Familie Minigolf

Burgdorf

Claudia und Roger Anderegg lernten sich beim Minigolf kennen. Das war vor 30 Jahren. Am Sonntag spielte die Familie um den Titel des Schweizer Meisters. Die Söhne machten den Sieg bei den Junioren unter sich aus.

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Dominik Galliker@DominikGalliker

Bevor Jan Anderegg in die letzte Runde startet, atmet er einmal laut aus. 18 Löcher hat er noch vor sich. Vater Roger steht am Gitter, Bruder Lars wischt den Dreck von der Bahn. Loch 1. Der Ball prallt ans blaue Element, an die Bande rechts, an die Bande hinten. Und rollt am Loch vorbei. Jan Anderegg hat ein hervorragendes Turnier hinter sich. Fünf Punkte Vorsprung hatte er auf seinen Bruder. Jetzt sind es noch vier.

Zwei Dinge entscheiden, wer im Minigolf gewinnt, das haben die Andereggs zuvor erklärt: der Ball. Und der Kopf.

Von den Bällen hat die Burgdorfer Familie knapp 3000. Harte, weiche, raue, glatte. Auf jeder Bahn kommt ein anderer zum Einsatz. Die einen springen, wenn sie auf die Bande treffen, weit ab, die anderen weniger oder in einem anderen Winkel.

Köpfe hat die Familie Anderegg vier: Vater Roger, Mutter Claudia, die Söhne Jan (18) und Lars (17). Alle spielten am Wochenende bei den Schweizer Meisterschaften in Studen um Gold.

Socken als Ballwärmer

Bei Loch 2 und 4 schnitzert Nicolas Kaser, der Drittplatzierte. Sein Vater, der sonst immer «Bien, Nico!» ruft, runzelt die Stirn. Auf dem Niveau, auf dem die drei Junioren spielen, zählen nicht mehr die guten Schläge, sondern nur noch die schlechten. Für 18 Löcher brauchen sie im Schnitt 22 Schläge – damit gehören sie zu den besten Schweizer Minigolfern.

Sechsmal hat die Familie Anderegg in Studen für das Turnier trainiert, jeweils fünf bis sechs Stunden. «Die Vorbereitung macht viel aus», sagt Lars Anderegg. «Die Wahl des Balles, die richtige Linie.» Einige Spieler nehmen Boxen mit, in denen sie die Bälle auf die richtige Temperatur erwärmen. Die Andereggs wärmen ihre Bälle mit Socken, die sie in den Hosenbund stecken.

Lars Anderegg verfehlt bei Loch Nummer 5, sein älterer Bruder bei Nummer 6. Man hört das Rascheln der Blätter, das Krähen eines Vogels. Die Zuschauer am Gitter sind ruhig. Loch Nummer 10. Jan Anderegg kühlt seinen Ball mit Wasser. Die Bahn ist nicht schwierig, aber der Ball darf nicht zu weit von der Bande abspringen. Lars trifft, Jan trifft. Noch acht Löcher fehlen dem Älteren bis zum Titel.

Das Kennenlernen der Eltern

Seit 1976 spielt Vater Roger Anderegg Minigolf. Seine Frau – eine Deutsche – hat er bei einem Turnier nahe Frankfurt kennen gelernt. «Wir haben die Turniere dann so ausgesucht, dass wir uns immer wieder trafen», erzählt Claudia Anderegg. Als die Jungs acht und neun Jahre alt waren, wollten sie selber spielen. Bereits bei den ersten eigenen Spielen hatten sie Erfolg. «Das war wichtig», sagt Roger Anderegg.

Bei Loch 13 versetzt Lars Anderegg den Sonnenschirm. Er will im Schatten abschlagen. «Bien, Lars», ruft Nicos Vater diesmal. Jan Andereggs erster Schlag geht links am Loch vorbei. Der zweite ist zu weit rechts. Jan verlässt die Bahn, nimmt einen Schluck Wasser und stösst dabei seine Tasche mit den Bällen um. Beim dritten Mal trifft er, schreit «jaaa!» und ballt die Fäuste.

Der «Favoritentöter»

«Favoritentöter» heisst Bahn 14. Der Ball muss eine Rampe hoch und durch eine Lücke, bevor er zum Loch rollt. «Dammi nomol!», flucht eine Frau auf der Nebenbahn – Jan Anderegg muss sich neu konzentrieren. Wieder hat er Mühe. Als sein Vater etwas sagt, fährt Jan Anderegg ihn an. Der vierte Schlag sitzt. Die Brüder liegen jetzt gleichauf.

Im August fliegen die beiden nach Tschechien an die EM der Junioren, die Eltern spielen gleichzeitig in Schweden. 2013 wurde Jan Anderegg in Portugal Vizeeuropameister. Die Schweiz ist eine Minigolfnation – zusammen mit Schweden, Österreich und Deutschland.

Das letzte Loch

Lars Anderegg wischt den Dreck von Bahn 18. Das letzte Loch. Sein Bruder hat einen weiteren Fehlschlag gemacht. Wenn er nun trifft, ist er Schweizer Meister. Es ist still. Ein Kind lacht, und ein Zuschauer zischt «Pssst». Lars Anderegg schwingt den Schläger über den Ball. Einmal, ein zweites Mal, dann setzt er an. Der Ball rollt durch das Hindernis, am Loch vorbei, an die Bande, kommt zurück und fällt. Lars Anderegg jubelt, das Publikum applaudiert.

Bruder Jan versenkt den Ball und verschwindet. Mutter Claudia nimmt ihn in den Arm. «Was war denn los?», fragt sie. «Hattest du Angst vor dem Gewinnen?» «Wahrscheinlich», antwortet er. Für einmal hat sein Kopf nicht mitgespielt.

Berner Zeitung

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