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Menschliche Abgründe oben auf dem Flüehli

«Die letschti Gotthardposcht» feierte am Freitagabend in Rütschelen Premiere. Vor allem die dunklen Seiten der Menschen treten bei dieser Inszenierung zutage. In Traurigkeit versinkt das Stück dennoch nicht: Dafür spielen die Laienakteure zu «gmögig» auf.

Wechselbad der Gefühle: Mit ausgefeilter Mimik verleihen Madeleine Rickenbacher (Dame Déléssert) und Christoph Beck (Post-Wirt Andreas Marti, links) ihren Rollen die nötigen Ecken und Kanten.
Wechselbad der Gefühle: Mit ausgefeilter Mimik verleihen Madeleine Rickenbacher (Dame Déléssert) und Christoph Beck (Post-Wirt Andreas Marti, links) ihren Rollen die nötigen Ecken und Kanten.
Olaf Nörrenberg
Hoch fliegen die Emotionen, als der Urner Wortführer Imhof (Walter Howald, Bildmitte) den italienischen Gastarbeitern an den Kragen will.
Hoch fliegen die Emotionen, als der Urner Wortführer Imhof (Walter Howald, Bildmitte) den italienischen Gastarbeitern an den Kragen will.
Olaf Nörrenberg
Rund 6700 Besucher werden bis zur Derniere am 15. August das Rütscheler Freilichtspiel «Die letschti Gotthardposcht» gesehen haben.
Rund 6700 Besucher werden bis zur Derniere am 15. August das Rütscheler Freilichtspiel «Die letschti Gotthardposcht» gesehen haben.
Olaf Nörrenberg
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Was für ein Hitzkopf, dieser Imhof. Seinetwegen ist die Gemütlichkeit vor dem Hotel zur Post in Andermatt dahin. Als wäre ihm der gereichte Weisswein in den falschen Hals geraten, schiesst der Wortführer der Urner von seinem Platz auf, packt einen der anwesenden italienischen Gastarbeiter am Hosenbund und fängt an, auf den armen Tropf einzudreschen.

Gefühlsausbruch auf dem Rütscheler Flüehli. Diesmal ist es die Angst vor den Fremden. Es folgen andere Gemütswallungen an diesem Donnerstagabend, dem Abend vor der gestrigen Premiere.

Mitgefühl, Abscheu, Liebe

Zu sagen, beim Freilichtspiel «Die letschti Gotthardposcht» gehe die Post ab, ist fast ein bisschen plump. Aber es stimmt. Die Zuschauer durchlaufen ein Wechselbad der Gefühle. Viel Mitgefühl empfindet man für Hannes Indergand (Markus Lingg), einen Urner Naturburschen, der zu Unrecht von den meisten Talgenossen als Brandstifter abgestempelt wird.

Kein Wunder, ernten die beiden Urheber dieses Missverständnisses, der Grossbauer Steffen (Paul Kurth) und dessen hochnäsiger Sohn Thys (Rolf Kämpf), nichts als Abscheu. Zwei Liebeleien und der eine oder andere Flirt verleihen der Inszenierung von Regisseurin Madlen Mathys zudem eine amouröse Note.

Nur Kleinigkeiten lenken an diesem Vorpremierenabend von der dargebotenen Gefühlskulisse ab. Leider keinen Einfluss hat das Schauspielerensemble auf das Zirpen der Grillen in den Wiesen rund ums Flüehli – es ist zuweilen ziemlich penetrant.

Das ungünstig abgemischte Mikrofon am Baum mit dem Bänkli wird man bestimmt auch noch in den Griff bekommen. Und wenn nun auch noch die Akteurinnen und Akteure mit den weniger tragenden Rollen die lauten Stimmen hervorholen, steht einem ungetrübten Theatergenuss unter freiem Himmel nichts mehr im Weg.

Schafe knabbern am Bühnenbild

Nichts im Weg steht im Übrigen auch der zur Gotthardpostkutsche umfunktionierten Karosse, als diese auf die Bühne fährt. Dreimal tut sie das während des Stücks. Die eingespannten Pferde bringen ebenso Abwechslung wie die Schafe, die anfangs durchs Szenenbild getrieben werden und dabei die Dekopflanzen beim nachgebauten Gotthardmassiv anknabbern.

Hier wird die Bühnencrew wohl noch ein paar Mal nachrüsten müssen bis zur Derniere am 15. August. Gegen 6700 Besucher werden dann das Freilichtspiel gesehen haben. Sämtliche achtzehn Vorführungen sind ausverkauft.

Schwierige Aufgabe gut gemeistert

Solid setzen alle auftretenden Laienakteure ihre Rollen um. Ihr Schauspiel ist «gmögig». Geradezu mitreissend spielen die Dame Déléssert (Madeleine Rickenbacher) und Post-Wirt Andreas Marti (Christoph Beck) auf. Beide haben tragende Rollen. Beide scheinen darin aufzugehen.

Dabei ist gerade die Aufgabe von Rickenbacher eine schwierige: Sie muss ständig mit welschem Akzent sprechen. So was kann schnell gekünstelt wirken. In ihrem Fall tut es das nicht. Christoph Beck hat recht, wenn er sagt: «Du bisch s hübschischte Chröttli, woni je gseh ha!»

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