«Künftig kann ich mehr bewirken»

Ernst Flückiger verlässt das Inforama Emmental und übernimmt die Leitung der Inforama-Beratung für den ganzen Kanton. In dieser Funktion will er Projekte anstossen, die den Emmentaler Bauern neue Perspektiven schaffen sollen.

Ernst Flückiger will die Berner Landwirtschaft vorwärtsbringen und hat auch Ideen für das Emmental.

Ernst Flückiger will die Berner Landwirtschaft vorwärtsbringen und hat auch Ideen für das Emmental. Bild: Thomas Peter

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Haben Sie die Hoffnung für die Region aufgegeben, dass Sie das Inforama Emmental verlassen?
Ernst Flückiger: Ich wechsle nicht ans Inforama Rütti, weil ich das Gefühl habe, das Emmental habe keine Zukunftsperspektiven. Im Gegenteil: Es hat eine gute Marke, die weltweit bekannt ist. Die Herausforderung der nächsten Zeit wird sein, diese besser zu bearbeiten und zu positionieren.

Wie könnte das gelingen?
Am wichtigsten werden auch künftig die Milchprodukte bleiben. Ergänzend dazu sehe ich gute Perspektiven zum Beispiel mit Emmentaler Trockenfleisch, Kräutern für die Phytomedizin, Bier aus Gerste, die hier angebaut und verarbeitet wird, oder mit Emmentaler Trinkwasser. Im Mineralwasser, das wir kaufen, sind die Keimzahlen zum Teil zehntausendfach höher als in den Quellen in Trub und Schangnau. Irgendwann sollten wir es schaffen, das Wasser in Dreideziliterfläschchen zu verkaufen.

Davon wird schon lange gesprochen, aber es passiert nichts.
Die langsam doch für alle sichtbare Klimaveränderung gibt diesem Projekt neuen Anschub. Es müsste halt jemand einen grossen Betrag investieren.

Und dieser jemand lässt sich nicht finden.
Ich liess vor drei Jahren an der Fachhochschule eine Diplomarbeit machen, bei der Leute aus den Räumen Basel und Zürich interviewt wurden, ob sie bereit wären, ihre Millionen gegen einen Naturalzins im Emmental zu parkieren. Verschiedene wären bereit. Wir brauchen einfach konkrete, gute Projekte, dann werden wir in den nächsten zehn Jahren mehr Wertschöpfung ins Emmental bringen.

Braucht es nur noch jemanden, der die Projekte ausarbeitet?
Das war einer der Gründe, weshalb ich mich überzeugen liess, das neue Amt zu übernehmen. Ich bin sicher, dass die bernische Landwirtschaft Potenzial hat. Wir haben die Möglichkeiten, über Projekte neue Produkte aufzubauen. Das wurde in den letzten Jahren vernachlässigt.

Aber ist es Aufgabe des Kantons, für die Bauern konkrete Projekte aufbauen zu helfen?
Sicher. Ziel der Beratung ist es, die Landwirtschaft weiterzuentwickeln und den Bauernfamilien zu helfen, auch künftig die Herausforderungen zu bewältigen. Der ländliche Raum hat eine schlechte Lobby – und wenig Geld. Das obere Emmental ist die Region mit dem tiefsten Pro-Kopf-Einkommen im Kanton. Deshalb ist es unsere Aufgabe, mit unternehmerisch denkenden Bauern Projekte aufzubauen.

Warum werden die Bauern nicht selber aktiv?
Es gibt immer wieder Landwirte, die ihre Ideen selbstständig umsetzen. Aber wir vom Inforama sind vertraut im Projektmanagement, wissen, welche Partner ins Boot geholt werden müssen, haben die Kontakte zu den Bundesstellen und wissen, wie man Starthilfegelder abholen kann. Deshalb ist die Zusammenarbeit zwischen Inforama und den praktizierenden Bauern sinnvoll. Projekte der Regionalentwicklung erhalten ja meist nur Anschubhilfen, wenn mehrere Betriebe beteiligt sind.

Vor zwanzig Jahren ist in Langnau die Markthalle als regionales Werk entstanden. Aus der Grosskäserei in Zollbrück aber wurde nichts. Fehlt den Bauern heute der Mut?
Bei der Markthalle spielte die Tatsache mit, dass die Viehzüchter in die Schauen und die Vermarktung ihrer Kühe sehr viel Herzblut investieren. Doch die Vermarktung ihrer Milchprodukte mussten die Bauern bisher nicht selber an die Hand nehmen. Das müssen sie noch lernen. Die Grosskäserei wäre ein sehr gutes Projekt gewesen, aber der Funke ist nicht übergesprungen.

Müssen die Betriebe im Emmental grösser und effizienter werden?
Jeder Unternehmer muss permanent effizienter werden. Dessen müssen sich die Landwirte bewusst werden. Vor zwanzig, dreissig Jahren war das anders. Da hörte man etwa den Spruch, «Mit däm buurets eifach».

Was war damit gemeint?
Er konnte die Milch in die Käserei, den Weizen in die Landi bringen und damit war das Geschäft für ihn erledigt. Um den Markt musste er sich nicht kümmern.

Meinen viele Emmentaler immer noch, «es buuret eifach»?
Es ist wie in jeder Berufssparte: nicht jeder ist zum CEO geboren. Doch wer heute als Landwirt erfolgreich sein will, muss ein Unternehmer sein. Aber nicht jeder wird in dieser Rolle glücklich. Das ist das grosse Problem.

Wie lässt es sich lösen?
Wir müssen uns bewusst sein, dass sehr viele Entwicklungs- und Veränderungsschritte nicht an sachlichen Bereichen scheitern, sondern an menschlichen. Deshalb ist auch die Beratung gefordert, neue Methoden aufzubauen und den Menschen stärker in den Mittelpunkt zu stellen.

Wie stellen Sie sich das vor?
Das Inforama hat in den letzten Jahren in der landwirtschaftlichen Beratung schweizweit Pionierarbeit geleistet. Die Inforama-Arbeitskreise bieten den Betriebsleitern eine gute Plattform, sich gemeinsam mit Berufskollegen gezielt weiterzubilden. Und mit der Einführung des Coachings als Instrument zur Standortbestimmung und Weiterentwicklung von Landwirtschaftsbetrieben hat sich das Inforama über die Schweizer Grenzen hinaus einen Namen gemacht. Zukünftig dürften vor allem Prozessbegleitung und Coaching den landwirtschaftlichen Unternehmen helfen, Schritte hin zu zukunftsfähigen Betriebsstrategien erfolgreich umzusetzen.

Wird das die Landwirtschaft im Emmental verändern?
Es kann zu einer stärkeren Zusammenarbeit führen. Zuerst aber gilt es, zu betonen, dass die Frauen, die auf den Bauernbetrieben leben, mit ihren Stärken und beruflichen Hintergründen, stärker einbezogen werden müssen. Sie sind Teil der Geschäftsleitung. Dann muss ein landwirtschaftliches Unternehmen nicht nur das Know-how haben in Produktionstechnik, Tierzucht oder Ackerbau, sondern auch in Vermarktung und Betriebsmanagement. Weil die Neigungen und Fähigkeiten nicht gleich verteilt sind, kann es sinnvoll sein, wenn zwei, drei Bauern zusammenarbeiten, damit sie das geforderte Know-how zusammenbringen. Sonst können Betriebe zwar wachsen, aber trotzdem schlechte Ergebnisse schreiben.

Aber wachsen müssen sie?
Sie werden wachsen, ob uns das gefällt oder nicht. Wenn in den nächsten zehn Jahren jeder fünfte Bauer altershalber den Betrieb aufgeben wird, wie man lesen konnte, wird das auch im Emmental zu einem Wachstumsschub führen.

Vor allem im flachen Gebiet, im unteren Emmental?
Ich gehe davon aus, dass sich die Betriebe im mittleren Emmental (Gebiet Lützelflüh, Sumiswald, Dürrenroth, Anm. Red.), am stärksten entwickeln werden, weil dort von Topografie und Klima her eine intensive Produktion noch möglich ist. Im Mittelland wird es schwieriger, neue Ställe aufzustellen, weil der Druck der Industrie auf diesen Flächen gross ist und der Konsument dort rasch über stinkende Ställe klagt.

Müssten sich die Emmentaler Bauern stärker auf die Direktzahlungen ausrichten?
Der Markt ist viel wichtiger.

Wie viel Prozent machen die Direktzahlungen im Emmental im Vergleich zum Markterlös aus?
Das ist von Betrieb zu Betrieb unterschiedlich. Je näher man dem Berggebiet kommt, umso bedeutender sind die Direktzahlungen.

Wird dort auch mehr geleistet für den Naturschutz?
Vor allem im Berggebiet erfolgt der beste Naturschutz über eine standortgerechte Bewirtschaftung. Denn auf Flächen, die nicht bewirtschaftet werden, gibt es in ein paar Jahren nur noch Wald.

Was spricht dagegen? Wald ist auch Natur.
Überliesse man alles der Natur, bestünde der ganze voralpine Raum aus Wald. Aber wir stellen uns unter Natur etwas anderes vor, nämlich Kulturlandschaft.

Wer ist «wir»? Die Landwirte?
Neunzig Prozent der Bevölkerung. Wenn ich meine Bekannten in Zürich frage, was für sie das Emmental ausmache, erwähnen sie die wunderbare Landschaft, den Wechsel von Wald und landwirtschaftlicher Nutzfläche, die relativ kleinen Struktureinheiten mit all den Bächlein, etc. Das Emmental hat enorme Stärken.

Trotzdem wechseln Sie jetzt auf die kantonale Ebene. Sie hatten einmal ein Burn-out und haben gerade eine Krebstherapie abgeschlossen. Warum tun Sie sich diesen Karriereschritt noch an?
Weil für mich Arbeiten etwas Positives ist. Ich arbeite gern und setze mich gern für die Weiterentwicklung der Berner Landwirtschaft ein. Das macht mein Leben spannend. Und in der neuen Funktion kann ich mehr bewirken als bisher. (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.08.2015, 09:12 Uhr

Vom Lehrer zum Coach

Der 59-jährige Ernst Flückiger hat vor 27 Jahren am Inforama Emmental als Lehrer im Bereich Futterbau angefangen. 1996 übernahm er die Standortleitung. Er baute Arbeitskreise auf, in denen Landwirte ihre Vollkostenrechnungen und Betriebsstrategien diskutieren. Weil diese die betriebswirtschaftlich notwendigen Anpassungen vorgenommen hätten, würden sie heute gemäss einer Untersuchung deutlich bessere Ergebnisse erwirtschaften, sagt Flückiger.

Im Kanton Bern sind bisher über 50 Arbeitskreise entstanden. Flückiger hat auch das Coaching in der Berner Landwirtschaft eingeführt. Das heisst: Er und fünf weitere Coachs begleiten Landwirte auf Wunsch bei der nach ihren Fähigkeiten und Neigungen entsprechenden Ausrichtung ihrer Betriebe. Auf den 1. November 2015 verlegt Ernst Flückiger seinen Arbeitsplatz ins Inforama Rütti und übernimmt die Leitung Beratung für den ganzen Kanton. Noch ist nicht bestimmt, wer seine Nachfolge als Standortleiter an der Bäregg übernimmt. Sicher sei aber, sagt er, dass die ebenfalls von ihm eingeführten Bäregg-foren weitergeführt würden.

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