«Ich hatte bereits abgeschlossen»

Rüegsauschachen

Ein Mann ist am Donnerstagabend beim Schwimmen in der Emme beinahe ertrunken. Überlebt hat er nur dank des beherzten Eingreifens eines Nachbarn und zweier Jugendlichen, die zufällig in der Nähe waren.

Der Unglücksort: A. zeigt auf die Stelle zwischen den beiden Wasserfällen, wo er beinahe ertrunken wäre. Unterhalb der Schwelle war er in einen Wasserstrudel geraten, aus dem er sich allein nicht mehr befreien konnte.

Der Unglücksort: A. zeigt auf die Stelle zwischen den beiden Wasserfällen, wo er beinahe ertrunken wäre. Unterhalb der Schwelle war er in einen Wasserstrudel geraten, aus dem er sich allein nicht mehr befreien konnte.

(Bild: Andreas Marbot)

Philippe Müller

A.* sitzt am Emmeufer. Den Blick geradeaus gerichtet. Zwischendurch streicht er sich mit der Hand übers Gesicht und schüttelt den Kopf. «Ich hatte nicht erwartet, dass die Emme derart gefährlich ist, obwohl sie kaum Wasser führt.»

Deshalb ging er am Donnerstagabend nach der Arbeit wie so oft schwimmen. Bei der Schwelle in Rüegsauschachen oberhalb der Hängebrücke, in der Bevölkerung als «Hängelisteg» bekannt. Seine Arglosigkeit hätte ihn beinahe das Leben gekostet.

Es war gegen 18 Uhr, als sich A. von seinem nahen Zuhause auf ans Emmeufer machte. «Ich hatte zuvor eine Sitzung und freute mich auf die Abkühlung.» Zuerst ging alles gut. Der Frührentner genoss das kühle Nass im «Whirlpool», wie die Wanne unterhalb einer Schwelle auch gerne genannt wird.

Das Wasser ist dort schätzungsweise drei bis vier Meter tief, und es ist damit eine der wenigen Stellen in der Emme, wo man richtig schwimmen kann. «Plötzlich merkte ich, dass ich in eine Strömung geraten war. Ich habe versucht, in die Gegenströmung zu kommen und mich so zu befreien. Das war aber chancenlos.»

A. wurde immer wieder unter Wasser gedrückt. Zwischendurch habe er es knapp geschafft, den Kopf zum Luftholen über Wasser zu drücken. «Allmählich schwanden meine Kräfte. Nach ein paar Minuten dachte ich: Jetzt ist fertig, das überlebe ich nicht. Ich schloss für mich mit meinem Leben ab.»

Plötzlich habe er unter Wasser aber eine Hand gesehen. «Das war der Moment, als sich Geist und Körper wieder anstrengten. Zuvor war beides irgendwie im Stand-by-Modus.» Kurz darauf zogen ihn seine Retter aus dem Wasser.

Ein zweites Leben geschenkt

Der Zufall – und vielleicht das Schicksal – meinte es gut mit A., denn zufälligerweise hatte sein Nachbar den Vorfall beobachtet und bemerkt, dass A. Hilfe brauchte. Er trommelte zwei Jugendliche zusammen, die in der Nähe waren. Gemeinsam bildeten sie eine Menschenkette und holten ihn aus dem Wasser.

«Danach sass ich sicher eine halbe Stunde auf den Steinen. Meine Beine trugen mich nicht mehr, ich war total erschöpft», sagt A., der in diesem Moment realisierte, dass ihm ein zweites Leben geschenkt worden war. «Das habe ich später so auch meinen Kindern mitgeteilt. Per Whatsapp, den reden mochte ich nicht.»

Auf seinem Smartphone hat A. das gestrige Datum bereits in seinem Kalender eingetragen. «Jedes Jahr werde ich an meinen zweiten Geburtstag erinnert werden.» Er sei überglücklich, dass er noch hier sei.

Das Leben werde er ab sofort noch mehr geniessen. Mit seiner Geschichte will er die Leute sensibilisieren. Denn A.s Erlebnis beweist einmal mehr: Auch in einem scheinbar friedlichen, knapp knöcheltiefen Fluss lauern verborgene Gefahren – insbesondere in der Nähe von Schwellen.

Was A. auf jeden Fall auch bald tun will: «Mit meinen Rettern ein Stück Fleisch essen und einen guten Wein trinken.»

*Name der Redaktion bekannt

Berner Zeitung

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