Erste Kuh mit Samen von Schwingermuni befruchtet

Wasen

Darauf haben viele Landwirte gewartet: Die Samendosen von Schwinger- muni Fors vo dr Lueg sind auf dem Markt. Besamungstechniker Fritz Schütz hat damit zum ersten Mal eine Kuh künstlich befruchtet.

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Fritz Schütz steigt aus dem Auto. Ein kalter Wind bläst ihm ins Gesicht. Er kramt eine schwarze Mütze aus der Jackentasche und streift sie über. Mit einem Quietschen öffnet sich die Schopftüre. Landwirt Ueli Gehrig hat ihn bereits erwartet. Die Begrüssung ist herzlich, denn Schütz ist immer wieder auf dem schmucken Bauernhof unterhalb der Lüderenalp anzutreffen.

Und dennoch: An diesem Tag unterscheidet sich der Besuch von den anderen. Erstmals verwendet Besamungstechniker Fritz Schütz bei einer Kuh Samen von Fors vo dr Lueg, dem Muni des Schwingerkönigs Matthias Sempach. Der Samen ist zwar erst seit ein paar Tagen erhältlich, trotzdem habe er schon einige Bestellungen erhalten, sagt der 52-jährige Schütz.

Samen von 250 Stieren

Er öffnet den Kofferraumdeckel seines grauen Subarus. Zum Vorschein kommt ein Behälter. Im Gefäss befinden sich 2'000 Samendosen von 250 verschiedenen Stieren. Gelagert werden die sogenannten Pailletten in minus 196 Grad Celsius kaltem, flüssigem Stickstoff.

Jede ist mit dem Produktionsdatum versehen, das entspricht dem Tag, an dem die Spermien dem Stier abgenommen wurden. «Die Samendosen können nach bisheriger Erfahrung 40 bis 50 Jahre ohne Schaden gelagert werden», erklärt Schütz und nimmt gezielt ein rotes, längliches Stäbchen heraus – darin befindet sich Samen von Fors vo dr Lueg. Schütz steckt die Dose in einen Behälter mit 37 Grad warmem Wasser.

«Bei einer Wärme, die unserer Körpertemperatur entspricht, beginnen sich die Samen zu bewegen», kommentiert er. Nach rund 20 Sekunden nimmt er die Dose aus dem Wasser und steckt sie zum Schutz vor der Kälte wie einen Fiebermesser unter seinen Arm. Danach gehts Richtung Stall.

«Hier, Pia ist es», sagt der Bauer und tätschelt der Swiss-Fleckvieh-Kuh aufs Hinterteil. Während sich Schütz einen rosafarbigen Einweghandschuh, der bis zur Achsel reicht, überzieht, nimmt der Landwirt den Schwanz der Kuh und zieht ihn zur Seite. Schütz drückt Gleitgel aus einer Tube auf seine Hand; danach greift er der Kuh durch den Mastdarm bis zur Gebärmutter. Während er mit der rechten Hand die Gebärmutter fixiert, führt er durch die Scheide der Kuh eine lange Sonde ein. Darin befindet sich der Samen, diesen deponiert er nun in der Gebärmutter. «Das sind lediglich drei bis vier Tröpfchen», sagt Schütz. Das ganze Prozedere dauert knapp vier Minuten. «Den Kühen tut es nicht weh, sie verspüren lediglich einen Druck.»

25 Jahre bei Swissgenetics

Fritz Schütz wohnt in Wasen und ist gelernter Landwirt. Seit 25 Jahren ist er für Swissgenetics tätig, einem Unternehmen für Samenproduktion mit Sitz in Zollikofen. In der Region Emmental gibt es noch weitere acht Besamungstechniker.

60'000 bis 70'000 Kühe hat Schütz im Verlauf der Jahre besamt. Die Erfolgsquote bei einer künstlichen Befruchtung liege bei 70 Prozent. «Ausser bei uns im Emmental, da liegt sie bei 72 Prozent», sagt er nicht ohne Stolz.

Besamungstechniker sind 365 Tage im Jahr im Einsatz. Wenn die Brunst bei der Kuh einsetzt, muss sie innerhalb von 24 Stunden künstlich besamt werden. Dabei verlassen sich Schütz und seine Arbeitskollegen voll und ganz auf die Erfahrung der Landwirte. «Ist eine Kuh brünstig, merkt man dies an ihrem Verhalten», erklärt Bauer Gehrig.

Sei das Tier auf der Weide, versuche es bei anderen Kühen aufzuspringen. Zudem muhe sie vermehrt, und Schleim dringe aus der Scheide. Bei Pia sind die Zeichen eindeutig. Und wenn es klappt, bringt die Kuh in 9 Monaten und rund 9 Tagen Nachwuchs vom Siegermuni auf die Welt. Ob sie trächtig ist, merkt der Landwirt frühestens in 21 Tagen, dann nämlich, wenn die nächste Brunst fällig wäre.

25 Kühe pro Tag

Bis zu 160 Kilometer fährt Fritz Schütz täglich, um durchschnittlich 25 Kühe zu besamen. Heute jedoch lässt es die Zeit zu, die Schreibarbeiten bei einem Kaffee in der warmen Wohnküche zu erledigen.

Der Techniker holt einen kleinen schwarzen Koffer aus dem Auto. «Dem haben wir den Namen Köfferlimuni zu verdanken.» Ein Ausdruck, den er übrigens nicht als Schimpfwort empfinde. Hatte früher der Besamungstechniker Papier und Schreibzeug im Köfferchen, kommen heute zwei kleine Geräte zum Vorschein.

Fritz Schütz nimmt eines davon und drückt einen Knopf, um es zu starten. Währenddessen verschwindet Ueli Gehrig kurz in sein Büro und kommt mit einem Ordner zurück. Darin befinden sich sämtliche Papiere seiner 18 Kühe. Auf einem Blatt stehen der Name Pia und die Nummer der Ohrmarke. Fritz Schütz tippt auf seinem Gerät den Namen Fors vo dr Lueg ein.

Danach scannt er mit dem Gerät das Blatt. Kurz darauf ertönt ein leises Rattern, und der zweite Apparat spuckt innert wenigen Sekunden eine Klebeetikette mit allen notwendigen Daten aus.

50 Franken pro Samendose

Für die Dose von Fors vo dr Lueg stellt Swissgenetics 50 Franken in Rechnung. Dazu kommt noch eine Pauschale von 30 Franken für Anfahrts- und Besamungskosten. Von den 50 Franken spenden Besitzer Matthias Sempach und Swissgenetics je 5 Franken an die Jungzüchter sowie an eine Kinderorganisation in der Schweiz. Vor ein paar Jahren habe er einmal einem Züchter eine Samendose von einem Holstein-Muni für 500 Franken verkauft, erzählt Fritz Schütz. Ulrich Gehrig hingegen will mit dem Nachwuchs von Fors vo dr Lueg nicht züchten. Dass er sich für diesen Samen entschieden hat, hat einen anderen Grund: «Ich habe selber dreimal an einem Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest mitgemacht», sagt Gehrig, der Mitglied beim Schwingklub Sumiswald war. Es sei seiner Liebe zum Sport geschuldet, dass seine Wahl auf den Siegermuni gefallen sei.

Berner Zeitung

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