Trubschachen

Argentinierin sucht im Emmental ihre Wurzeln

TrubschachenMalvina Soledad Bertschi wohnt in einer Stadt in Argentinien, deren Wurzeln auf Teofilo Romang zurückgehen. Als Peter Wingeier war dieser einst aus Trubschachen ausgewandert – eine Frau auf Spurensuche im Emmental.

Plauderstunde bei Michel Seiler (rechts): Malvina Soledad Bertschi und Peter Brechbühl.

Hans Wüthrich

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Der Mann hiess Peter Wingeier und führte um die Mitte des 19. Jahrhunderts in Trubschachen eine Uhrenwerkstatt. Er war ein ehrbarer Handwerker, dem die Behörden Mündelgelder anvertrauten, doch als er mit seinem Betrieb in Turbulenzen geriet, konnte er der Versuchung nicht widerstehen. Flugs griff er in die ihm anvertraute Kasse – und so blieb ihm nur ein Ausweg, als sich im Jahre 1860 unvermittelt eine Kontrolle ankündigte: Bei Nacht und Nebel packte er seine Sachen, wanderte nach Argentinien aus und liess Haus, Betrieb und Familie zurück.

Auf der Überfahrt, die damals Wochen dauerte, lernte er einen Arzt aus Bern kennen. Nach dessen unerwartetem Tod gelang es ihm, die Reisedokumente mitsamt dem Namen des Verstorbenen zu kaufen. So nannte sich Peter Wingeier fortan Teofilo Romang. Als solcher fasste er, unter anderem sogar als praktizierender Arzt, in seiner neuen Heimat Fuss und gründete dort 1873 rund 750 Kilometer nördlich der Hauptstadt Buenos Aires eine neue, nach ihm benannte Siedlung: Romang.

Einst rege Kontakte

«Eine interessante Geschichte», sagt Michel Seiler anerkennend. Mitgebracht hat sie Malvina Soledad Bertschi, eine junge Frau aus Romang, die für drei Monate in der Schweiz lebt und so die Heimat ihrer Vorfahren kennen lernen will. Um diesem Ziel wieder etwas näher zu kommen, ist sie zum Gemeindepräsidenten von Trubschachen gefahren – auch er, fügt Michel Seiler an, lerne in seinem Amt immer wieder Neues aus der Geschichte der Gemeinde kennen. Von Romang habe er gewusst, immerhin seien vor bald 30 Jahren die Kontakte nach Argentinien rege gewesen. Details habe er aber keine gekannt.

Das Fest am 1.August

Dann wird er grundsätzlich, ja schon fast philosophisch. Nicht selten seien gerade jene Leute zum Auswandern gedrängt worden, die sich als besonders aktiv und kreativ hervorgetan hätten und deshalb nur allzu leicht aus dem gesellschaftlichen Raster gefallen seien. «In der Fremde konnten sie sich dann in einer Art entfalten, die ihnen zu Hause verwehrt war, sie haben überall Käse gemacht und so den Namen Emmental in die Welt hinausgetragen.»

Wie gegenwärtig solche Spuren noch heute sein können, weiss Malvina Soledad Bertschi aus eigener Anschauung. «Doktor Romang ist unser Gründer, seine Geschichte ist sehr wichtig für uns, alle müssen sie in der Schule lernen», erzählt sie. Besonders spürbar sei der Bezug zur alten Heimat jeweils am 1.August. «Wir feiern ein richtiges Schweizer Fest. Am Morgen ziehen die Leute in den Trachten der Kantone durch die Strassen, am Nachmittag gibt es an verschiedenen Ständen typische Gerichte.»

Hier schaltet sich Peter Brechbühl ins Gespräch ein. Der gebürtige Langnauer kennt Romang aus eigener Anschauung, seit er vor 25 Jahren durch Südamerika gereist ist und dabei auch im Städtchen mit seinen heute mehr als 10'000 Einwohnern Halt gemacht hat. Noch heute stehe die Bevölkerung Kopf, wenn sich Besuch aus der Schweiz ankündige. «Ich wurde aus dem Zimmer, das ich mir gemietet hatte, gleich wieder ausquartiert und von Familie zu Familie weitergereicht.»

Ein altes Berndeutsch

Die Eichenbergers, Fankhausers, Ramseyers und eben auch die Bertschis: Sie sind aus der bunt zusammengewürfelten Bevölkerung von Romang, zu der seit den Gründerjahren auch Siedler mit italienischen, französischen und deutschen Wurzeln gehören, nicht wegzudenken. Ja, zuweilen sei sogar noch Dialekt zu hören, erzählt Peter Brechbühl weiter, obwohl die spanisch geprägte argentinische Kultur den Alltag ja durch und durch präge. «Es ist ein altes Berndeutsch, die Sprache aus der Zeit der Auswanderer, die sich so konserviert hat.»

Zur Bindung an die Schweiz gehöre auch, dass heimatkundliche Teile des Emmentaler Alpenhornkalenders regelmässig übersetzt und als schmaler Band gedruckt würden – unvermittelt lässt Brechbühl in Gedanken den Blick weit über die Landschaft schweifen, in der Romang liegt. Topfeben sei es hier auf 23 Metern über Meer, und grosse, eher extensiv genutzte Flächen für Landwirtschaft und Viehzucht prägten das Bild. «Besonders in Erinnerung geblieben sind mir die vielen Sonnenblumenfelder.»

Die entfernte Verwandte

Am Tisch bei Gemeindepräsident Michel Seiler nimmt derweil Malvina Soledad Bertschi eine alte Ansichtskarte aus dem Nachlass ihrer Familie zur Hand. Sie zeigt das Kurhaus Bäregghöhe bei Trubschachen, ist an einen Juan Gerber in Romang, ihren Vorfahren, adressiert und im Sommer 1913 abgestempelt worden. Verwandte aus dem Emmental grüssten so den Onkel und dessen Familie in der Ferne – Peter Brechbühl erzählt, wie die junge Frau mit dieser Karte Nachforschungen anstellen und tatsächlich eine entfernte Verwandte ausfindig machen konnte, die heute noch auf der Bäregghöhe wohnt.

Am Freitagnachmittag wird sie die 90-Jährige besuchen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 29.01.2010, 08:32 Uhr

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