Nicht jede Sensation bleibt bestehen

Erhalten um jeden Preis? Keinesfalls, sagt Denkmal­pfleger Michael Gerber. Doch Patentrezepte dazu, wie man Zerstörung von Kulturgut ­entgegenwirken kann, gibt es nicht. Das gilt auch für aussergewöhnliche Funde.

Im Schloss Burgdorf stellte Denkmalpfleger Michael Gerber am 30. März 2017 die wiederentdeckten Grisaille-Malereien vor.  Am Sonntag wird er erneut im Saal stehen und erzählen, was mit ihnen geschieht.

Im Schloss Burgdorf stellte Denkmalpfleger Michael Gerber am 30. März 2017 die wiederentdeckten Grisaille-Malereien vor. Am Sonntag wird er erneut im Saal stehen und erzählen, was mit ihnen geschieht. Bild: Thomas Peter

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Der 30. März dieses Jahres war für Michael Gerber ein grosser Tag: Der Denkmalpfleger des Kantons Bern konnte eine Sensation im Schloss Burgdorf vorstellen. Hinter einem Täfer aus dem Jahr 1741 – das allein ein wertvolles Denkmal – waren 55 Jahre ältere Wandmalereien zum Vorschein gekommen. Dass sie existierten, wusste man bloss aus schriftlichen Quellen. Bis dahin hatte man sie für verloren geglaubt – zwar nicht dem Zerfall anheimgefallen, aber wohl bei Umbauten zerstört (wir berichteten).

Auf diese Entdeckung nimmt Michael Gerber Bezug, wenn er sagt: «Denkmalpflege kann man nicht mit dem Milchbüchlein betreiben.» Mit diesen Worten zitiert er seinen Vorgänger Jürg Schweizer. Will heissen: Patentrezepte dafür, wie man Zerfall oder Zerstörung von Kulturgut entgegenwirken kann, gibt es nicht. «Wir arbeiten für jedes Denkmal eine Strategie aus, für die wir dann den Eigentümer zu gewinnen versuchen.»

Die Strategie steht nun fest

Für die Grisaille-Malereien im Schloss Burgdorf bestand diese Strategie Ende März noch nicht. Im Schiltensaal sind gemäss dem Konzept für die Umnutzung des Schlosses Zimmer für die Jugendherberge vorgesehen. Inzwischen gibt es diese Strategie. Doch verraten wird sie noch nicht. Denn übers Wochenende finden die europäischen Denkmaltage statt, zu denen Michael Gerber unter anderem auch ins Schloss Burgdorf einlädt. «Wer da kommt, soll als Erstes erfahren, was mit unserem Sensationsfund geschieht.»

Im Gespräch zeigt er vorab die Möglichkeiten auf, die es gibt: Denkbar ist, die Sensation wieder hinter den Zimmerwänden der Jugendherberge verschwinden zu lassen. Immerhin haben sie auf diese Weise geschützt die Jahrhunderte in erstaunlicher Frische überstanden. So, wie es wohl kaum der Fall gewesen wäre, wären sie dem Licht und dem Klima eines Raumes ausgesetzt gewesen, in dem gearbeitet oder gewohnt wird.

In den Schrank damit

Denkbar wäre auch, in die Zimmerwände Schranktüren einzubauen, die bei Bedarf einen Blick auf die Malereien freigeben. Wenn man eine andere Lösung für die Jugendherberge fände, wäre auch eine Wiederherstellung des Saals möglich, macht Michael Gerber klar. «Dabei gehen wir heute mit dem Original rücksichtsvoller um als noch in den Anfangsjahren der Denkmalpflege», hält er fest. «Dort, wo wir die Malereien noch im Original, aber bloss mit Spuren der Alterung antreffen, sichern und reinigen wir sie bloss.»

Zum Farbpinsel greifen die Restauratoren erst, wenn durch den Gebrauch kleinere Fehlstellen entstanden sind. Schliesslich fehlen an den Wänden aber auch grosse Partien – weil sich die ganze Verputzschicht gelöst hat oder weil durch geänderte Raumnutzungen Türen und andere Öffnungen in den Wänden ausgebrochen wurden. «Dafür gibt es auch günstigere Lösungen als eine Neubemalung», hält der Denkmalpfleger fest. Fotografische Reproduktionen können helfen, den Raum wieder als Ganzes wirken zu lassen, ohne etwas als alt vorzutäuschen, das nicht alt ist.

Interessen abwägen

Was Michael Gerber an der Sensation im Schloss Burgdorf vorexerziert, gilt auch für alle restaurierten Baudenkmäler aus dem Oberaargau und dem Emmental (siehe Box). «Unser Ziel ist es, dass Baudenkmäler weiter genutzt werden können, und zwar nach heutigen Lebensstandards», macht Michael Gerber im Gespräch klar. «Wir wollen aus dem Kanton Bern keinen Ballenberg ­machen.»

Die Gesetzgebung sehe dabei eine Interessenabwägung vor, zum Beispiel mit Aspekten der Energieeffizienz oder dem schonenden Umgang mit der begrenzten Ressource Boden. Es sei dann an der Baupolizeibehörde – der Gemeinde oder dem Regierungsstatthalteramt –, diese Interessenabwägung vorzunehmen. «Wir sind die Fachstelle für den Erhalt und die Weiterentwicklung unseres gebauten Erbes und können dafür Mittel zur Verfügung stellen.»

In der grossen Mehrheit der Fälle finde die Denkmalpflege einen Weg mit dem Eigentümer, um einen Zerfall oder einen Verlust zu verhindern. Michael Gerber kann sich jedenfalls an keinen Fall erinnern, in dem ein Eigentümer habe sanktioniert werden müssen, weil er sein Kulturgut zerfallen lasse – obschon diese Möglichkeit im Gesetz durchaus vorgesehen sei.

Es muss nicht teurer sein

Die Denkmalpflege kann die Erhaltung von geschützten Kulturgütern finanziell unterstützen, wobei diese Unterstützung von 20 Prozent der beitragsberechtigten Kosten in Ausnahmefällen auch mal bis zu 100 Prozent gehen kann. Gerber ist es aber wichtig, hervorzuheben, dass denkmalpflegerisches Sanieren nicht immer teurer sein muss als ein Neubau. «Indem wir den Eigentümern aufzeigen, wie sie ihr Haus zeitgemäss erneuern können, ohne das Alte zu zerstören, fallen für sie teure Ersatzarbeiten weg.»

Kulissen gesichert

Nicht immer, räumt allerdings auch Michael Gerber ein, ist eine Erhaltung am bestehenden Ort möglich. Dann bleibt nur der Ballenberg oder eine andere museale Institution. So können Interessierte am Samstag in Langenthal zwar das Stadttheater besichtigen. Anders als im Schloss Burgdorf ist dort jedoch eine Entdeckung während der Sanierungszeit verschwunden: Die über vierzig Kulissen aus der Bauzeit des Theaters vor hundert Jahren, die im Keller zum Vorschein kamen, können im sanierten Betrieb nicht mehr verwendet werden. Sie wurden jedoch gesichtet und dokumentiert.

Dabei zeigte sich, dass es weder in grossen Stadttheatern noch in der Schweizerischen Theatersammlung noch etwas Vergleichbares gibt. Die Zukunft dieses kulturhistorisch bedeutenden Schatzes sei noch offen, schrieb damals Autorin Eva Schäfer. Dies gelte auch heute noch, hält Michael Gerber fest. Am Wochenende erfährt man dazu ebenfalls nichts Neues. (Berner Zeitung)

Erstellt: 08.09.2017, 07:01 Uhr

Für jedes Objekt ein Konzept

Rund vierzig Sanierungen hat die kantonale Denkmalpflege in den letzten vier Jahren in ihrem Magazin «Fachwerk» aus dem Oberaargau und dem Emmental dokumentiert. Eine kleine Auswahl.
Im ehemaligen Amtshaus an der Eyhalde in Aarwangen aus dem Jahr 1826 wollten die neuen Eigentümer das Haus vorerst gut kennen lernen und legten deshalb ein Raumbuch an, ehe sie es zu Büros umbauten. Sofern sich ein ursprünglicher Zustand eruieren liess, wurden die Räume in diesen zurückgeführt. Wo klare Befunde aus der Bauzeit nicht mehr erhalten waren oder die historische Ausstattung fehlte, gab es trotzdem Spielraum für eine zeitgenössische Gestaltung, zum Beispiel bei den Nasszellen, im Gang und in der Küche.
Im Meer von Walm- und verschachtelten Satteldächern an der Alpenstrasse in Burgdorf vergleicht die Bauberaterin der Denkmalpflege das Einfamilienhaus von 1929 im Stil der neuen Sachlichkeit mit der Nummer 29 mit einem Schiff, das vor Anker liegt. Eine Auffrischung der bauzeitlichen Farbigkeit habe hier dafür gereicht, die Einzigartigkeit des Hauses in seiner Umgebung zu betonen und es den Bedürfnissen der heutigen Bewohner wieder gerecht werden zu lassen. Hervorgehoben wird die fantastische Aussicht vom «Oberdeck».
Der Gasthof Hirschen im Oberwald bei Dürrenroth aus dem 17. Jahrhundert ist ein alter Kunde der Denkmalpflege. Bereits 1935 war seine Ründimalerei mit dem biblischen Sündenfall erneuert worden – so wie es dem damaligen Verständnis entsprach. Als man das Resultat 1987 untersuchte, stellte man fest, dass die damalige Übermalung nicht mehr dem Original entsprach. Trotzdem entschied man sich bei einer Sicherung und Restaurierung 2012, nicht die ursprüngliche Malerei freizulegen, weil der «Sündenfall» von 1935 einen eigenen kunsthistorischen Wert erhalten hatte.
In der ehemaligen Tabak- und Kaffeeersatzfabrik, dem Nyffelerhaus am Wuhrplatz in Langenthal, konnten Fenster energietechnisch nachgerüstet werden, ohne die bauzeitlichen Fenster vollständig ersetzen oder die Gestaltung der Aussenfassade verändern zu müssen. Die äusseren Vorfenster wurden detailgetreu ersetzt, während die Innenfenster beibehalten werden konnten. Sie prägen damit nach wie vor die Fassaden der Fabrik, in der heute gewohnt wird.jr

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