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Tamilen im Emmental: «Wir haben ein neues Leben adoptiert»

Dharmini Amirthalingam ist im Norden Sri Lankas aufgewachsen. Heute ist sie Bürgerin von Sumiswald. Eine globale Emmentaler Dorfgeschichte, hundertfünfzig Jahre nach Jeremias Gotthelf.

Zwar hat Dharmini Amirthalingam noch nie Jeremias Gotthelf gelesen, auch wenn sie in Sumiswald keine hundert Meter vom mächtigen Gasthof Kreuz entfernt lebt, in dessen Saal viele Szenen der legendären Gotthelf-Filme gedreht worden sind. Aber mit dem Inhalt seiner Romane könnte sie sicher etwas anfangen, denn das Landleben mit all seinen Facetten ist ihr seit Kindheitstagen vertraut.

In Sri Lanka ist sie in einem grossen Dorf aufgewachsen, und auch wenn dieses ziemlich anders ausgesehen habe als Sumiswald, so seien die dörflichen Strukturen letztlich doch überall sehr ähnlich, sagt die 49-Jährige lächelnd. «Dorf ist Dorf.»

Von Sri Lanka ins Emmental

Trotzdem war der Start im Emmental nicht einfach gewesen. 1986, ein Jahr nach ihrer Ankunft in der Schweiz, landete Dharmini Amirthalingam in der grünen Hügellandschaft zwischen Burgdorf und Langnau, weil ihr Mann in Sumiswald Arbeit gefunden hatte. Sie war hochschwanger - einen Monat nach der Ankunft gebar sie im hiesigen Spital ihr erstes Kind. Zwei weitere folgten in den kommenden Jahren.

Nie wäre sie als Mädchen auf die Idee gekommen, dass sie einmal im Ausland eine Familie gründen würde, sagt Dharmini Amirthalingam. Aber als sich 1983 in Sri Lanka der Konflikt zwischen Tamilen und Singalesen zuspitzte und die Situation immer bedrohlicher wurde, verliess zuerst ihr Mann, dann sie das Land. An eine Rückkehr war nicht zu denken. Sehr, sehr alleine habe sie sich in Sumiswald zuerst gefühlt, erinnert sie sich. «Wir gehörten zu den ersten Fremden in der Gemeinde, ohne Empfehlung des Arbeitgebers meines Mannes hätten wir nie eine Wohnung gefunden.

Kühe und KMUs

Seither sind mehr als zwanzig Jahre verstrichen, Dharmini Amirthalingam hat sich in Sumiswald einbürgern lassen, und wenn sie heute ein paar Tage fortgeht, fühlt sie bei der Heimkehr jeweils ein angenehmes Gefühl von Vertrautheit in sich aufsteigen.

Zwar ist der Traum von einem Leben in Sri Lanka nach wie vor da, auch wenn er angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen in schmerzlich weite Fernen gerückt ist. Aber in Sumiswald, dem Dorf mit gleich viel Einwohnern wie Kühen (Gemeindestatistik), hat Dharmini Amirthalingam Fuss gefasst.

Die politische Gemeinde Sumiswald umfasst die drei Dörfer Grünen, Sumiswald und Wasen und zählt insgesamt rund fünftausend Einwohnerinnen und Einwohner. Wer durch den Dorfkern bummelt, passiert behäbige Höfe und Gärten mit Reihen praller Salatköpfen und zartweiss blühender Kartoffelstauden. Beim Bäcker gibts Erdbeerkuchen, beim Metzger Burehamme, und gleich neben dem Coiffeurgeschäft Sandra liegt die Meldestelle Emmental des Verbands Swissgenetics - «Ihr Partner in der Rinderzucht».

Aber das Dorf bietet mehr als ländliche Idylle. Auch wenn ausser einer einsamen Satellitenschüssel auf den ersten Blick nichts darauf hinweist: Gut sechs Prozent der Menschen, die hier wohnen, sind Ausländer - Eingebürgerte nicht mitgezählt. Denn Sumiswald ist auch Standort zahlreicher KMUs, vom Blasmusikinstrumente-Hersteller über Schreinereien und Metallverarbeitungsbetriebe bis zur Turmuhrenfabrik. Dharmini Amirthalingam: «Hier gab es Arbeitsplätze für uns.» Und Wohnungen, die bezahlbar waren. Das sprach sich herum, den ersten tamilischen Arbeitnehmern folgten bald weitere.

Hilfreiche Frauennetzwerke

Das Gewerbe befindet sich am Dorfrand von Sumiswald und im tiefer gelegenen Dorfteil Grünen, wo der Bahnhof liegt und Familie Amirthalingam ihre erste Wohnung hatte. Tag für Tag mit den kleinen Kindern den steilen Stutz hinauf nach Sumiswald zu gehen, sei ziemlich anstrengend gewesen, erinnert sich Dharmini Amirthalingam.

Weil aber Schweizer Nachbarsfamilien ebenfalls Kinder in der Spielgruppe oben in Sumiswald hatten, habe man begonnen, einander zu unterstützen. «Wir wechselten uns ab, jeden Tag brachte eine andere von uns die Kinder hinauf und holte sie wieder ab. Das war eine gewaltige Erleichterung.»

Kontakte zu anderen Müttern, zu Spielgruppenleiterinnen und Lehrerinnen - das waren die ersten Beziehungen, die Dharmini Amirthalingam zur einheimischen Bevölkerung knüpfte. Immer wieder seien es Frauen gewesen, die ihr hilfreich zur Seite standen und Türen öffneten, die sonst verschlossen geblieben wären, sagt sie rückblickend. «Ich habe grosses Glück gehabt.»

Als erster Deutschlehrer habe ihr Mann fungiert, der im Empfangszentrum einen Sprachkurs besucht und Übungsblätter besessen habe. Die paar Brocken Deutsch, die sie sich so aneignete, gaben ihr den Mut, Elternabende zu besuchen und Fragen zu formulieren. Sie wollte wissen, wie die Schule hier funktioniert, was die Kinder alles lernen müssen und was sie als Mutter beitragen kann.

Multikulturelles Nebeneinadner

Ihr Interesse trug Früchte. Die Lehrerin der Tochter wurde zur Freundin, die sie auf passende Fortbildungen hinwies, als Dharmini Amirthalingam Muttersprachlehrerin für die tamilischen Kinder von Sumiswald wurde. 25 Mädchen und Buben umfasste die Gruppe, vom Vorschulalter bis zur siebten Klasse.

Dharmini Amirthalingam besuchte zusammen mit Muttersprachlehrerinnen anderer Gemeinden Kurse für Deutsch und Schweizer Kultur und rutschte so allmählich in die Welt hinein, in der sie sich heute beruflich bewegt. Seit einigen Jahren pendelt sie unter der Woche zwischen Sumiswald und der Stadt Bern hin und her, wo sie in verschiedenen Migrationsprojekten als interkulturelle Übersetzerin tätig ist und sich in der Elternbildung engagiert.

Schade findet Dharmini Amirthalingam, dass sie Vieles von dem, was sie in der Stadt tut, daheim im Dorf bis jetzt nicht umsetzen konnte. Ihr Versuch, in Sumiswald einen interkulturellen Kurs für Mütter zu lancieren, scheiterte mangels Anmeldungen.

Tamilische Familien blieben mehrheitlich unter sich, sagt Dharmini Amirthalingam. Es fehlt zudem an informellen Treffpunkten im Dorf - wer sich mit tamilischen Lebensmitteln, Gewürzen und Kleidern eindecken will, muss dies in Burgdorf oder Bern tun. Ausserdem sind in manchen Familien beide Partner berufstätig, da bleibt an den Werktagen wenig Zeit für Unternehmungen. «Von Montag bis Freitag leben wir Tamilen wie Schweizer. Wir haben ein neues Leben adoptiert», sagt Dharmini Amirthalingam.

Aufgehoben in der Natur

Und am Wochenende? «Da leben wir wie in Sri Lanka.» Das heisst: Man besucht Verwandte und Freunde, sitzt zusammen, feiert grosse, ausgedehnte Feste. Dharmini Amirthalingam findet, dass sie und ihre Familie sich in diesem Punkt etwas untypisch verhalten. «Wir bleiben manchmal einfach daheim, weil jedes von uns seine Ruhe braucht.»

Für sie selber ist es die Natur, in der sie sich am besten erholen kann. Auch wenn die Landschaft des Emmentals sich sehr von den Reisfeldern Sri Lankas unterscheidet: In der Sanftheit der Täler und Hügel schwingt für Dharmini Amirthalingam eine spirituelle Kraft mit, die ihr viel bedeutet.

Dass ihre Kinder früher beim Nachbarsbauern ein- und ausgehen und Heuen und Feldarbeit miterleben durften, hat sie immer sehr glücklich gemacht. Auch heute denke sie manchmal, wenn sie in der Stadt Bern tamilische Eltern und ihre Kleinkinder berate und begleite: «Dass meine Kinder in Sumiswald gross werden durften, ist ein Geschenk.»

(SDA)

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