«Es gibt ihn, den Röstigraben»

Burgdorf

Die Burgergemeinde verleiht jedes Jahr einen Preis für gute Maturarbeiten. Diesmal schwang das Werk der 18-jährigen Romina Stein obenauf. Sie lud Westschweizer zu einem Austausch in die Emmestadt ein.

Ist nach dem Experiment etwas ernüchtert: Romina Stein hatte nicht erwartet, dass die Unterschiede zwischen Westschweizer und Deutschschweizer Jugendlichen so gross sind.

Ist nach dem Experiment etwas ernüchtert: Romina Stein hatte nicht erwartet, dass die Unterschiede zwischen Westschweizer und Deutschschweizer Jugendlichen so gross sind.

(Bild: Olaf Nörrenberg)

Auf dem Weg zu einem Studium bildet die Maturarbeit einen wichtigen Erfahrungsschritt. Schülerinnen und Schüler können sich in der vertieften Aufarbeitung eines Themas üben, Thesen aufstellen, Analysen erarbeiten, sie mit Erkenntnissen der Wissenschaft unterlegen und schliesslich daraus ein Fazit ziehen. Diese Arbeit honoriert die Burgergemeinde der Stadt Burgdorf jährlich mit einem Wettbewerb. Vier Arbeiten können zur Auswahl eingereicht werden, der Sieger oder die Siegerin erhält ein Preisgeld von 1000 Franken.

Dieses Jahr konnte die 18-jährige Romina Stein den Sieg für sich verbuchen – mit einer Spurensuche im Röstigraben. Es war eine eigentliche Feldarbeit, und damit wich die junge Frau etwas von den üblichen Maturarbeiten ab. Ihre Familie beherbergte während einer Woche sechs junge Westschweizer aus Neuenburg.

Ihnen wollte Stein auf den Zahn fühlen, erforschen, was sie von den Deutschschweizern denken, Barrieren erkennen und diese abbauen. Denn für die Gymnasiastin war klar: Es gibt sie, die Barrieren zwischen den West- und den Deutschschweizern. Ihr selber sei das Welschland sehr fremd: «Ich war noch nie in Genf oder Neuenburg, und auch sonst wirkt die Westschweiz auf mich wie das Ausland.» Dem wollte Steiner mit der Projektwoche entgegenwirken und dem Wieso auf den Grund gehen. Bis ins Detail hat die 18-Jährige alles geplant. Sie, die sich selbst als ehrgeizig und zielstrebig bezeichnet. Ausflüge in andere Teile des Emmentals standen ebenso auf dem Programm wie zwei Schultage am Gymnasium oder Fragebögen zur Erfassung der Vorurteile.

Barriere blieb bestehen

Doch mit einem hatte Stein nicht gerechnet: «Wir kamen uns nicht wirklich näher», konstatiert sie ernüchtert. Bereits beim ersten Gespräch zwischen den Burgdorfern und den Gästen aus Neuenburg sei es zu peinlichen Schweigeminuten gekommen. Von der vermeintlich lockeren Art der Welschen spürte Stein nichts. Damit musste sie ein erstes Klischee relativieren.

Bestätigt hat sich jedoch eine Erkenntnis aus der Soziologie: Bei gemeinsamen sportlichen Aktivitäten können kulturelle Unterschiede leichter überwunden werden. Während eines Ausflugs mit E-Bikes sei das Eis zwischen ihr und den Neuenburgern denn auch etwas getaut.

Nebst den kulturellen Unterschieden sah die Burgdorferin die Sprachbarriere als grösstes Hindernis. So seien ihre Gäste nicht bereit gewesen, Deutsch zu sprechen. «Vielleicht haben wir Deutschschweizer diesbezüglich einfach mehr Mut», sagt Stein. Den Verlauf der Projektwoche habe sie sich schon anders vorgestellt. Sie kommt zum Schluss, dass es den Röstigraben definitiv gibt.

Entmutigt hat sie der Austausch dennoch nicht. Das Thema lasse sie nicht los, und vielleicht werde sie sogar einen Teil ihres vorgesehenen Studiums in die Westschweiz verlegen. Wie ihre Eltern, beides Ärzte, will die junge Frau nach Abschluss der Matur ein Medizinstudium beginnen.

Berner Zeitung

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