Bauern haben Kartoffeln im Überfluss

Bei Familie Kuhn fällt die Härdöpfu-Ernte heuer im Vergleich zu 2016 dreimal so hoch aus. Bei Bärtschis sind die Saatkartoffeln grösser als im letzten Jahr. Beide Produzenten haben dennoch das gleiche Los: Sie werden einen Teil an das Vieh verfüttern müssen.

Haben alle Hände voll zu tun: Landwirt Hanspeter Bärtschi, seine Mutter Elisabeth und ihr Enkel sortieren die Kartoffeln.

Haben alle Hände voll zu tun: Landwirt Hanspeter Bärtschi, seine Mutter Elisabeth und ihr Enkel sortieren die Kartoffeln. Bild: Thomas Peter

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«Wir haben brutal viel», sagt Anita Kuhn. Und ihr Mann Stephan, der vor gut zwanzig Jahren den Bauernhof von seinem Grossvater übernommen hat, kann sich nicht erinnern, jemals so viele Kartoffeln geerntet zu haben wie heuer. Auf knapp einer Hektare setzen Kuhns die Speisekartoffeln Charlotte und Victoria an. In einem normalen Jahr beträgt der Ertrag so gegen 16 Tonnen. Heuer war es rund die dreifache Menge.

«Die Bedingungen waren in diesem Jahr sehr gut», erklärt Stephan Kuhn. Im Frühling war es nicht zu nass, im Sommer nicht zu trocken. Der Landwirt zieht einen Vergleich zur Ernte 2016, als die Maschinen auf dem nassen Boden teilweise eingesunken sind. «Damals hätten wir die Kartoffeln besser im Boden gelassen. Aufwand und Ertrag standen in keinem Verhältnis.»

Keine Lagermöglichkeit

Zu den Abnehmern von Kuhns gehören Gastrobetriebe in der Region. Auch verkaufen sie die Härdöpfu im eigenen Hofladen in Rüegsau und haben an zwei ­Tagen in der Woche an verschiedenen Standorten einen Märit­stand. Dennoch, für die Bauernfamilie ist es praktisch ausgeschlossen, über diese Kanäle die ganze Ernte abzusetzen. Zudem verfügen Kuhns über keine Möglichkeit, die Härdöpfu gekühlt zu lagern; aus diesem Grund ist die Aufbewahrung nur für sieben Monate möglich. Für Bäuerin Anita Kuhn ist jetzt schon klar: «Wir werden einen Teil der Kartoffeln an die Gusti verfüttern.»

Hanspeter Bärtschi kennt die Übermenge nur vom Hörensagen von Berufskollegen. Zudem werde in verschiedenen Facebook-Gruppen darüber diskutiert, sagt der Landwirt. Dennoch spürte auch er bei der Ernte die Auswirkungen des Wetters. «Von der Stückzahl her haben wir nicht unbedingt mehr Kartoffeln, aber wir haben viel grössere als andere Jahre.»

Eine Tatsache, die sich nicht als Vorteil erweist. Denn Hanspeter Bärtschi, der mit seinen Eltern in Ramsei einen landwirtschaftlichen Betrieb bewirtschaftet, baut auf einer Fläche von 3,5 Hektaren Saatkartoffeln der Sorten Charlotte und Victoria an. Er hat einen Anbauvertrag mit der Semag, einer Vermehrungsorganisation von Saatgetreide und Pflanzkartoffeln in Lyssach. Das heisst, geliefert werden können nur «kleine Kartoffeln».

Bärtschis suchen nun für die grossen Härdöpfu Abnehmer in der Gastrobranche oder Privathaushalten. Zudem bestücken sie ihren Selbstbedienungsautomaten, der direkt an der Hauptstrasse in Ramsei steht, mit 2-Kilo-Säcken. Und wie Anita Kuhn spricht auch er davon, allenfalls einen Teil der Ernte an seine Kühe zu verfüttern.

«Eine gute Versorgung»

«Praktisch die gesamte Ernte im Emmental ist eingeholt.» Und es zeichne sich ein guter Ertrag ab, sagt Jean Pascal Moret, Produkteleiter Speisekartoffeln bei der Terralog in Rüdtligen-Alchenflüh. Dennoch, von einer grossen Übermenge möchte er nicht sprechen. «Wir haben eine gute Versorgung.» Das Unternehmen handelt mit Speise- und Industriekartoffeln.

Während die Speisekartoffeln in den Regalen der Grossverteiler und Detailhändler landen, werden aus den Industriekartoffeln Pommes frites und Chips hergestellt. Terralog hat ungefähr 300 Produzenten unter Vertrag und handelt jährlich 60 000 Tonnen Kartoffeln. «Mit jedem Landwirt haben wir schriftlich eine Menge definiert, mehr können wir in der Regel nicht übernehmen. Zumal wir nicht unbegrenzte Lagermöglichkeiten haben.» Ebenfalls werde der Preis vor der Ernte in der Branche definiert, sagt Moret und fügt hinzu, dass die Landwirte nun teilweise sicher versuchen würden, ihre überschüssigen Kartoffeln in alternative Kanäle zu verkaufen.

Anders als die Terralog handhabt es die Fenaco-Gruppe in Herzogenbuchsee. Hier können Übermengen eingelagert werden. Die Produzenten erhalten für diese eine Anzahlung, eine Nachzahlung erfolgt jedoch nur, wenn sich ein Abnehmer findet.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 20.10.2017, 08:25 Uhr

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