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Vom Schweigen im Bauernhaus

Auf Bauernhöfen im Emmental sind die einzelnen Familienmitglieder in der Regel stark voneinander abhängig. Konflikte sind deshalb besonders einschneidend. Rechtzeitig externe Hilfe in Anspruch zu nehmen, wäre umso wichtiger.

Miteinander kommunizieren und Probleme gemeinsam angehen: Dann seien die Voraussetzungen dafür intakt, Konflikte zu lösen, sagt Franziska Feller vom Netzwerk Mediation im ländlichen Raum.
Miteinander kommunizieren und Probleme gemeinsam angehen: Dann seien die Voraussetzungen dafür intakt, Konflikte zu lösen, sagt Franziska Feller vom Netzwerk Mediation im ländlichen Raum.
Fotolia

Nach dem Tod seines Vaters führte der junge Bauer den Betrieb zusammen mit seiner Mutter weiter. Dann verliebte er sich, und die Auserwählte liess sich trotz Bedenken überreden, auf den Hof zu ziehen. Die Mutter bezog Räume im ersten Stock, die junge Familie, die bald einmal fünf Mitglieder umfasste, wohnte im Parterre. Die junge Frau ging aber weiterhin ausserhalb des Betriebs ihrem erlernten Beruf nach. Die Grossmutter half auf dem Hof ebenso wie bei der Kinderbetreuung und fand bald einmal, die junge Frau dürfte ruhig etwas mehr mithelfen. Doch was auch immer diese anpackte, es war falsch – jedenfalls nicht so, wie man es auf dem Betrieb bislang gemacht hatte. Die Spannung zwischen Schwiegertochter und Schwiegermutter stieg.

Dazwischen stand der Bauer. Mit der Mutter arbeitete er täglich Hand in Hand, die Ehefrau jedoch entglitt ihm immer mehr. Irgendwann, «als der Leidensdruck gross genug war», wie Franziska Feller sagt, sassen die drei am Tisch in ihrem Büro.

Ländliche Besonderheiten

Franziska Feller ist Mediatorin und hat das Netzwerk Mediation im ländlichen Raum (siehe Kasten) initiiert. Sie konnte zwar nicht mehr verhindern, dass besagtes Paar zum Entscheid kam, sich zu trennen. Doch die Dienste der Mediatorin sind weiterhin gefragt. Denn bei Bauernpaaren stellen Scheidungen oftmals auch gleich die Existenz des Betriebes infrage. «Allein kann der Bauer den Hof nicht führen», weiss Franziska Feller.

Nebst finanziellen Problemen hilft sie auch, soziale Fragen zu klären. Denn wenn beide Eltern weiterhin den Kontakt zu den Kindern aufrechterhalten wollen, darf die Frau nicht zu weit wegziehen. «In der Stadt ist es gang und gäbe, dass das Paar nach der Trennung getrennte Wege geht, aber im gleichen Kreis lebt, damit die Kinder Vater und Mutter in der Nähe haben. » Doch die Mediatorin gibt zu bedenken: «In einem Dorf wird viel mehr geredet und gewertet. Dort ist es für die eine Partei viel schwieriger zu bleiben und ein neues Leben aufzubauen.»

Latente Probleme auf den Tisch bringen

Und wie hilft Mediation? «Wir öffnen den Fächer, damit es am Schluss allen bessergeht», sagt Franziska Feller. Mediation sei keine Therapie, in der «Krankes» behandelt werde. Vielmehr gehe es darum, latente Probleme auf den Tisch zu bringen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Diese Gespräche dürften aber nicht in der Bauernküche stattfinden, wo jedes an seinem Platz sitze und dadurch die gewohnte Rolle ausfülle. Hilfreich sei es oftmals bereits, wenn die zerstrittenen Parteien an neutralem Ort ihre Erwartungen formulieren könnten. «Hier sind alle gleichwertig», betont die Mediatorin, die dann je nach Bedarf Sozialarbeiter, Juristen oder finanzielle Berater beizieht.

Aber ihre Hauptaufgabe sieht die Mediatorin darin, die in einem Konflikt blockierten Parteien aus ihrer Starre zu befreien und wieder handlungsfähig zu machen. Wie im folgenden Beispiel: Die Eltern überschrieben den Betrieb dem Sohn und seiner Frau, blieben aber auf dem Hof wohnen. Weil sie noch rüstig waren, wollten sie weiterhin mit- arbeiten. Doch Sohn und Schwiegertochter hatten derart andere Vorstellungen von der Landwirtschaft, dass es zunehmend schwieriger wurde. «Beide Generationen fühlten sich eingeengt», stellt die Mediatorin fest. Die Lösung besteht nun darin, dass die Eltern in ein kleines Haus am Dorfrand ziehen, wo sie viel Umschwung haben und ein paar Tiere halten können. «So können sich die beiden Parteien auf einer anderen Ebene begegnen, und es wird menschlich wieder besser funktionieren», ist Franziska Feller überzeugt. Und sie windet dieser Familie ein Kränzchen: «Es braucht Kraft und Mut, es anders zu probieren, als die Tradition vorschreibt.»

Schweigen – und Leiden

Doch aus Angst, in der Dorfgemeinschaft als Versager dazustehen, werde in vielen Bauernhäusern allzu lange gelitten – und geschwiegen. Über Familienangelegenheiten zu sprechen, gehöre sich für viele nicht. Franziska Feller weiss von einem alten Ehepaar, das seit über 50 Jahren verheiratet ist, zusammen Tisch und Bett teilt, seit Jahren aber kein Wort mehr wechselt. Wenn es unausweichlich wird, ruft der eine die Tochter an, damit sie dem andern Elternteil das Nötige ausrichtet.

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