Auf dem Weg zum Glück

Schweine aus Marzipan, Marienkäfer aus Plastik, Kaminfeger aus Pfeifenputzern: Glücksbringer kaufen und mit zur Silvesterparty bringen kann jeder. Wer etwas auf sich hält, überreicht einen Talisman aus eigener Fabrikation. Zum Beispiel vierblättrigen Klee.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Jeder ist seines Glückes Schmied», sagt der Volksmund. Er muss es wissen. Also machen wir uns an die Arbeit und schmieden – Pardon – säen unser eigenes Glück. Wenn alles klappt, werden Freunde und Verwandte an Silvester mit einem Topf voller positiver Energie überrascht.

Tag 1, 19. Dezember 2017: Samen ist besorgt, Blumenerde und Pflanzgefäss stehen seit ein paar Stunden in der warmen Stube. Das Experiment Glücksklee soll ja nicht bereits in den ersten Minuten an schockgefrorenen Samenkapseln scheitern. Gesät ist dann rasch. Gefäss mit Erde füllen, Samen darauf verteilen, mit etwas Erde abdecken, sorgfältig angiessen. Fertig.

Tag 2, 20. Dezember 2017: Es tut sich nichts.

Tag 3, 21. Dezember 2017: Immer noch nichts. Geduld ist gefragt. Wie früher, in der Kindheit, wenn die Eltern uns während des Sonntagsspaziergangs losschickten, im Feld nach einem vierblättrigen Kleeblatt zu suchen. Gross war die Freude, wenn man eines präsentieren konnte. Was nicht immer der Fall war, denn Klee mit vier Blättern kommt in der Natur äusserst selten vor (siehe Kasten). Tempi passati. Erstens findet man weniger Wiesen mit Klee, zweitens wird das Glück unterdessen längst zu Tausenden in Treibhäusern gezogen und auf den Jahreswechsel hin verkauft. Apropos:

Tag 4, 22. Dezember 2017: Juhui! Die ersten Triebe haben sich durchgekämpft. Klein sind sie, so klein, dass es fast einer Lupe bedarf, sie zu sehen. Aber sie sind da.

Tag 5, 23. Dezember 2017: Es wer­den immer mehr. Die zarten Gewächse sind so zahlreich, dass sie die dünne Erdschicht, die den Samen bedeckte, gleich mit an­heben. Jetzt heisst es behutsam vorgehen. Zur Versorgung mit Feuchtigkeit werden die Kleinen aus der Sprühflasche geduscht; der Wasserstrahl aus der Giesskanne wäre zu stark.

Tag 9, 27. Dezember 2017: Offenbar ist die Temperatur im Zimmer etwas zu hoch. Der Glücksnachwuchs schiesst viel zu schnell in die Höhe, ist lang und dünn und sieht furchtbar zerbrechlich aus.

Tag 10, 28. Dezember 2017: Es führt kein Weg daran vorbei, der Klee muss pikiert werden. Er steht viel zu eng, als dass sich kräftige Pflanzen entwickeln könnten. Also dann: Vorsichtig werden einzelne Grünlinge herausgepickt und frisch eingesetzt. Möglichst tief in die Erde, sodass sie beim Weiterwachsen einen dickeren, kräftigeren Stängel ausbilden. Nach einer Stunde ist es geschafft – 65 Kandidaten haben den Sprung in die zweite Wachstumsrunde gemeistert. Der Rest landet auf dem Kompost. Tut mir leid.

Tag 13, 31. Dezember 2017: Nein, gescheitert ist das Experiment nicht – aber zeitlich arg in Ver­zug geraten. Jedenfalls wurden Freunde und Verwandte an Silvester nicht mit Glücksbringern Marke Eigenbau beschenkt. Sie müssen sich gedulden, bis die Pflanzen grösser sind – und nicht nur zwei, sondern vier Blätter haben. Aber wie sagt der Volksmund: «Das Glück kann man nicht erzwingen.» Er muss es wissen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 04.01.2018, 06:12 Uhr

Hintergrund

Was wir an Silvester verschenken, hat mit dem Klee, den man auf Wiesen findet, nichts zu tun: Glücksklee gehört der Gattung des Sauerklees an. Vier- oder mehrblättrige Pflanzen sind hier nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Streng genommen ist das verschenkte Glück also eine Mogelpackung.

Wiesenklee dagegen hat nur äusserst selten vier Blätter. Kein Wunder, gilt er seit Urzeiten als Glücksbringer. Schon Eva soll nach dem Rauswurf aus dem Paradies ein vierblättriges Kleeblatt in ihre neue Umgebung mitgebracht haben, um eine Erinnerung an bessere, glücklichere Zeiten zu haben. Andere Internetquellen berichten, dass die Zahl Vier eine besondere Symbolkraft habe. Dies im Zusammenhang etwa mit den Himmelsrichtungen oder den Elementen Feuer, Erde, Wasser und Luft. Neben all den symbolhaften Tugenden ist der Klee auch ganz einfach eine hervorragende Futterpflanze für Pferde und Vieh. Das haben persische Reiter schon um 480 v. Chr. entdeckt. Erst im 16. Jahrhundert gelangte er dann über Spanien nach England und weiter nach Holland und Deutschland. Die Bauern pflanzten Klee an, konnten so mehr und besseres Futter für ihr Vieh ernten und mehr Tiere ­halten. Das grüne, dreiblättrige Kraut war ein Segen für die Landwirtschaft. we

Glücksbringer

Alles Gute wünscht man sich aufs neue Jahr – und jede Menge Glück gleichzeitig. Ein wenig Unterstützung kann da nicht schaden, finden wir. Und geben Ihnen zum Jahresbeginn jeden Tag einen Glücksbringer mit auf den Weg. Mitsamt der Erklärung, woher er stammt und was ihn ausmacht. cd

Artikel zum Thema

Der Glücksbringer im schwarzen Gewand

Kaminfeger ­bringen seit je Glück. Doch der ­traditionelle Beruf ist im ­Umbruch. Simon Sägesser ist einer der jüngsten Kreis­kaminfegermeister im Kanton. Er bewegt sich zwischen Tradition und Moderne. Mehr...

Service

Von Kino bis Festival

Finden Sie hier die schönsten Events in unserer Region.

Kommentare

Blogs

Foodblog Als Meret Oppenheim vom Marzili träumte

Bern & so Freier Kopf

Abo

Die ganze Region. Im Digital-Light Abo.

Die BZ Berner Zeitung digital im Web oder auf dem Smartphone nutzen. Für nur CHF 17.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Sonnenbaden mit gummigem Halsband: Dieses Krokodil trägt schon seit zwei Jahren einen Pneu um den Hals.
(Bild: Antara Foto/Mohamad Hamzah/ via REUTERS) Mehr...