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Wo sich der Ärztemangel abzeichnet

In der kinderreichen Gemeinde Herzogenbuchsee praktizieren neun Hausärzte, aber es fehlt ein Kinderarzt. In die Bresche ist ein Hausarzt gesprungen. Das Fehlen aber zeigt ein grundlegendes Problem.

Kleinkinder willkommen: Markus Frey, Allgemeinmediziner mit pädiatrischer Ausbildung, betreut auch Kinder in seiner Praxis in Herzogenbuchsee.Im Dorf fehlt ein Kinderarzt, daher fahren viele Eltern bis nach Burgdorf oder Solothurn zum Spezialisten.
Kleinkinder willkommen: Markus Frey, Allgemeinmediziner mit pädiatrischer Ausbildung, betreut auch Kinder in seiner Praxis in Herzogenbuchsee.Im Dorf fehlt ein Kinderarzt, daher fahren viele Eltern bis nach Burgdorf oder Solothurn zum Spezialisten.
Thomas Peter

Herzogenbuchsee wächst und wächst. Siedlungen für Familien sind entstanden, Dreiräder stehen vor den Haustüren, Schaukeln und Sandkästen im Garten. Die Kindergärten werden weiter ausgebaut. Doch ein Kinderarzt fehlt in der 7000-Seelen-Gemeinde Herzogenbuchsee. Buchser Eltern müssen für den Besuch beim Kleinkindspezialisten entweder den Weg nach Burgdorf oder nach Langenthal in Kauf nehmen, erzählen sie. Angesichts der vielen Kinder in der Gemeinde erstaunlich, sind in Herzogenbuchsee doch nicht weniger als neun Grundversorger gemeldet.

Wie lange schon in Herzogenbuchsee kein spezifischer Kleinversorger mehr ansässig ist, weiss Gemeindeverwalter Rolf Habegger nicht genau. «Ich weiss nicht, worans liegt, aber dass es ein Problem ist», sagt er. «Ein Kinderarzt wäre eine Marktlücke», ist Habegger indes überzeugt.

Diese Lücke schliesst zumindest teilweise einer: Hausarzt Markus Frey, der nebst seiner allgemeinen internistischen Ausbildung Weiterbildungen im Bereich der Pädiatrie durchlaufen, seine Assistenzzeit in einem Kinderspital verbracht und eine Art Nachdiplomstudium für Kinderpsychologie erworben hat. In verschiedenen Onlineforen, in denen Eltern untereinander Ratschläge austauschen, wird Frey als Alternative gehandelt.

Gut aufgeteilt

Die Grundversorgung sei in Buchsi gewährleistet, sagt Frey, der früher Präsident der Standesvereinigung der Hausärzte im Oberaargau war. Wenn ein Hausarzt Erfahrung aufweisen könne, dann dürfe er auch Kinder betreuen: Auf diesen Standpunkt stellt sich Frey. «Oder er arbeitet mit Spezialisten zusammen.»

Er sieht im Fehlen eines Kinderarzts, der diese Qualifikation auch im Titel trägt, denn auch weniger ein lokales Problem als vielmehr den Ausdruck eines grundlegenden Mangels an Grundversorgern in vielen ländlichen Gebieten. «Unabhängig davon, ob die Klientel Erwachsene oder Kinder sind», sagt Frey. In seiner Praxis gilt der Patientenstopp, den er verhängt hat, ausschliesslich für Erwachsene. Auch wenn in diesem Bereich die Nachfrage grösser sei.

Er habe früh angefangen, einen Teil der Versorgung der Kleinsten in Herzogenbuchsee und Umgebung abzudecken. Dies in Absprache mit den Langenthaler Kinderärzten, die das Gebiet um Langenthal und gegen Huttwil hin versorgen. «Natürlich gilt die freie Arztwahl», stellt Frey klar.

Huttwil hat Bedarf

In der Kinderarzt-Gemeinschaftspraxis von Christoph Scherler und Werner Häfeli in Langenthal stützt man mittlerweile auf zwei Assistentinnen ab. Genug also, um die Versorgung im Raum Langenthal sicherzustellen. «In der Schweiz geht etwa die Hälfte der Kinder zum Kinderarzt, die andere zum Hausarzt, je nachdem, ob sie in der Stadt oder auf dem Land wohnen», sagt Werner Häfeli. Eine eigentliche Beschränkung gebe es nicht. «Bei uns melden sich die Eltern an und entscheiden selbst, zu wem sie wollen», sagt Häfeli. «Es hat in der Region ausreichend Kinderärzte.» Von der Grösse des Einzugsgebiets her aber könnte Huttwil noch einen Kinderarzt brauchen.

«Im Moment funktionierts noch in Buchsi», sagt Frey. Neun Grundversorger kümmern sich in der näheren Umgebung der zweitgrössten Oberaargauer Gemeinde um kleinere und grössere Wehwehchen und Gebrechen. Das Einzugsgebiet zieht sich laut Frey bis nach Thunstetten. Bützberg hat zwei Ärzte, Seeberg ebenfalls einen, dann auf der anderen Seite Kirchberg wieder.

Es werde aber zunehmend schwierig, ein gutes Versorgungsnetz aufrechtzuerhalten. «Der Druck wird sich in den nächsten 5 Jahren noch verschärfen.» Die jüngere Generation von Hausärzten verlange Sicherheiten: Sie wollten nicht selbstständig sein, verlangten geregelte Arbeitszeiten und Einkommen. Die Investitionen, die man in eine eigene Praxis stecken muss, scheuen viele.

Die Möglichkeiten der Gemeinde selbst seien beschränkt, sagt Gemeindeverwalter Habegger: Die Rahmenbedingungen setze der Bund im Krankenversicherungsgesetz. Die Gemeinde könne aber Unterstützung bieten, zum Beispiel bei der Suche nach geeigneten Räumlichkeiten.

Auch Werner Häfeli sieht im Modell der Gemeinschaftspraxis die Zukunft. «Es braucht seine Zeit, bis sie etabliert ist. Aber es lohnt sich.» In der Stadt setzten viele Mediziner auf den Zusammenschluss. Auf dem Land könnte sich Häfeli auch gemischte Gemeinschaftspraxen mit einem Internisten oder Allgemeinpraktiker vorstellen.

Junge fordern Sicherheiten

Der Langenthaler Arzt Andreas Bieri, seit Jahren im Vorstand der Berner Ärztegesellschaft und dort für die regelmässige Versorgungsanalyse zuständig, kennt die Situation wie kaum ein anderer. Seit 2005 setzt er sich «mit Herzblut» für die ärztliche Versorgung im Oberaargau ein, so auch für die Notfallpraxis im Spital Langenthal und schliesslich die Haslipraxis, die von der SRO finanziert wird, während die Ärzte angestellt sind.

«Das alles hat viel von mir gefordert», sagt Bieri, der sich an einen Fall aus Thun erinnert, eine verwaiste Kinderarztpraxis: Stadt und Spital stellten die Praxis und engagierten eine Ärztin. Dass die wenigen jungen Grundversorger, zu denen auch die Kinderärzte gehören, Bedingungen stellen, findet er hingegen richtig. «Sie haben Recht.» Könne man ihnen sogenannte Life-Work-Balance-Stellen anbieten, habe man mit Blick auf die Zukunft eine Chance. «Aber das kostet einiges bei den heutigen Tarifen.» In der Haslipraxis sei er daran, solche Stellen zu schaffen. Bieri: «Das ist noch mein letzter Innovationsversuch für das Gesundheitswesen.»

Ein Drittel der Ärzte fehlt

In einer Studie aus dem Jahr 2008 zeigt das Gesundheitsobservatorium Obsan auf, dass der Schweiz im Jahr 2030 fast ein Drittel der nötigen Ärzte fehlen dürfte. Grund dafür ist neben der alternden Bevölkerung die Tatsache, dass die Schweizer Universitäten nicht genug Mediziner ausbilden. Lange habe es gedauert, bis einer das Problem laut formuliert habe, sagt Bieri: Bundesrat Alain Berset.

Die ausgebildeten Ärzte in der Schweiz seien seit 15 Jahren auf eine Zahl von 800 limitiert; die Schweiz aber brauche alleine zur Strukturerhaltung deren 1300. Die Ausbildung eines Arztes oder einer Ärztin aber kostet rund eine Million Franken.

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