzeugt, dass die erste Rechenmaschine der Schweiz in Sumiswald konstruiert wurde. Und er glaubt, dass sich der offizielle Erfinder mit fremden Federn geschmückt hatte.

  • loading indicator

25 plus 34 gibt 59. Eine Aufgabe, die den meisten Menschen relativ wenig Kopfzerbrechen bereiten dürfte. 4573 plus 6544 gibt 11117. Schon etwas anspruchsvoller – aber immer noch ohne Hilfsmittel machbar. Doch die meisten würden letztere Aufgabe vermutlich nicht im Kopf lösen, sondern einen Rechner zur Hand nehmen.

Früher war das jedoch nicht so einfach: Zahlen wurden meist mühsam auf Papier oder auf einer Schiefertafel zusammengezählt. Taschenrechner oder gar Computer gab es nicht. Allenfalls wurden Hilfsmittel wie der Abakus, später auch Rechenschieber, Rechenuhren oder Walzen zur Hand genommen. Spätestens im 19.Jahrhundert tüftelten Erfinder auch intensiv an mechanischen Rechnern –auch in Sumiswald: Dort entstand der Summameter, die erste bekannte mechanische Rechenmaschine der Schweiz. Der Apparat wird am Samstag an seinem Entstehungsort erstmals der Öffentlichkeit präsentiert (siehe Kasten).

War der Bäcker der Erfinder?

Vorsichtig löst Hans Peter Schaub den Holzdeckel und hebt ihn an. Zum Vorschein kommt ein hübsches Maschinchen: Es gemahnt ein bisschen an eine antike Kasse, ist aber kleiner, die vielen Zahnräder glänzen. Entwickelt hat die Messingkonstruktion ein gewisser Edwin Wirth aus Sumiswald. So zumindest steht es prominent auf einer Abdeckung. Doch Besitzer Hans Peter Schaub ist sich sicher, dass das gar nicht stimmt.

Zwar ist die Quellenlage schlecht. Doch was der 70-jährige Schaub über den angeblichen Erfinder Wirth herausgefunden hat, lässt ihn mehr als zweifeln: «Er war gelernter Bäcker und kaufte 1900 die Uhrenfabrik Sumiswald – als 25-Jähriger.» Das sei wohl nur möglich gewesen, weil der Betrieb sehr unruhige Zeiten erlebte: 1891 starben Inhaber Johann Leuenberger und dessen Sohn innerhalb einer Woche, in der Folge kam es zu mehreren Besitzerwechseln. Edwin Wirth war nur kurze Zeit Fabrikbesitzer: 1902 verkaufte er den Betrieb weiter. Im selben Jahr aber meldete er den Summameter beim Schweizer Patentamt in Bern an – gut möglich, dass er damals auch auf einen gewissen Albert Einstein traf, der im selben Jahr seine Arbeit bei ebenjenem Amt aufnahm.

Oder eher ein Leuenberger?

Der heutige Besitzer des Summameters hält es für unmöglich, dass der junge Edwin Wirth die Maschine innerhalb von zwei Jahren – so lange gehörte ihm die Uhrenfabrik – entwickelte und zur Patentreife brachte. Dazu passe die Aussage von Wirths Neffen, mit dem er vor fünf Jahren habe sprechen können. «Dieser war überzeugt, dass sein Onkel diese Maschine niemals konstruiert hat», erzählt Schaub.

Wer aber war dann der Erfinder? Hans Peter Schaub hat einen Verdacht: «Ich denke an Leuenbergers.» Er meint ebenjene Leuenbergers, denen die Uhrenfabrik früher gehört hatte und die 1891 plötzlich starben. «Auch der 1865 verstorbene Grossvater, der ebenfalls Johann hiess, kommt infrage.» Es sei sogar denkbar, dass Grossvater, Vater und Sohn zusammen die Apparatur entwickelt hätten. Denn sie alle seien, anders als der Bäcker Edwin Wirth, als Uhrmacher handwerklich fähig gewesen, den Summameter zu konstruieren. Schaub schätzt deshalb, dass das Gerät irgendwann zwischen 1825 und 1890 gefertigt worden war.

Edwin Wirth seinerseits sei wohl 1900 durch den Fabrikkauf in den Besitz der Hinterlassenschaft Leuenbergers und damit auch in den Besitz des Summameters gelangt. War er also ein Hochstapler? «So weit würde ich nicht gehen», sagt Hans Peter Schaub. Natürlich habe er sich diese Frage im Zuge seiner jahrelangen Recherchen auch gestellt. «Man muss aber sehen: Es war niemand mehr da, der Anspruch auf die Rechenmaschine hatte.» Da habe Edwin Wirth die Initiative ergriffen – und sich mit fremden Federn geschmückt.

Minus geht nicht

Die Maschine aus Sumiswald hatte laut der Patentschrift einen grossen Vorteil: Sie zeichnet sich «gegenüber den bisher bestehenden voluminösen und sehr komplizierten Additionsmaschinen durch die Einfachheit der Handhabung aus, indem zur Betätigung nur eine Hand erforderlich ist, die ihre Lage nicht ändert». Eine weitere Besonderheit: Es gibt nur die Ziffern 1, 2 und 3. Um etwa die Zahl sieben einzugeben, muss beispielsweise zweimal die 2 und einmal die 3 gedrückt werden.

Den Durchbruch schaffte Edwin Wirth mit «seiner» Erfindung trotzdem nicht. «Es gibt nur diesen Prototyp, das Gerät erreichte nie Marktreife.» Über die Gründe kann Schaub nur spekulieren: «Vielleicht liessen es Leuenbergers schon bleiben, weil die Konkurrenz aus dem Ausland weiter war», mutmasst er. Ein Problem hatte der Summameter jedenfalls: Zwar war er mit zwei Kilo Gewicht für die damalige Zeit äusserst handlich. Doch: Er kennt nur die Addition. Subtrahieren oder gar Multiplizieren und Dividieren kann er nicht.

«Harte Verhandlungen»

Der Summameter sorgte also nicht nur wegen seiner komplizierten Mechanik für Verwirrung. Sammler Hans Peter Schaub hat das auch am eigenen Leib erfahren: 2007 organisierte der Basler eine Ausstellung über Rechenschieber und wurde dabei von einem Ingenieur auf die Maschine aufmerksam gemacht. Schaub wollte diesem das Gerät sofort abkaufen – doch der damalige Besitzer – ein Ingenieur – liess sich nicht erweichen.

2009 starb der Ingenieur. Aus Pietätsgründen habe er die Witwe nicht sofort kontaktiert – und sei prompt zu spät gekommen, sagt Hans Peter Schaub: Ein Flohmarkthändler war ihm zuvorgekommen. Dieser wusste von Schaubs Interesse und zog diesem auf dem Markt auf dem Basler Petersplatz während Monaten regelrecht den Speck durchs Maul. Irgendwann wurden sie sich doch einig, «nach harten Verhandlungen». Wie viel er vor fünf Jahren für das Stück bezahlt hat, will Schaub nicht preisgeben.

Jahrelang wartete Hans Peter Schaub auf den richtigen Zeitpunkt, seine «sensationelle Erwerbung» publik zu machen. Als sich abzeichnete, dass sich der Sammlerclub Historischer Büromaschinen der Schweiz 2015 in Sumiswald treffen wollte, wusste er: «Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen.»

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt