«Langnauer Keramik ist der Maserati unter der Töpferware»

Langnau

2017 feiert die Gemeinde Langnau 550 Jahre Marktrecht. Zum Jubiläum soll ein dickes Buch über Langnauer Keramik erscheinen. Jetzt sind zwei Forscher der lokalen Hafnerkunst auf der Spur.

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Susanne Graf

Wahrscheinlich liegt es im oberen Emmental noch in dunklen Kellern und spinnwebenverhangenen Estrichen herum – altes Geschirr, dessen Anblick Andreas Heeges Puls in die Höhe treiben würde. Der gebürtige Deutsche wäre höchst interessiert daran, einen Blick auf die vergessenen Tassen, Teller und Suppentöpfe zu werfen. Denn Heege ist Archäologe. Und er hat den Auftrag, zusammen mit Andreas Kistler aus Bäriswil ein Buch zu schreiben über die Langnauer Keramik.

Geplant ist kein handliches Büchlein, das die Geschichte der hiesigen Hafnerkunst ein bisschen streift und ein paar Beispiele ihres Schaffens zeigt. Vielmehr soll die Bedeutung der Langnauer Keramik erstmals umfassend aufgearbeitet, erforscht und dokumentiert werden. Entstehen wird ein mehrere Hundert Seiten dickes Buch, das nicht den Anspruch erhebt, ein Bestseller zu werden, dafür lückenlos aufzeigen will, warum Langnau im 17.Jahrhundert zum Zentrum wurde «für die Herstellung hochqualitätvoller, hervorragend gestalteter und herausragend mit Sprüchen und Bildern verzierter Keramiken».

Die Familie Herrmann

Heege schwärmt in den höchsten Tönen von der Kunst, die von 1670 bis 1850 in Langnau geschaffen wurde. Seit dem frühen 17.Jahrhundert sei hier Keramik produziert worden und mit dem Auftreten der über mehrere Generationen hinweg tätigen Hafnerfamilie Herrmann habe sie sich «zur kunsthandwerklich bedeutendsten und wirtschaftlich erfolgreichsten Irdenware-Landhafnerei im Bernbiet» entwickelt. Neben jener in Winterthur sei sie die wohl bedeutendste der Deutschschweiz gewesen.

Die Familie Herrmann, die in Langnau die weitherum bekannte Geschirrhalle Herrmann betrieben hat, stammte allerdings nicht von jener berühmten Hafnerfamilie ab. Deren Vorfahren seien Säger gewesen, weiss Andreas Kistler. Des Regionalhistorikers Aufgabe ist es, Ahnenforschung zu betreiben und anhand von Grundbucheinträgen festzustellen, wie viele Hafner in Langnau tätig waren. 51 habe er gefunden, erzählt der Bäriswiler. Wo sie ihre Werkstätten hatten, wird im Buch ebenso detailliert nachzulesen sein, wie Heege die Gefässformen und Dekorelemente beschreiben wird.

«Unglaubliche Fantasie»

«Die Langnauer Hafner hatten eine unglaubliche Fantasie», lobt Heege und blickt sich im Regionalmuseum Chüechlihus in Langnau bewundernd um. Hier steht die umfangreichste Sammlung von Langnauer Geschirr. Aber Heege hat auch in andern Museen in der Schweiz und im Ausland Objekte gesichtet, im Buch wird er gegen 2500 Stück erfassen und dokumentieren. «Ich kenne rund 300 Zuckerdosen, und jede ist anders», stellt er fest. Sprüche, Blumen und szenische Darstellungen ländlicher Alltagssituationen zieren die Näpfe, Butterfässer und Teller. «Einen solchen Qualitätsstandard habe ich sonst nirgends gesehen», sagt der Keramikforscher. «Langnauer Keramik ist der Maserati unter der Irdenware», fügt er hinzu.

Vollends ins Schwärmen gerät der Fachmann beim Blick auf die Hochzeitsschüssel, einem runden Gefäss, das über und über bestückt ist mit appetitlich wirkenden Rüben und bunten Früchten. Zuoberts trohnt ein nackter Jüngling. Lüftet man den Deckel der üppigen Tischdekoration, entpuppt sich das Gefäss als Suppenschüssel. «Ich möchte nicht wissen, wie viele Wochen Hafnermeister Daniel Herrmann daran gearbeitet hat», sagt Heege. Fünf derart aufwendige Hochzeitsschüsseln habe dieser hergestellt. Eine steht im Naturhistorischen Museum Bern, eine im Schlossmuseum Burgdorf, eine in Neuenburg, und eine befindet sich in Privatbesitz.

Suche nach Alltagsgeschirr

Heege interessiert sich aber nicht bloss für das oberste Qualitätssegment, das in den Museen zugänglich ist, sondern ebenso für das Alltagsgeschirr. Nur ist dieses vielfach auf der Müllhalde – in der «Chachelihöll» – gelandet, wo es sich seinem Forscherauge entzieht. Viel verspricht sich der Wissenschaftler deshalb von archäologischen Grabungen, die in den nächsten Wochen am Sonnweg in Langnau stattfinden werden. Weil dort einst eine Töpferei stand, rechnet Heege damit, dass sich Ausschussware findet, die ihm Antworten liefern wird.

Vor allem aber würde er sich freuen, wenn er noch mehr Anrufe bekäme, wie jenen von der «freundlichen alten Signauer Bäuerin», die ihn bat, einen Blick in ihr Stöckli zu werfen. Dieses sei gefüllt mit Keramik. «Es würde mich nicht wundern, wenn in den hintersten Chrächen noch mehr Langnauer Geschirr zum Vorschein käme», sagt Heege.

Wer noch alte Langnauer Keramik besitzt, ist gebeten, sich zu melden bei Andreas Heege: roth-heege@bluewin.ch oder 041 710 30 69.

Berner Zeitung

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