Bigudii im Haar und «nid ganz putzt»

Langenthal

In einer Woche startet in Langenthal die Fasnacht mit dem Gönnerabend. Mit dabei ist auch der wohl dienstälteste Langenthaler Schnitzelbänkler Nic Russi – als Bigudii mit seiner Frau Edith.

Bigudii werden am Langenthaler Gönnerabend und am sonntäglichen Beizenrundkurs auftreten.

Bigudii werden am Langenthaler Gönnerabend und am sonntäglichen Beizenrundkurs auftreten.

(Bild: Walter Pfäffli)

Haben die Bigudii schon einen Termin beim Coiffeur?Nic Russi: Wir haben die Bigudii ja eigentlich immer im Haar. Und «nid ganz putzt» ist man wohl ohnehin, wenn man seit über 30 Jahren Fasnacht macht. Wir orientieren uns an den Basler Schnitzelbänklern. Das heisst, wir kommen mit der gleichen Larve und dem gewohnten Kostüm. Das sorgt auch für einen gewissen Wiedererkennungseffekt. Oder anders gesagt: Uns sind die inhaltlichen Werte – sprich die Verse, Helgen und Pointen – wichtiger als das Äussere.

Wer steckt eigentlich hinter Bigudii? Meine Frau Edith, sie kommt ursprünglich aus Schwarzhäusern und arbeitet als Pharmaassistentin, und ich, Nic Russi, aufgewachsen in Herzogenbuchsee. Zu Beginn dieses Jahrtausends kamen wir zu viert als Artischocker nach Langenthal. Ich trat aber schon 1980 erstmals mit drei Kollegen als Glögglifrösche auf. Im dritten Jahr war ich allein, und da entstand der legendäre Striptease (es kam ein zweites Kostüm zum Vorschein, die Red.).

Ihr startet ja früher als die Oberaargauer, um dann am Gönnerabend in Höchstform zu sein. Am Donnerstag haben wir unsere ersten Auftritte im luzernischen Reiden. Von da an ändert sich unser Programm ständig, wahrscheinlich schon zwischen der ersten und zweiten Beiz. Für einen Helgen haben wir manchmal drei Verse. Einer wird dann schon ankommen. Wir üben wenig, weil es zwischen uns ganz einfach funktioniert.

Ins Aargauer Exil seid ihr wahrscheinlich wegen der hohen Gagen gezogen. Wir wohnen zwar tatsächlich in Brittnau. Das Thema Finanzen habe ich zumindest früher überhaupt nicht wahrgenommen. Wir müssen das Geld, das wir während dieser Tage ausgeben, nicht unbedingt gleich wieder einnehmen. Deswegen machen wir sicher nicht Fasnacht. Wir lassen uns aber unter dem Jahr für Comedy und Kabarett sowie Moderationen engagieren und bezahlen.

Im Ernst: Werden Schnitzelbänkler überhaupt entschädigt? Am Langenthaler Beizenrundkurs gibts es etwas zu trinken, aber kein Geld, auch nicht am Gönnerabend. Anderswo sind es meist eine kleine Entschädigung und ein Nachtessen. Ich will gar keine Gage. Man spürt lieber, dass man tatsächlich willkommen ist. Da wäre es bereits schön, wenn Wirte und Servicepersonal die Auftritte nicht durch lautes Geschirrklappern stören würden. Demgegenüber kann man sich natürlich fragen, warum die Wagenbauer subventioniert werden.

Ihr investiert viel – vor allem unendlich viel Zeit. Wir beginnen spät, so um Weihnachten herum. Aber die Stunden kann man gar nicht zählen. Oft malen wir die Helgen vor dem Fernseher, schauen oder hören nebenbei deutschen Karneval.

Gibt es bei den Bigudii eine Aufgabenteilung? Ich dichte, Edith begutachtet. Sie bringt Ideen und viele quere Gedanken ein, kann die aber weniger gut auf den Punkt bringen. Wir malen gemeinsam.

Ihr seid in Langenthal die Einzigen mit einem klassischen Basler Vierzeiler. Nicht ganz. Auch Rübis&Stübis, die wir von Reiden mitgebracht haben, machen Vierzeiler. Meine Mutter ist Baslerin. Sie hat uns schon als kleine Kinder immer mitgeschleppt und besucht heute noch mit ihren 85 Jahren regelmässig die Basler Fasnacht.

Beim Publikum kommt das an. Wir haben die kürzeste Versform: viermal sieben Silben zu einer traditionellen Melodie. Das ist anspruchsvoll und macht bei zwei Personen Sinn. Wir können im Dialog singen und sehr aktuell reagieren. Zu zweit bringt man ja gesanglich keinen mehrstimmigen Klang hin, der trägt. Das machen die Schier-Wiiber und Fatal Roial, die sind spitze.

Trotzdem krankt der Gönnerabend. Es fehlt an Nachwuchs. Das Schnitzelbänklen ist generell in Gefahr, selbst in Basel. Was wir im Fernsehen sehen, ist nur die Crème de la Crème. Hinter der Spitze ist auch dort längst nicht alles gut. Bei einer Gugge mag es Mitläufer leiden. Bei uns geht das nicht. Es braucht sehr viel Biss.

Auch der männliche Bigudii hat seine Karriere in jungen Jahren am Gönnerabend gestartet. Das stimmt. Und die Fasnacht hat auch gleich mein Leben verändert. Damals steckte ich mitten den Semerprüfungen. Es war die Zeit der «Lehrerschwemme». Ich wurde nach einem feuchtfröhlichen Abend von Andreas Müller, damals Langenthaler Redaktionsleiter der «Berner Nachrichten» (später Berner Zeitung) und selber bei der Langatuner Narrenzunft aktiv, vom Fleck weg als freier Mitarbeiter verpflichtet. Später arbeitete ich für den «Tägu», landete dann hauptberuflich beim «Zofinger Tagblatt» und der Agentur Sportinformation. Im Jahr 2000 habe ich mich mit meiner Agentur Mediasprint in Zofingen selbstständig gemacht.

Sie sind wahrscheinlich der dienstälteste Langenthaler Schnitzelbänkler. Das kann gut sein.

Was hat sich verändert? Heute ist sicher wesentlich mehr erlaubt. Subtil verpackt, darf man heute auch eher unter die Gürtellinie zielen. Der Gönnerabend fand mal in fünf vollen Lokalen statt. In den Beizen sang man ohne Fahrplan nach Lust und Laune. Man hat «kässelet». Der Stadthof war eine tolle Fasnachtsbeiz. Die Spanische Weinhalle ist es immer noch.

Hattet Ihr schon mal richtig Lämpe wegen eines Verses? In 33 Jahren hatte ich genau dreimal Anstände. In Langenthal musste ich mal wegen eines Verses über eine Politesse bei Polizeichef Moor antraben. Das war wohl tatsächlich etwas grobianisch. Heute könnte man den vielleicht bringen. Ich würde aber sicher darauf verzichten.

Gibt es Grenzen, oder gilt ganz einfach das ZGB? Es ist immer heikel, auf den Mann zu spielen, jedenfalls wenn er nicht wirklich in der Öffentlichkeit steht. Es gibt Betroffene, die ein witziges Wortspiel nicht verstehen, aber auch Leute, die uns danken, die den Helgen kaufen wollen oder die uns zum Essen einladen.

Ihr tretet in drei oder vier Kantonen auf. Diesmal sind es fünf Gemeinden in drei Kantonen.

Da kann man nicht immer lokale Themen bringen. Wir haben etwa drei Viertel Nationales. Aber auch Langenthal ist immer gut für Geschichten.

Früher spielten Sie Gitarre, heute Handorgel. Ja, nur war die Gitarre ständig verstimmt. Einmal habe ich sie sogar im Bus liegen lassen und musste im Bären ohne singen. Immerhin habe ich mit der Handorgel auch nach der Fasnacht noch Haut an den Fingerkuppen.

Berner Zeitung

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