Wo die Knollen den Winter verbringen

Herzogenbuchsee

Zwei Drittel der Kartoffelernte sind bereits eingefahren. Bis zu 7000 Tonnen Erdäpfel lagern in der Kartoffelhalle der Fenaco-Gruppe in Herzogenbuchsee, ehe sie von der Veredelungsindustrie zu Chips und Pommes frites weiterverarbeitet werden.

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Chantal Desbiolles

Er halbiert die Kartoffel und runzelt die Stirn. «Eine Hohlherzige», erklärt Fritz Schär und deutet auf die bräunliche Aussparung im Erdapfel. Es ist bei weitem nicht die erste Kartoffel in dieser Saison, deren Qualität den Leiter der Kartoffelannahme nicht überzeugt.

Im Halbstundentakt fahren Landwirte aus dem Oberaargau und darüber hinaus bei der Lagerhalle in Herzogenbuchsee vor, um ihre schweren Anhänger zu entladen: Bis zu 25 Tonnen Kartoffeln pro Stunde bringen sie, etwa 200 Tonnen sinds pro Tag. Schär und seine Kollegen haben bei der Annahme alle Hände voll zu tun. Sie prüfen die angelieferten Bodenfrüchte nach den Anforderungskatalogen der späteren Verarbeiter auf ihre Tauglichkeit als Grundstoff für Pommes frites oder Chips.

«Es ist eine schwierige Ernte», stellt Christoph Kohli fest. «Wir kämpfen mit der Qualität», sagt der Verantwortliche für Veredelungs- und Pflanzkartoffeln bei der Genossenschaft Fenaco, die sich in 240 Landis organisiert. Die Wachstumsbedingungen seien in diesem Jahr schlecht gewesen – viel Regen bedeutet Feuchtigkeit über lange Zeit, was sich schlecht auf die Kartoffeln ausgewirkt hat. Allerdings ist die Ernte mengenmässig gross ausgefallen, was diesen Umstand entschärft. Für die Produzenten heisst das, dass ein ansehnlicher Teil ihrer Kartoffeln im Futterkanal oder der Biogasanlage landet.

Das ist aber nur die allerletzte Option. Die Härdöpfu werden einer umfassenden Prüfung in mehreren Schritten unterzogen. Eine Wissenschaft für sich, wie Schär nickend bestätigt. Ist einer der Kartoffelbauern mit der Ware auf die Waage vorgefahren, steigt Schär auf ein Gerüst und nimmt ein Muster von 10 Kilo je 5 Tonnen. Unten angekommen, greift der Fachmann zu einem Quadratmass. Damit werden die kleinsten Knollen ausgemessen, danach fünf der grössten gerüstet und halbiert.

Einige Schäden wie Schorf, Schneckenlöcher oder grüne Knollen erfasst das strenge Auge des Prüfers von aussen, innere Mängel wie Eisen- oder Blauflecken oder eben Hohlherzigkeit bedingen einen beherzten Schnitt. Die Schäden werden auf die ganze Ladung hochgerechnet; entsprechen mehr als 12 Prozent nicht den detailliert aufgeführten Kriterien, nehmen Schär und seine Kollegen die Kartoffeln nicht an.

Auch einem Backtest werden die Erdäpfel unterzogen. Dazu werden Testchips in der Fritteuse im Container nebenan ausgebacken. Die Farbe der Scheiben gebe Aufschluss über den Zuckergehalt, sagt Schär: Je tiefer, desto besser. «Sie sollten so hell wie möglich sein.» Note 7 gilt hier als gut, 4 als sehr schlecht. Regelmässig werden die Kartoffeln auch einer zweiten Backprobe unterzogen. Im vorliegenden Fall ergibt auch diese nicht sonderlich viele Punkte. «Das gibt vermutlich Rösti oder Speiseflocken», mutmasst Schär.

Nach der Kontrolle werden die für gut befundenen Lieferungen über ein Band ins Innere der Halle befördert, dort in Kisten gepackt und gestapelt. Zwischen 25 und 40 Franken pro 100 Kilo erhalten die Produzenten. Eine Entschädigung für die Lagerdauer von bis zu acht Monaten geht an die Landi, die damit ihre Unkosten deckt, wie Kohli sagt. Angaben zum Umsatz werden keine gemacht.

Die Fenaco versorgt den Chipshersteller Zweifel und die beiden Frites-Produzenten Bischofszell Nahrungsmittel AG und die eigene Neuenburger Frigemo AG mit Kartoffeln. Dazu betreibt sie drei solche Lagerhallen in der Schweiz.

Jene in Herzogenbuchsee ist die kleinste und jüngste unter ihnen; die 90 Meter lange und 30 Meter breite Halle ist erst seit einem Jahr in Betrieb. Sie wurde nach jener Kartoffelsorte benannt, die hier etwa die Hälfte des Bestands ausmacht: Lady Claire.

Die Assoziation vom englischen Teesalon verfliegt, wenn man die Halle betritt: Hier dominiert künstliches Grünlicht, das verhindert, dass die Knollen grün werden. Bis unter die Decke sind die Erdäpfel in Holzkisten gestapelt.

Maximal 7000 Tonnen Kartoffeln können hier in sechs Zellen zwischengelagert werden, damit das ganze Jahr über die sogenannte Veredelungsindustrie beliefert werden kann. Die Kisten werden systematisch belüftet und sind mit Sonden versehen, die die Temperatur messen.

Sie wird über die nächsten Wochen langsam bis auf 8 Grad abgesenkt. Ruhe kehrt bald ein: Zwei Drittel der Ernte sind bereits eingebracht, in den nächsten zwei Wochen wird sie abgeschlossen werden.

Berner Zeitung

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