Chaoten machen ihm zu schaffen

Langnau

Haben die SCL Tigers ein Heimspiel, reisen viele Fans mit dem Zug an. Dabei führt sie der Weg über die Bahnhofstrasse. Anwohner Fritz Wälti stört sich seit längerem am Lärm.

Fritz Wälti war seit ­Jahren nie mehr an einem Hockeymatch.

Fritz Wälti war seit ­Jahren nie mehr an einem Hockeymatch.

(Bild: Marcel Bieri)

Das Knallen ist bis ins Wohnzimmer zu hören. «Itz geits los», meint Fritz Wälti und hastet zum Fenster, um es zu öffnen. Draussen ziehen sie vorbei, die dem Schnellzug entstiegenen Supporter des SC Bern, unter die sich wie jedes Mal einige Chaoten geschlichen haben. Wieder wird der kalte Januarabend von einer Leuchtpetarde erhellt, die sich von der schwarzen Masse abhebt wie eine exotische Blume.

Singend und johlend überquert der Umzug die Passerelle und strebt der Ilfishalle entgegen. In einer knappen Stunde beginnt dort das erste Tatzenderby in diesem Kalenderjahr: Die SCL Tigers empfangen die Gäste aus der Hauptstadt.

Seit vier, fünf Jahren seien die Fanumzüge zum Stadion lauter und gewalttätiger geworden, erklärt Wälti, der mit seiner Frau Waltraud seit Jahrzehnten an der Bahnhofstrasse zu Hause ist, die von den Gästen stets als Zugang zum Stadion verwendet wird. «Die mit den Petarden sind für mich aber keine richtigen Fans», sagt Fritz Wälti abschätzig, das habe nichts mit Sport zu tun.

Auch die beiden Präsidenten des Fanclubs der SCL Tigers, Bruno Wüthrich und Christoph Schmid, sind da der gleichen Meinung: «Pyros dienen in erster Linie der Selbstinszenierung», ist Wüthrich überzeugt. Schmid ergänzt, dass während der Winterpause im Fussball einige Chaoten einfach die Sportart wechseln und fortan Eishockeyspiele unsicher machen würden.

Hooligans: Problem der Zeit

An diesem Samstagabend ist aber vergleichsweise wenig los zwischen Bahnhof und Eishockeystadion. Nach fünf, sechs Petarden ist Schluss, und auch Bierflaschen sind beinahe keine auf die Gleise geflogen.

Dass es immer wieder Probleme mit Ausschreitungen gab, ist allen bewusst, doch die Präsidenten des Fanclubs sind sich einig, dass sich der Vandalismus in Langnau noch in Grenzen halte. «Wir haben keinen Grund zum Jammern», resümiert Wüthrich.

«Seit vier, fünf Jahren sind die Fanumzüge zum Stadion lauter geworden.»Fritz Wälti

Dem stimmt auch Hockeyexperte Klaus Zaugg zu: «Hooligans sind ein Problem der Zeit, aber das Derby zwischen dem SCL und dem SCB ist verhältnismässig friedlich.» Schon nur der Mentalität geschuldet, seien die Lokalaffichen zwischen den beiden Tessiner Mannschaften Ambri und Lugano etwas ganz anderes.

Dass es trotzdem immer wieder zu Krawallen kommt, erklärt sich Zaugg mit der historisch bedingten Rivalität von Stadt und Land. «Früher waren die Reibereien der beiden Clubs noch grösser.»

Als Beispiel dient der Fall von Bruno Wittwer, der Anfang der Siebzigerjahre von Langnau in die Bundesstadt wechseln wollte. Zwei Jahre wurde der Hockeyspieler vom SC Langnau gesperrt und konnte erst nach einem Umweg über La Chaux-de-Fonds nach Bern wechseln, wo er schliesslich viermal Schweizer Meister wurde.

Nicht aber im Jahr 1976, als die Langnauer ihren einzigen Titel einheimsen konnten. Die Meisterhelden von damals wurden im vergangenen Jahr zum 70-Jahr-Jubiläum des Schlittschuhclubs eingeladen.

Fritz Wälti weiss aber, dass die Vereinsgründer keine Einladung erhalten haben. «Ich fand das falsch und meldete mich umgehend auf der Geschäftsstelle.» Zwar gehöre er selbst nicht zu den Gründern, da er damals noch zu jung gewesen sei, jedoch kenne er viele von ihnen.

Gespräche ­erwünscht

Auch die Vandalen brachten Fritz Wälti dazu, die SCL Tigers zu kontaktieren, doch niemand konnte ihm weiterhelfen. Ob nun Petarden, die gegen das Haus geworfen werden, oder Fans, die ihre drückende Blase an der Hauswand entleeren, das sei schade, aber man müsse sich halt arrangieren.

«Der Club könnte sich aber bei den Anwohnern entschuldigen und sie zu einem Gespräch einladen, damit die Menschen wissen, wohin man sich bei Problemen wenden kann.»

«Die Anwohner haben sich bis heute nicht auf der Geschäftsstelle gemeldet», sagt Peter Müller, Geschäftsführer der SCL Tigers. Deshalb hätten sie keine Kenntnisse über mögliche Vorfälle und die Unzufriedenheit der Anwohner.

«Es ist aber für uns selbstverständlich, dass wir die Bedürfnisse der Anwohner ernst nehmen und bestrebt sind, bei Vorfällen das Gespräch zu suchen und gemeinsam Lösungen zu definieren», so Müller.

Zugang zur Wohnung

Wältis Frau Waltraud ärgert sich ebenfalls über die Fanumzüge. «Singen und Johlen gehört natürlich dazu, aber ich habe mich schon mehrfach gefragt, was ich machen würde, wenn das Holz von einer gegen das Haus geschleuderten Petarde Feuer finge.» So begebe sie sich in den ­hinteren Teil der Wohnung, wenn eine besonders krawallgeladene Gruppe im Anmarsch sei.

Eine Leuchtpetarde erhellt den Himmel: Die Fans strömen vom Bahnhof her über die Passerelle ins Hockeystadion.

Neben den Bernern gehören für Wälti die Bieler, Zuger und Stadtzürcher zu den lautesten Fans, die auch mal über die Stränge schlagen. «Nach einem Spiel wurde ich einst von einem Nachbarn angerufen, bei dem sich ZSC-Anhänger Zugang zur Wohnung verschafft und sich aus dem Büffet bedient hatten», sagt der lang­jährige Waffenschmied schmunzelnd.

Fritz Wälti lebt schon seit seiner Geburt in Langnau. Seit 1948 in jenem Haus, das er heute noch bewohnt. Fast schon natürlich, dass er sich für die SCL Tigers interessiert, obgleich er seit Jahren keinen Match mehr live im Stadion verfolgt hat. Seine Ehefrau Waltraud hat er während der Lehre in Österreich kennen gelernt. Sie würde sich nicht als Fan bezeichnen, und Eishockey interessiere sie nicht so sehr.

Und doch: «Wenn die Tigers gewinnen, habe ich immer Freude. Nach den Spielen rufe ich oft in die Menschenscharen unten auf der Strasse, ob sie gewonnen haben. Wenn ja, schliesse ich das Fenster mit einem guten Gefühl.»

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