Nur Hochzeiten mochte der abtretende Pfarrer nicht

Wasen

Nach 31 Jahren geht der Wasener Pfarrer Ulrich Märtin in Pension. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Elisabeth begleitete er viele Wäseler in schönen und traurigen Momenten. Er mochte Beerdigungen – Hochzeiten aber weniger.

Sandra Rutschi

Es gibt diese Generation von Wäselern, für die Ulrich Märtin der Inbegriff des Pfarrers ist. Es sind die Menschen um die dreissig, die zu den ersten Kindern gehörten, die Märtin ab 1979 in Wasen taufte. Später erteilte er ihnen kirchlichen Unterricht, ging mit ihnen nach Zermatt ins Konfirmationslager und liess sie an der Konfirmation ihre liebsten Rocklieder singen. Er besuchte und beerdigte ihre Grosseltern, war in den schwierigsten Momenten bei ihnen. Für viele aus dieser Generation ist klar: Wenn sie heiraten, soll Märtin sie trauen. Und ihre Kinder soll Märtin taufen.

Am 31. Juli tauft Ulrich Märtin mit Silas Schenk das letzte Kind in Wasen. Danach geht der 63-Jährige nach 31 Jahren und 7 Monaten im Emmentaler Dorf in Pension. «Es ist schön, sich mit einer Taufe zu verabschieden. Einer kommt, einer geht. Das ist der Lauf des Lebens», sagt er.

Von 56 auf 20 Schüler

An diesem Julitag ist der gross gewachsene Mann gemeinsam mit seiner Frau Elisabeth (65) zur Kirche Wasen gekommen. Vor ihnen liegen die letzten Wochen als Pfarrerpaar der alten Schule. Herr Pfarrer waltete seines Amtes, Frau Pfarrer führte das Sekretariat, backte unzählige Züpfen für Altersnachmittage und Bettagswochenenden und begleitete ihren Mann mit den Neuntklässlern ins Konflager. Im ersten Jahrgang 1979 waren es 56, im letzten noch 20 Schüler. Die Verantwortung für so viele Jugendliche zu tragen, lastete schwer auf den Schultern des Paars. «Wir waren immer froh, alle heil wieder nach Hause zu bringen», sagt Elisabeth Märtin.

Der Deutsche lernt Mundart

Die Konfirmationslager werden Ulrich und Elisabeth Märtin nicht vermissen. Die Feste und die Menschen aber schon. Als das junge Paar mit den beiden Söhnen 1979 von Deutschland nach Wasen kam, gab ihnen jemand den Rat: Man solle sich in solchen Dörfern bloss mit dem Arzt, dem Gemeindepräsidenten und dem Schulmeister abgeben.

Märtins haben sich nie an diesen Rat gehalten, im Gegenteil. Der deutsche Pfarrer lernte schnellstmöglich Mundart, um seinen Schäfchen die Hemmungen für spontane Gespräche zu nehmen. Wörter wie «Gringweh» und «Scheiche» prägten sich ihm als erste ein. Seine Frau, eine gebürtige Stadtbernerin, gab ihm jeweils Nachhilfe darin, wo solche Wörter angebracht sind und wo nicht.

Von Menschen gelernt

Ulrich Märtin hatte vor seinem Theologiestudium Automechaniker gelernt, weil er sich mehr fürs praktische Arbeiten als fürs Schriftgelehrtenstudium interessierte. Auch als Pfarrer war er Praktiker. Er sprach lieber mit seinen Mitmenschen, anstatt die hebräische Bibel für seine Predigten selber zu übersetzen. Dass Elisabeth Märtin in der Anfangszeit 12 Jahre in der Fürsorgekommission der Gemeinde Sumiswald war, half dem Paar, Kontakte zu knüpfen und ergänzte Ulrichs Arbeit. «Es gibt so vieles, das man niemals am Studierpult, sondern nur von Menschen lernen kann», sagt er.

Etwa den Umgang mit der Bibel. Diesen habe er am Krankenbett eines Knechts vom Hornbachgraben gelernt. Er besuchte den Kranken und fragte, ob er ihm etwas aus der Bibel vorlesen solle. «Wenn es Ihnen Freude macht», antwortete dieser. Seither hatte Märtin die Bibel in schwierigen Situationen zwar immer dabei, vertraute aber auf seine Intuition, ob er daraus vorlesen sollte oder nicht. «Bei Trauernden ist es meist wichtiger, mit ihnen sprachlos zu sein und die Spannung zu ertragen.»

«Das schaffte mich völlig»

Schwierige Situationen erlebte Märtin viele. Beim Canyoning-Unglück am Saxetbach starb eine junge Wäselerin in den Fluten. Märtin betreute die Familie und schirmte sie von den Medien ab. Später liess er sich zum Notfallseelsorger weiterbilden. Er verabschiedete einen Buben, der im Kurzeneibach ums Leben gekommen war, beerdigte einen jungen Mann, der mit seinem Sohn die Schulbank gedrückt hatte. Oft stand der Pfarrer auf der Kanzel, rang nach Worten, kämpfte mit den Tränen. So auch diesen Frühling, als er an derselben Trauerfeier zwei Brüder beerdigte. Der ältere hatte den jüngeren und anschliessend sich selber erschossen. «Diese Situation brachte mich an die Grenzen jeder Art von Einsicht. Solche Sachen schaffen mich völlig», sagt Ulrich Märtin.

Und doch waren es die Beerdigungen, die Märtin an seiner Arbeit am meisten mochte. «Dort konnte ich den Menschen beistehen, ihnen begegnen und zeigen, dass die Leute dieser Institution Kirche helfen, mitzutragen.» Am wenigsten schätzte er Hochzeiten. «Oft kam ich mir vor, als wäre ich bloss ein Statist. Einer, der da ist, damit das Hochzeitsfoto besser aussieht.» – Es habe aber auch Ausnahmen gegeben.

Der Umzug nach Gümligen

Einer kommt, einer geht – das ist der Lauf des Lebens. Den Abschied aus seinem bisherigen Leben hat Ulrich Märtin bereits vor einem Jahr begonnen: Das Paar ist nach Gümligen umgezogen. Der Kanton legt es langjährigen Pfarrern nahe, aus ihrer Gemeinde wegzuziehen. Sonst hätte ein neuer Pfarrer – oder eine neue Pfarrerin, wie in Wasen Sigrid Wübker – kaum Raum, sich zu entfalten. Schrittweise nahmen Märtins Abschied, sodass der Pfarrer heute sagen kann: «Ab dem 31.Juli habe ich einfach einen Schlüssel weniger.»

Pläne haben sie viele. Elisabeth Märtin will einen Computerkurs besuchen. Sie wollen die Enkel geniessen, mehr reisen, Dinge tun, die in den letzten Jahrzehnten zu kurz kamen. Ulrich Märtin will als Notfallseelsorger weiterarbeiten. Auch Stellvertretungen wird er machen, Predigten in Trachselwald, im Gürbetal und im Oberland halten. Aber seine Ära in Wasen, die ist dann definitiv vorbei.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt