Im Bunker der letzten Hoffnung

Hindelbank

In der unterirdischen Zivilschutzanlage in Hindelbank leben seit September Dutzende Asylbewerber. Ihr Tagesablauf wird bestimmt von Putzen, Kochen – und Warten auf den Asylentscheid. Das zerrt an den Nerven.

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Manchmal liegen nur wenige Meter zwischen Welten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Zum Beispiel im 2000-Seelen-Dorf Hindelbank. Etwas abgewohnte Wohnblöcke auf der einen, Schrebergärten und neue Mehrfamilienhäuser auf der anderen Seite. Ein paar Steinwürfe weiter rattert die S-Bahn aus Bern in den Bahnhof. Eine heile Agglowelt.

Wer die andere Welt besuchen will, geht einige Meter eine Wiese entlang, hält kurz vor dem Schulhaus links und schreitet die Rampe hinab in den Betonbunker. Ausgerechnet hier, an diesem bombensicheren Ort, hört das Reich der Verlässlichkeit und Gewissheit auf. Stattdessen regiert die Hoffnung, Hoffnung auf ein besseres Leben – zumindest bei jenen Flüchtlingen, deren Asylantrag noch nicht abgewiesen worden ist.

Fast gemütlich

Neun Uhr: Es sei noch nicht viel los hier, sagt Irina Adamova Nydegger, Leiterin des von der Heilsarmee betriebenen Asylzentrums. Immerhin: Ein paar junge Afrikaner, Eritreer vermutlich, wuseln bereits mit Putzeimern herum. Und in der Küche scheppert fremd anmutende Musik aus einer billigen Soundanlage.

Die Zivilschutzanlage in Hindelbank wird seit September des letzten Jahres als Flüchtlingszentrum genutzt. Der Kanton hatte das so bestimmt. Dass die Anlage ein Bunker ist, kann sie nicht verbergen. Schwere Stahltüren. Fenster gibt es keine. Für etwas Farbe sorgen die roten oder die orange gestrichenen Türrahmen. So genau lässt sich dies im künstlichen Licht nicht bestimmen. Die bunten Kindergeburtstagsgirlanden an den Wänden strahlen dafür fast so etwas wie Gemütlichkeit aus. Aber eben nur fast.

Immer mehr Leben kehrt in die Anlage ein. Die meisten Bewohner sind mit Reinigen beschäftigt. Es riecht streng nach starkem Putzmittel. Reinlichkeit ist Irina Adamova Nydegger extrem wichtig: «In Sachen Hygiene kenne ich keine Kompromisse.» Die Lappen beispielsweise hat sie nach Farben sortiert, eine für das WC, eine andere für die Küche und so weiter. Damit es kein Durcheinander gibt. «Sonst funktioniert es hier nicht.» Ihr Stellvertreter Bülént Bulut nickt. Und er weiss von einem Zentrum zu berichten, wo sich gar ein Siebenschläfer eingenistet hatte.

Wenig Platz

Die Bewohner gehen ihren Putzämtchen ohne Murren nach. Schliesslich geht es um ihren Komfort. Und mit Zusatzaufgaben können sie sich ein paar Franken dazuverdienen.

Eines wird schnell klar in der Anlage: Es ist eng. Drei Schlafräume gibt es, einen für die Arabischsprechenden, einen für die 16 Eritreer und die anderen Afrikaner, einen für die Frauen.

4 Frauen und 50 Männer leben hier. Für Familien sei die Zivilschutzanlage ungeeignet. «Wo könnte ich sie auch unterbringen?», fragt die Leiterin rhetorisch und zeigt auf die langen Reihen Doppelbetten. Dafür leben gleich zwölf Menschen in Hindelbank, die bereits einen negativen Asylentscheid erhalten haben. «Der Kanton platziert Abgewiesene mit Vorzug unterirdisch. Damit sie nicht noch länger bleiben wollen.» Privatsphäre haben die Menschen, die hier oft monatelang leben, kaum: Sie beschränkt sich auf zwei verschliessbare Fächer, eines davon gekühlt, beide jeweils etwas grösser als eine Schuhschachtel.

Das Dorf hilft mit

Das Team der Heilsarmee hat den Laden im Griff: Es wird respektiert, der Umgangston ist anständig. Die drahtige, russischstämmige Irina Adamova Nydegger gibt die strenge, aber faire Chefin. Ständig wird sie von jungen Männern um Erlaubnis gefragt, dieses oder jenes zu tun.

Am Mittag wird sie von einem Bewohner eingeladen, sich einige Happen Tayta, ein eritreisches Gericht, zu greifen. Ihr Stellvertreter, der eingebürgerte Türke Bülént Bulut, pflegt einen jovialeren, kumpelhafteren Umgangston, klopft den jungen Männern auch mal auf die Schulter.

Auch viele Dorfbewohner meinen es gut mit den Flüchtlingen: Die örtliche Umweltgruppe nimmt einige hie und da mit, um Wanderwege auszubessern. Ein Lehrer hat Fahrräder organisiert. Und Leute der Bewegung Plus, einer christlichen Gruppierung, bringen den Asylsuchenden einmal pro Woche M-Budget-Lebensmittel aus der Migros in Schönbühl. Denn in Hindelbank gebe es keine günstigen Einkaufsgelegenheiten, sagt eine der Frauen, die den Bewohnern an einem Tischchen die vorbestellte Ware verkaufen.

Der Alltag im Flüchtlingsheim folgt klaren Abläufen: aufstehen, putzen, kochen, wieder putzen. Dazu kommen bei vielen Arzt- besuche und Anwaltstermine. Und Fussball am Freitag, dazu Deutschkurs zweimal die Woche, je eine Stunde. Viele schlagen die restliche Zeit am Handy tot oder gehen spazieren. Schauen Champions-League-Wiederholungen im Fernsehen. Vor allem aber tun sie eines: Sie warten auf den Asylentscheid. Auf ein besseres Leben.

Doch die Normalität im Heilsarmee-Flüchtlingszentrum ist brüchig. Das Elend ist nie weit entfernt. Denn das Warten auf den erlösenden Entscheid der Behörden zerrt an den Nerven. So etwa bei jenem Afrikaner, der plötzlich an die Heimleiter herantritt. Ein ruhiger Zeitgenosse sei er eigentlich, wird Irina Adamova Nydegger später sagen, «fast zu ruhig», immer freundlich, immer korrekt. Doch nun hat er das Gefühl, die beiden Leiter würden hinter seinem Rücken über ihn lästern, er gestikuliert, seine Augen glänzen. Eine Viertelstunde dauert der Disput. Die Musik in der Küche ist inzwischen aus.

Die anderen Bewohner lugen ängstlich hinter den Türrahmen hervor, schauen, was da vor sich geht. Die Leiterin legt die Stirn in Runzeln. Ihr Stellvertreter schüttelt immer wieder den Kopf. Am Ende geht der Mann, der die beiden anderen um mindestens einen Kopf überragt, von dannen. «Wenn jemand fünf Monate hier unten ist, dann ...», Bülént Bulut spricht den Satz nicht zu Ende. Man versteht trotzdem, was er sagen will.

Eine Stunde später wird der Mann, der sich so echauffiert hat, im Baucontainer an der Oberfläche im freiwilligen Deutschkurs sitzen. Und zusammen mit einem Dutzend anderer Männer ruhig und konzentriert Wörter wie «Kreide» und «weiss» büffeln.

Schlaflos in Hindelbank

In den Zeitungen ist immer wieder von Flüchtlingen zu lesen, die für Ärger sorgen, die ihrer Wut freien Lauf lassen. Doch viel häufiger macht sich das Elend nicht lautstark bemerkbar. Es hakt sich manchmal auch einfach in den Köpfen fest. Zum Beispiel in jenem Ephraims, eines Staatenlosen, der sich als Eritreer bezeichnet, aber lange Jahre im Sudan lebte. Noch am Morgen sah der schmalschultrige Mann wie ein grosser Junge aus mit seiner überdimensionierten blauen Pudelmütze, als er die wummernde Waschmaschine überwachte.

Jetzt sitzt Ephraim in einem Raum, der eigentlich für die Angestellten bestimmt ist. Die Zentrumsleiterin hat ihm die Schlüssel überlassen – sie vertraut ihm. Dort offenbart er, dass er kaum noch schlafen kann. Deshalb ist er in ärztlicher Behandlung. Nicht alle Details seiner Geschichte werden klar, er spricht Englisch mit starkem Akzent, und manches will er wohl auch nicht preisgeben. Immerhin: Er erzählt, wie er im Sudan verfolgt wurde, auch, weil er Christ ist. Deshalb musste er fliehen und seinen Job – er arbeitete in einem Coiffeursalon – und seine Frau, eine Hausangestellte bei reichen Sudanesen, zurücklassen.

Stolz präsentiert er das Hochzeitsbild auf seinem Smartphone. Was für ein Kontrast: auf dem Bildschirm ein etwas fülliger junger Mann in einem weissen Anzug mit roter Fliege. Er sieht ein bisschen aus wie ein geschniegelter, zufrieden lächelnder Buddha. Nun aber hängt er im Stuhl, graue Lederjacke, blaue Trainerhosen, Trekkingsandalen und vierzig Kilo leichter, wie er sagt.

Gefangen in der Wüste

Was Ephraim den Schlaf raubt, wird trotz der leichten Verständigungsprobleme klar. Zum Beispiel die traumatische Reise vom Sudan in die Schweiz im letzten Sommer. Es ist weniger die Überfahrt vom libyschen Tripolis nach Palermo auf Sizilien, die den 35-Jährigen belastet. «Wir waren nur elf Stunden auf See, dann kam die italienische Marine.»

Schlimm waren die 22 Tage, die er zuvor in der libyschen Wüste verbracht hatte. Sein Flüchtlingstreck wurde gekidnappt, «sie gaben uns nicht einmal einen Liter Wasser pro Tag». Doch er hatte Glück: Die Entführer brauchten ihn als Übersetzer, denn er sprach Arabisch. Deshalb erhielt er einen Rabatt – sein Lösegeld betrug nur knapp 3000 und nicht wie bei den anderen 5000 Dollar. Und Ephraim wurde, anders als seine Mitreisenden, nicht gefoltert.

Manchmal seien über 30 Leute auf einem Pick-up transportiert worden, «wer runterfiel, wurde einfach in der Wüste liegen gelassen». Ephraim spricht leise, fast so, als befürchtete er, dass die Peiniger von damals im Raum nebenan sitzen.

Die Hoffnung hat Ephraim aber nicht verloren. Er will in der Schweiz bleiben. Es gefällt ihm, dass er hier in Ruhe gelassen wird, dass die Autos am Fussgängerstreifen anhalten. Und fast beiläufig erzählt er, wie er im Zug eine 100-Franken-Busse kassierte, weil er vergessen hatte, die Mehrfahrtenkarte abzustempeln. «Ich habe dann drei Wochen beim Essen gespart.» Er beschwert sich nicht darüber – im Gegenteil. «Es ist schön, gelten in der Schweiz für alle die gleichen Regeln.» Es gefällt ihm, dass er wie alle anderen behandelt wird – auch wenn es um Bussen geht.

Der anstehende Asylentscheid bereitet ihm Sorgen. Denn er weiss nicht, wie es bei einer Ablehnung weitergehen soll. Er fürchtet, dass er seine Frau nie mehr wird sehen können.

Kurz nach dem Mittag scheint die Sonne – endlich, für die Flüchtlinge. Der Winter war hart für Menschen wie Ephraim, die nie zuvor Schnee gesehen hatten. Einige sonnen sich draussen, saugen das gleissende Licht auf. Sitzen einfach. Einige Jüngere aber haben es eilig: Feixend marschieren sie Richtung Bahnhof. Sie wollen nach Burgdorf, in den Deutschkurs. Vorbei an den in die Jahre gekommenen Blöcken und den neuen Mehrfamilienhäusern. Durch Hindelbank. Der Hoffnung entgegen.

Berner Zeitung

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