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Trotz Versicherung: Marokkanerin wurde nicht behandelt

Die Marokkanerin verliess das Spital Langnau gegen den ärztlichen Rat. Denn sie sollte ein Depot zahlen – trotz einer Versicherung.

Zum Notfall ins Spital Langnau – auf eine gründlichere Untersuchung musste die Marokkanerin verzichten.
Zum Notfall ins Spital Langnau – auf eine gründlichere Untersuchung musste die Marokkanerin verzichten.
Daniel Fuchs

Wieso war seiner Schwiegermutter schwarz vor Augen geworden? Wieso spürte sie im rechten Arm und im rechten Bein unvermittelt eigenartige Vibrationen? Wieso konnte sie sich bei alledem schliesslich nicht mehr auf den Beinen halten und sank zusammen?

Auch gut eine Woche nach dem akuten Schwächeanfall hat Alf Assmus auf all diese Fragen keine Antworten. Denn zu einer sorgfältige Abklärung im Spital Langnau ist es nicht mehr gekommen. Weil die Verantwortlichen von der 67-jährigen, auf Besuch weilenden Marokkanerin ein Gelddepot von 1200 Franken oder mehr verlangen wollte, und sie mit ihren Verwandten einen so hohen Betrag auf die Schnelle nicht auftreiben konnte.

Spezielle Versicherung

So kehrte sie gezwungenermassen zur Familie von Alf Assmus zurück, zu Tochter und Schwiegersohn also. «Es geht ihr zwar etwas besser, aber sie klagt über Schmerzen», erzählt dieser. Um gleich klarzumachen, dass ihm das Verhalten der Spitalverantwortlichen einfach nicht in den Kopf gehen will.

Immerhin hatte die Schwiegermutter vor dem Flug eigens eine Versicherung abgeschlossen, die Krankheitskosten in der Höhe von 50'000 Franken und im schlimmsten Fall gar den Rücktransport nach Marokko deckt. Sonst hätten ihr die Behörden das Visum verweigert – so sieht es das Abkommen für die Einreise in den Schengen-Raum vor, zu dem auch die Schweiz gehört.

Antwort mit Tücken

Mit dem entsprechenden Nachweis ging Alf Assmus am Tag nach dem Zusammenbruch seiner Schwiegermutter ins Spital. Die Leute am Empfang nahmen Kontakt mit der Versicherung auf, und prompt kam über den Fax die Bestätigung, dass alles seine Richtigkeit habe.

Wobei es gerade diese Antwort in sich hatte, wie Spitaldirektor Bruno Haudenschild auf Anfrage erklärt. Das Schreiben aus einer Niederlassung in Paris habe gerade mal zwei Sätze umfasst und bestätigt, dass die Frau bei Krankheit ihre Auslagen tatsächlich zurückfordern könne. Klar geworden sei dabei indessen auch, dass nicht die Versicherung, sondern eben die Frau für die Rechnung hafte, «von einer Kostengutsprache zu unseren Gunsten konnte überhaupt nicht die Rede sein».

Wen wunderts – internationale Versicherungspolicen, die im Notfall gleich einen fixen Betrag garantieren, «sind sehr teuer», weiss der Direktor aus eigener Erfahrung. Und daher nicht für jedermann erschwinglich.

Direktor hat Verständnis

Bei alledem zeigt Bruno Haudenschild auch etwas Verständnis. «Wer sich für eine Reise extra versichert, möchte sicher nicht so behandelt werden», betont er. Um gleichzeitig ebenso dezidiert auf die Lage des Spitals zu verweisen: «Wir hatten nichts Verbindliches in der Hand.» Vor diesem Hintergrund sei nichts anderes übrig geblieben, als ein Depot zu verlangen.

Schliesslich müssten für unbezahlte Rechnungen ausländischer Gäste die Steuerzahler geradestehen, «und da ist es unsere Pflicht, solche Ausfälle möglichst klein zu halten».

Der Direktor sagt offen, dass sich das Problem im Emmental selten so stellt, weil es nur Patienten aus Ländern ausserhalb des Schengen-Raums betrifft. Bei Leuten aus dem nahen Ausland sei die europäische Krankenversicherungskarte den Spitälern nämlich Sicherheit genug – wobei: «Wenn es um Leben und Tod geht, hat die Pflicht am Mitmenschen Vorrang.» Dann dürften finanzielle Fragen keine Rolle spielen.

Doch Insulin gespritzt

Eine erste Behandlung hat auch die Marokkanerin trotz allem erfahren. «Man hat ihr Insulin gespritzt», sagt Alf Assmus und erinnert daran, dass seine Schwiegermutter schon länger zuckerkrank ist und auch Tabletten aus Marokko mitgebracht hat. Umso wichtiger wäre es doch, sagt er, gründlich abzuklären, wo die akuten gesundheitlichen Probleme herrührten.

Die Ärzte am Spital Langnau waren offenbar derselben Meinung. Auf einem Formular mit dem Titel «vorzeitige Spitalentlassung gegen den ärztlichen Rat» hielten sie nicht nur fest, dass die von der Geldforderung völlig überrollte Patientin «unbedingt nach Hause» gehen wollte. Sie schrieben auch: «Es besteht grundsätzlich Lebensgefahr.»

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