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Wenn das Publikum nicht gehen will

Das Komikerduo Ursus&Nadeschkin begeisterte am Samstag und Sonntag in Langenthal gleich zweimal. Ihr fulminantes Bühnenprogramm ist geistreich und zum Brüllen komisch – und viel schneller zu Ende, als alle erwartet hätten.

Begeisterten nicht nur sechs Minuten: Ursus&Nadeschkin traten gleich zweimal im Stadttheater auf.
Begeisterten nicht nur sechs Minuten: Ursus&Nadeschkin traten gleich zweimal im Stadttheater auf.
Daniel Fuchs

«Danke für Ihre Treue, kommen Sie gut nach Hause.» Urs Wehrli alias Ursus winkt und verschwindet hinter dem glitzernden Vorhang. Das Licht im Saal geht an, Zeit, nach Hause zu gehen. Wirklich? Die Besucher blicken verblüfft, dauerte der Auftritt von Ursus&Nadeschkin doch gerade mal sechs Minuten. Zugegeben, fulminant war er schon. Schnell, schrill, beide Komiker verkleidet in Weiss, mit lauter Musik und Konfettiregen am Ende. Nun sitzen 450 Personen im vollen Stadttheater perplex auf ihrem Platz, einige tragen noch die Effektbrille, die sie für eine wenige Sekunden dauernde Lichtshow aufsetzen mussten. Derweil erscheint Nadja Sieger alias Nadeschkin mit dem Staubsauger und beginnt, die Sauerei auf der Bühne aufzuräumen. War das wirklich schon alles?

Abgespeckt und verdichtet

Natürlich nicht. Denn obwohl Ursus mehrmals das Publikum bittet, den Saal zu räumen, nach Hause zu gehen und mit der gewonnenen Zeit etwas Sinnvolles anzustellen, wird der Auftritt länger dauern. Einzig: Ursus kann sich mit dieser Tatsache nicht anfreunden. Marktforschung habe man betrieben, mit Regisseuren und Drehbuchautoren zusammengesessen, um die perfekte Show zu planen. Das Resultat, «das, was das Publikum will», sagt er, seien diese sechs Minuten. Während Nadeschkin nun mit ihrer tollpatschigen Art den Saal zum Lachen bringt, stapft Ursus wutentbrannt davon.

Seit mehr als 25 Jahren tourt das Komikerduo durch die Schweiz und halb Europa. Bei ihrem neuen Bühnenprogramm «Sechsminuten» krempeln sie bestehende Konventionen komplett um. Ihr «verdichtetes Programm», wie es Ursus bezeichnet, sei als zeitgenössisches Theater zu verstehen. Ein Theater, das in seiner Kürze alles umfasse, was es brauche. Nebst Komik, Zauberei, Literatur, Kunst, Musik und Licht soll in den sechs Minuten mit 30 Sekunden Pause gar ein rauchender Affe über die Bühne marschiert sein. Auch das Lokalkolorit kommt nicht zu kurz. In der von Ursus abgespeckten Form bedeutet das, ein Berner Fähnlein zu schwingen.

Der Hintergedanke von «Sechsminuten» ist gar nicht mal so abwegig. In der hektischen Gesellschaft von heute soll Qualität vor Quantität kommen. Mit dem von Ursus&Nadeschkin neu definierten Standard eines Abendprogramms sollen letztlich alle Zeitgewinner sein. Dieser Plan geht aber nur auf, wenn das Publikum nach sechs Minuten wirklich geht. Und auch nach über einer Stunde macht es keine Anstalten, den Saal zu verlassen.

Wo war der Affe?

Als entsteht ein abendfüllendes Programm aus dem Moment heraus. Während Nadeschkin Ausgehangebote im Oberaargau sucht, schickt sich Ursus an, sein missratenes Kurzprogramm zu überarbeiten. Denn schliesslich, so der Vorwurf seiner Bühnenpartnerin, habe er praktisch alles gekürzt, was möglich war. Selbst der Mittelteil – eine Konversation aus schwedischem, englischem und schweizerdeutschem Kauderwelsch – fehlt.

Mit umgekehrten Verhältnissen inszenieren Ursus&Nadeschkin ihren sechsminütigen Auftritt nochmals. Das Publikum sieht den Vorhang von hinten, während Ursus&Nadeschkin vor der Bühnenwand tanzen. Selbst die Szene, wo sich Ursus in einen Affen verwandelt, bleibt dem Publikum nicht vorenthalten. Und erst jetzt, als sie die Bühne quasi umdrehen, sind nach der Vorführung endlich alle Besucher weg. Die einzige Frage, die nach fast zweieinhalb Stunden aberwitziger und intelligenter Komik bleibt: War dieser verflixte rauchende Affe tatsächlich schon beim ersten Mal auf der Bühne?

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