Zum Hauptinhalt springen

«Wir wollen mehr sein als ein Feigenblatt»

Regionale Produkte sind trendy. Hans Neuenschwander, der sich heute als Präsident der Ämmitaler Ruschtig zur Wiederwahl stellt, beobachtet diesen Trend mit gemischten Gefühlen.

Markus Zahno

Herr Neuenschwander, die Dachorganisation «Das Beste der Region» hat den Umsatz in sechs Jahren versechsfacht. Profitiert auch die Ämmitaler Ruschtig vom Regionalprodukte-Boom?Hans Neuenschwander: Bei uns ist der Umsatz eher stagniert. Die Emmepro GmbH, welche die Ruschtig-Produkte vermarktet, hat letztes Jahr einen wichtigen Abnehmer verloren: Coop. Das war schwer zu verkraften. Gegen Jahresende hat sich die Lage aber stabilisiert. Es sind neue Kunden dazugekommen, sodass wir für 2011 wieder steigende Umsätze erwarten. Zumal Regionalprodukte allgemein tatsächlich stark im Trend sind.

Trotzdem brauchen Sie im Ämmitaler-Ruschtig-Jahresbericht auch warnende Worte. Natürlich bereitet uns der Trend Freude. Aber wir müssen aufpassen, dass wir nicht zum Feigenblatt der ungehemmten Konsumwahnsinnigen und knallharten Wirtschaftsfanatiker werden. Ein bisschen Regionalprodukte als Vermarktungsfassade und dahinter global optimierte Preisdrückerprodukte – das ist leider oft Realität.

Können Sie uns konkrete Beispiele nennen? In den Konsumentenzeitungen finden sich neben zwei Seiten zu Regionalprodukten zehn Seiten Preisabschlag. Oder an Tagungen wird zum Znüni ein Regionalbrötli zu Globalkaffee und Europamineralwasser serviert. Mit anderen Worten: Regionale Produkte werden zum Teil auch benutzt, um das Gewissen zu beruhigen, daneben verpflegt man sich möglichst günstig und schnell. Die Schliessung des Biosupermarkts in Bern ist ein weiteres Indiz dafür.

Stehen Bio- und Regionalprodukte in einer Art Konkurrenz zueinander? Ja, sie teilen sich einen begrenzten Markt. Trotz steigenden Umsätzen beträgt der Anteil Regionalprodukte bei den Lebensmitteln erst ein paar Prozent.

Wie kann er gesteigert werden? Braucht es Ideen wie jene von Zürcher Bauern, die Gemüseabos anbieten und ihren Kunden jede Woche eine Gemüsekiste vor die Haustüre liefern? Die Region Zürich ist für eine Regionalmarke natürlich ein Paradies: Man hat 1 Million potenzielle Kunden, die kaum eigene Tiere oder einen eigenen Garten besitzen. Bei uns im Emmental ist das anders. Trotzdem habe ich die Vision: Die Marke Ämmitaler Ruschtig soll mit Auftritten an Märkten und Messen in die ganze Schweiz hinaus getragen werden, sie soll aber auch im Emmental bekannter werden.

Besteht diesbezüglich noch viel Steigerungspotenzial? Durchaus. Wir möchten noch mehr Partner gewinnen, die unsere Marke nutzen – sodass ihr die Touristen hier auf Schritt und Tritt begegnen. Deshalb wollen wir das Marketing auch hier im Emmental verstärken.

Doch das kostet Geld, und davon hat die Ämmitaler Ruschtig nicht allzu viel. Früher unterstützte der Bund regionale Labels wie die Ämmitaler Ruschtig direkt. Man dachte, das sei nur ein paar wenige Jahre nötig, dann würden die Labels selbsttragend sein. Doch diese Annahme war zu optimistisch. Also spricht der Bund auch heute noch Beiträge, allerdings will er nicht mit jedem einzelnen Label verhandeln, sondern unterstützt noch vier Dachorganisationen. Eine davon ist «Das Beste der Region», bei der auch die Ämmitaler Ruschtig dabei ist. Sie managt das Marketing sowie die Auftritte an Märkten und Messen. Dadurch haben wir die Ruschtig-Strukturen restrukturiert und die Geschäftsstelle auf ein Minimum reduziert.

Die Strukturen machen immer noch einen provisorischen Eindruck. Sie sind seit drei Jahren interimistischer Präsident. Meine Vorgängerin trat aus gesundheitlichen Gründen zurück, sodass ich als damaliger Vize übernahm. Bald darauf rückte die Suche nach einem neuen Präsidenten in den Hintergrund, weil man nicht genau wusste, wie es mit der Ämmitaler Ruschtig überhaupt weitergeht.

Warum? Wir mussten mit all unseren Partnern – Produzenten, Vermarktern und Gastrobetrieben – neue Verträge abschliessen. Das hing mit der Einführung der Zertifizierung, mit den strenger werdenden Kontrollvorgaben zusammen. Es gab kleinere Betriebe, die sich diese Kontrollen finanziell nicht mehr leisten konnten und ihre Mitgliedschaft bei der Ämmitaler Ruschtig kündigten. Unsere Mitgliederzahl sank um einen Drittel, hat sich mittlerweile aber bei 100 stabilisiert. Das ist eine schöne Schar, die mich für die Zukunft optimistisch stimmt. Heute Abend an der Hauptversammlung werde ich nochmals für ein Jahr zur Wiederwahl antreten, zugleich beginnt nun die Suche nach einer neuen Präsidentin oder einem neuen Präsidenten.

Sie haben die Kontrollen angesprochen: Wann darf ein Produkt eigentlich den Kleber «Ämmitaler Ruschtig» tragen? Wenn sein Hauptrohstoff zu 100 Prozent aus der Region kommt und es auch in der Region verarbeitet wird. Die Betriebe müssen die Rezepte für ihre Produkte hinterlegen und werden von der Zertifizierungsstelle mindestens alle drei Jahre kontrolliert.

Wie definiert man eigentlich eine Region? Ist das die Strecke, die ich an einem Tag laufen kann? Diese Definition ist zuweilen nicht einfach. Auf dem Papier ist jede Gemeinde einer Region zugeteilt, zum Beispiel dem Oberland oder dem Emmental. Aber in der Realität sind die Grenzen manchmal fliessend.

Coop verkauft in Burgdorf Milch «frisch aus dem Emmental», in Heimberg Milch «frisch aus dem Oberland» – und beide werden in der gleichen Käserei (Kreuzweg) abgefüllt. Wird die Idee so nicht verwässert? Wir können auch die Beispiele Bowil oder Zäziwil nehmen. Politisch gehören diese Gemeinden zwar nicht mehr zum Emmental, die Produzenten hier fühlen sich aber durchaus als Emmentaler. Ich finde, das kann man ihnen nicht übel nehmen.

Und welche Bedeutung haben regionale Marken wie Ämmitaler Ruschtig in 20 Jahren? Ich sehe zwei Szenarien. Nummer 1: Der unbegrenzte Konsum geht weiter, man gibt immer mehr Geld für Elektronik und Kleider aus und spart dafür noch stärker beim Einkauf von Lebensmitteln. Nummer 2: Durch die steigenden Bevölkerungszahlen, die kleiner werdende bebaubare Fläche und Katastrophen wie Fukushima fragen sich immer mehr Menschen: «Wie leben wir eigentlich?» Sollte dieses Szenario eintreffen, wird der Anteil von regionalen Produkten steigen und irgendwann mehr als bloss ein paar Prozent ausmachen.

Dieser Artikel wurde automatisch auf unsere Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch