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Zwischen Sein und Schein

Der Gesangstalentschuppen Aemmechic wackelt: Um 20 Finalistinnen zusammenzubringen, musste Veranstalter Martin Hertig letztjährige Kandidatinnen einladen. Und kurzfristig Teilnehmerinnen nachnominieren.

Die Vorstellung irritiert: RTL bittet gescheiterte Teilnehmerinnen von früheren «Deutschland sucht den Superstar»-Staffeln, noch einmal mitzumachen, um das Teilnehmerfeld künstlich zu vergrössern. Und erfindet, als das nur wenig bringt, kurzum eine Hoffnungsrunde, um dem Publikum für die grosse Show am Ende eine passable Anzahl Finalistinnen und Finalisten präsentieren zu können. Undenkbar? Undenkbar – zumindest, wenn es um «Deutschland sucht den Superstar» geht. Im Fall Aemmechic hat dieses Vorgehen Methode: Martin Hertig, der Erfinder, Organisator, Moderator und Pressesprecher des regionalen Gesangswettbewerbs, musste sich etwas einfallen lassen, wenn er verhindern wollte, dass das Finale, das am 11. Oktober steigt, allzu sehr an einen profanen Unterhaltungsabend erinnert.

47 aus 190

Laut Hertig hatten sich ursprünglich 180 bis 190 Teilnehmerinnen und Teilnehmer für die vierte Austragung des 2005 erstmals ausgetragenen Aemmechic angemeldet. In einem ersten Casting wurden 47 Damen und Herren auserkoren, welche die beiden «Workshops» besuchen konnten, an deren Ende, nach Monaten des Probens und Übens, eine Vorausscheidung in einer Burgdorfer Pizzeria stand. Dabei erkor eine Jury 15 Teenager, die am Ende auf der Bühne des Kirchberger Saalbaus zu Musik ab Band um die Gunst der Jury und des Publikums singen können. Das waren Hertig 5 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu wenig. Also fragte er Ex-Kandidatinnen, ob sie das Feld ergänzen möchten.

Wie der vor zweieinhalb Monaten letztmals aktualisierten Aemmechic-Homepage zu entnehmen ist, handelt es sich dabei um Ilaria Bianchi und Carina Kammermann. Die beiden hatten schon 2007 nach der Krone gegriffen. Und den ersten Preis – die Produktion einer Single-CD unter den Fittichen des Veranstalters, ein goldenes Mikrofon sowie einen Gutschein zum Einkaufen im Musikgeschäft des Organisators – nur knapp verpasst.

Knapp am Ziel vorbei

Laut Hertig ist es durchaus üblich, gescheiterten Kandidatinnen und Kandidaten eine «zweite Chance» zu geben, wie er sich ausdrückt: Letztes Jahr standen fünf Personen im Finale, die es 2006 nicht geschafft hatten. Und 2006 versuchten es drei Nachwuchshoffnungen nochmals, die 2005 an Ruhm und Ehr’ vorbeigeschlittert waren.

Doch für eine angemessene Besetzung der Show fehlte Hertig trotz Bianchi und Kammermann immer noch Playback singendes Personal. Deshalb nominierte der frühere Profimusiker und Gründer von Bands wie Cocktail und 2 Goldies in einer kurzfristig lancierten Hoffnungsrunde weitere Finalistinnen nach, bis die 20 voll war.

Ausstieg ist nicht gratis

Jene Kandidatinnen und Kandidaten, die sich im Verlauf des Auswahlverfahrens aus dem Wettbewerb zurückgezogen hatten, werden vom Veranstalter zur Kasse gebeten: Um probenmüde Bewohnerinnen und Bewohner seines Talentschuppens wenn nicht bei Laune, so doch möglichst lange bei der Stange zu halten, lässt der Organisator sie «Auftrittszusagen» unterschreiben. Darin steht, dass sie dem Veranstalter eine «Aufwandentschädigung» schulden, wenn sie sich aus dem knapp ein Jahr dauernden Prozedere verabschieden. Je nach Zeitpunkt des Austritts werden 70 bis 500 Franken fällig.

«Als Veranstalter betreiben wir einen grossen finanziellen Aufwand», sagt Hertig. «Alleine ich setze für den Aemmechic rund 1000 Arbeitsstunden ein.» Dazu kämen die Kosten für die Saalmiete, Ton- und Lichtanlage, Werbung, Preise, Fachreferenten und so weiter und so fort.

«Nicht nur ein Plausch»

Im übrigen gehe es bei dieser Klausel nicht nur um den finanziellen Aspekt, sagt Martin Hertig, der den Aemmechic als Lebensschule für die Teilnehmenden preist. Er möchte, sagt er, auch erzieherisch wirken: «Wir wollen den jungen Leuten zeigen, dass das Showbusiness nicht nur ein Plausch ist, bei dem man nach Belieben mitmachen und wieder aufhören kann, wenn man keine Lust mehr hat», sagt Hertig.

Zur Kasse gebeten wird aber nicht nur, wer aussteigt. Sondern auch, wer bis zum Finale durchhält. Denn ebenso interessant wie die «Auftrittszusage» im Vertrag ist Hertigs Methode, die Zuschauerränge am Finalabend zu füllen. Die Kandidatinnen und Kandidaten übernehmen für 20 Franken pro Stück so viele Tickets, wie sie bezahlen können, und verkaufen sie im Bekanntenkreis. Die Gäste erwartet eine Gala, die sich, inklusive aller Show- und Werbeeinlagen für den Hertig’schen Laden, locker über mehr als vier Stunden hinziehen kann. Wer zahlt, gewinnt eher Und weil die Lautstärke des Applauses zu 40 Prozent über Sieg und Niederlage mitentscheidet, liegt der Gedanke daran, dass zahlungskräftige Sängerinnen und Sänger bessere Gewinnchancen haben als Teilnehmende, die bloss ihre Eltern mitschleppen konnten, nahe.

Doch das letzte Wort haben nicht die Fans, sondern die Mitglieder der Jury mit 60 Stimmenprozenten. Für die nötige Fachkompetenz und den bei derlei Veranstaltungen unabdingbaren Glamour sorgten am Finale 2007, nebst zwei mässig bekannten Sängerinnen aus dem Grossraum Bern, eine Visagistin und Farbtherapeutin sowie eine Coiffeurfachfrau.

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