In dieser WG stimmt die Harmonie

Langenthal

Seit 16 Jahren führt das Alterszentrum Haslibrunnen in Langenthal eine Alters-WG. Ihre derzeitigen drei Bewohnerinnen schätzen das Angebot und helfen sich gegenseitig wie in einer Familie.

Beim Kaffeekränzchen: (v. l.) Lotti Leuenberger, Susanne Widmer und Marie Grunder in der Alters-WG Paradiesli.

Beim Kaffeekränzchen: (v. l.) Lotti Leuenberger, Susanne Widmer und Marie Grunder in der Alters-WG Paradiesli.

(Bild: Thomas Peter)

Sebastian Weber

Die drei rüstigen Frauen machen einen aufgeweckten Eindruck. Gleich gegenüber dem Alterszentrum Haslibrunnen in Langenthal empfangen sie ihre Besucher im «Paradiesli» an der Untersteckholzstrasse. Einst als Einfamilienhaus genutzt, wurde das Gebäude 1998 von der Stadt übernommen. Seither bietet es Seniorinnen und Senioren, die in einer Alterswohngemeinschaft zusammenleben, ein neues Zuhause.

So auch Marie Grunder, Lotti Leuenberger und Susanne Widmer. Die drei kommen im Gemeinschaftsraum zu einem Kaffeekränzchen zusammen. Das tun sie immer wieder mal. «Hauptsächlich, um miteinander zu diskutieren», sagt Lotti Leuenberger. Über Alltägliches und teils ganz ernsthafte Themen. Manchmal könne es aber auch ganz lustig zu- und hergehen, verrät die 78-Jährige. Ein neckisches Lächeln liegt auf ihren Lippen.

Sich gegenseitig trösten

Nachmittags sind die Bewohnerinnen meist separat unterwegs. Das Alterszentrum, dem die WG angegliedert ist, bietet ein breites Freizeitangebot. Auch das Essen nehmen sie dort ein. Zwar besitzt das «Paradiesli» eine eigene Küche. Doch kochen mögen die Seniorinnen nicht mehr. Schliesslich sei es viel schöner, sich bekochen zu lassen, sind sie sich einig.

Später am Tag finden die Frauen in der WG wieder zusammen. Jede besitzt dort ihr eigenes Zimmer. «So können wir uns zurückziehen, uns aber jederzeit auch im Gemeinschaftsraum treffen. Hier können wir uns auch mal trösten, wenn jemand von uns ein Tief hat», sagt Lotti Leuenberger.

Die drei Frauen geniessen die Vorzüge, die das Leben in einer WG für sie bereithält. Auf der einen Seite schätzen sie die grosse Selbstständigkeit, die ihnen diese Wohnform bietet. «In der WG sind wir frei und können noch machen, was wir wollen», sagt Marie Grunder (89), die bereits seit zweieinhalb Jahren dort wohnt.

Auf der anderen Seite gefällt ihnen aber auch die Nähe zum Altersheim. Bei einem Notfall können die Frauen dort jederzeit Hilfe anfordern. «Das gibt uns eine gewisse Sicherheit», sagt die Langenthalerin Susanne Widmer (86). Sie ist vor etwas mehr als einem halben Jahr zur Gruppe gestossen.

Viel Teamarbeit

Der Wechsel von der Privatwohnung in die WG sei ein grosser Schritt, weiss Hansjörg Lüthi, Leiter des Alterszentrums Haslibrunnen. «Doch das Loslassen vom früheren Leben fällt so vielen älteren Menschen leichter», ist er sich sicher. Besonders auch wenn später einmal wegen Pflegebedürftigkeit der Wechsel ins Altersheim nötig wird. Reuig, in die WG gekommen zu sein, ist sich keine der drei Bewohnerinnen.

Alle haben sie zuvor alleine gelebt und daran wenig Gefallen gefunden. «Nach dem Tod meines Mannes war es für mich der richtig Schritt, hierherzukommen», ist sich etwa Marie Grunder sicher. Ihren Alltag alleine zu meistern, sei für sie nicht mehr das Richtige gewesen. Die Wynauerin freut sich, wenn sie im Gemeinschaftsraum ihre Urgrosskinder empfangen kann.

Gerne würde die 89-Jährige die Gartenarbeit rund um das «Paradiesli» noch selbst erledigen. Doch das lässt ihr Rücken nicht mehr zu. Lotti Leuenberger hilft ihr deshalb, wo es nötig wird, immer wieder mal aus. Wie in einer richtigen Familie greifen sich die Frauen gegenseitig unter die Arme. «Jede hat etwas, das sie einbringen kann», sagt Lotti Leuenberger.

So viel Teamarbeit stösst bei Hansjörg Lüthi auf Anerkennung. «Ich bewundere immer wieder das Entwicklungspotenzial der WG-Bewohnerinnen», sagt er. «Dieses stimmt überhaupt nicht mit dem Bild überein, das wir in der Gesellschaft von älteren Menschen haben.»

Lüthi ist überzeugt davon, dass das Konzept der Alters-WG Zukunft hat. «Spätestens wenn die Generation der 68er in dieses Alter kommt, werden immer stärker Wohnformen gefragt sein, bei denen die Bewohner selbst mitbestimmen können.» Im Vordergrund stehe dabei immer das Gemeinschaftsgefühl.

«Können es gut miteinander»

Genau um dieses steht es im «Paradiesli» aktuell bestens, das wird bei einem Besuch rasch deutlich. «Die Harmonie stimmt», da gibt es für Lotti Leuenberger, die schon seit über zwei Jahren dort lebt, keine Zweifel. «Wir können es gut miteinander», findet auch Marie Grunder. In einer WG werde eben eine engere Beziehung gepflegt als in einem Altersheim.

Dies ist nicht selbstverständlich. Denn immer wieder sehen sich die Bewohnerinnen der WG, in der insgesamt vier Personen Platz finden können, mit Wechseln konfrontiert. Und nicht alle Konstellationen harmonieren so gut wie die jetzige. Einmal, erinnert sich Lotti Leuenberger, da habe es innerhalb der Gruppe auch schon mal weniger gut zusammengepasst. «Wir müssen genau hinschauen, wer reinpassen könnte und wer nicht», bestätigt Hansjörg Lüthi.

Ungeachtet dessen hoffen die Seniorinnen, schon bald wieder einen neuen Mitbewohner in ihrer Gruppe begrüssen zu können. «Dann kommt noch mehr Leben rein», sagt Charlotte Leuenberger.

Berner Zeitung

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