Ein Reformer sagt Adieu

Aarwangen

44 Jahre war Hermann Flükiger Lehrer, zuletzt in Aarwangen.Immer wieder kamen Kollegen und Studierende, um sich ein Bild zu machen von seinen speziellen Unterrichtsmethoden. Jetzt hat Flükiger das Pensionsalter erreicht. Und freut sich auf neue Herausforderungen.

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Ein klassisches Schulzimmer sieht anders aus. Statt Pulten in Reihen stehen hier Tische in Blöcken. Das Lehrerpult bildet ein Stehpult auf Rädern. Die Wandtafel ist übersät mit Merkblättern. Und gar nicht mehr wegzudenken ist der «Infokreis» ganz hinten im Raum: eine Sitzecke fast wie in einem Wohnzimmer.

«Seid ihr einverstanden mit diesem Vorgehen?», fragt Hermann Flükiger die um ihn versammelte Schülerschar. Es geht um die Planung des letzten Schultags vor den Ferien. Lieber erst um 8.15 Uhr beginnen und gleich mit Putzen starten? Oder doch bereits um 7.25 Uhr einlaufen und dafür noch ein letztes Spiel zusammen spielen? Man einigt sich auf letztere Variante. Am Ende war es Lehrer Flükiger, der den Stichentscheid gegeben hat.

Eine Szene, wie sie sich nicht nur am zweitletzten Schultag so abspielt im Zimmer der Real C im Schulhaus Sonnhalde in Aarwangen. 42 Jahre hat Hermann Flükiger im Dorf unterrichtet – und seine Schülerinnen und Schüler stets in die Unterrichtsgestaltung miteinbezogen. «Schülerzentrierten Unterricht» nennt er seine Methode, die so gar nicht dem gängigen Bild einer Schulstunde entsprechen will. Bei der am Anfang eines jeden Schuljahres gemeinsam die Regeln aufgestellt werden und der Unterricht Woche für Woche im Klassenrat gemeinsam diskutiert wird. In der Inhalte nicht einfach vermittelt, sondern von den Schülern, vielfach in Gruppen, in Form eines «selbstorganisierten Lernens» erarbeitet werden. In der sich Lehrer und Schüler die Verantwortung teilen. Und die zeitweise ganze Heerscharen von Berufskollegen und Studierenden nach Aarwangen lockte; sie wollten einen Eindruck gewinnen vom Unterricht des vielgelobten Realschullehrers vom Land.

Mit dem Kopf durch die Wand

«Das Verrückteste war wohl, als plötzlich 20 Japaner in meinem Klassenzimmer standen», erinnert sich Flükiger zurück. Professoren auf Bildungsreise durch Europa seien es gewesen. Und sichtlich irritiert von der Unterrichtsmethode des Dorfschullehrers. «Aber wir haben im Kanton Bern halt diese irrsinnig schöne Unterrichtsfreiheit», sagt Flükiger mit einem Strahlen in den Augen. Ja, diese Möglichkeiten habe er ausgeschöpft. Er, der inspiriert von seinem damaligen Lehrer schon seit der dritten Klasse habe selber unterrichten wollen. Der aber auch bereits während der ach so fachbezogenen und sturen Ausbildung am Lehrerseminar in Langenthal beschlossen hatte: «So wie ich unterrichtet wurde, will ich nie unterrichten!»

Und Flükiger lehrte tatsächlich anders: Schon in Niederönz, wo er 1969 seine erste Stelle antrat, sorgten seine Methoden für Aufsehen. Nicht nur im positiven Sinn, wie er einräumt. «Wir realisierten Projekte, waren viel unterwegs, lernten immer wieder direkt vor Ort», das sei nicht bei allen Leuten gut angekommen. Damals in einer marxistisch-leninistischen Gruppe auch politisch aktiv, habe er sich denn auch bald einmal mit der Schulkommission angelegt. «Ich wollte mit dem Kopf durch die Wand. Das ging nicht gut.»

Eine Umstellung

Bereits nach zwei Jahren hat Flükiger Niederönz verlassen, arbeitete in Sizilien in einem Kinderheim. Doch schon 1972 zog es ihn wieder zurück in den Lehrerberuf. In Aarwangen trat er nun seine neue Stelle als Reallehrer an, die er bis zu seiner Pensionierung behalten sollte. Fortan waren es Oberstufen, die er unterrichtete, stets Mehrjahrgangsklassen. Eine Mischung, auf die Flükiger bis heute schwört: weil dabei jedem Kind eine Rolle zukomme. Den Neuntklässlern etwa jene der Klassenführer, die mithelfen, die Jüngeren überhaupt erst mit der ungewohnten Unterrichtsform vertrautzumachen. Den Stärkeren diejenige, den Schwächeren zu helfen. Sofern sie dies wollen natürlich – auch die Stärkeren sollen ihre Ziele erreichen können.

«Es war am Anfang schon eine Umstellung», erinnert sich Serena Holzer an die ungewohnte Unterrichtsform, die sie als Neuling in der Mehrjahrgangsklasse erst in ihrem letzten Schuljahr kennen gelernt hat. «Bei Herrn Flükiger musste jeder selber sagen, wie er die Lernziele erreichen will.» Eine Situation, in die die 15-Jährige aber schnell hineingewachsen ist. Und in der sie als Klassenbeste in Mathematik auch bald Verantwortung für ihre schwächeren Mitschüler übernommen hat. Eine Kompetenz, die ihr sicher auch in der Berufsschule von Nutzen sein werde, ist sie überzeugt. Und auch Karin Kaufmann sieht sich nach drei Jahren selbstorganisierten Unterrichts gut ausgerüstet für die Berufswelt. «Wir haben gelernt, selber zu planen und einzuteilen», sagt die 15-Jährige. Und doch habe sie immer eine Ansprechperson gehabt, wenn sie Hilfe gebraucht habe. Nicht nur in schulischen Belangen.

Konsequent bis zur Sturheit

Die Jugendlichen bräuchten Zuwendung und Beachtung, sagt Hermann Flükiger und kritisiert offen ein System, «das derart hohe Ansprüche stellt, dass unsere Realschüler gar nicht mehr ohne Anschlusslösung einsteigen können». Um so wichtiger sei es, jene Schlüsselkompetenzen zu vermitteln, die auch die Berufswelt erfordere: Freundlichkeit, Tatkraft und Motivation. Auch klare Regeln seien unabdingbar, «ich bin da konsequent bis zur Sturheit». Stets mit dem ebenso klaren wie einfachen Ziel, «dass meine Schülerinnen und Schüler in dieser komplexen, herausfordernden und anspruchsvollen Welt draussen einigermassen über die Runden kommen».

Nicht immer haben alle Schüler tatsächlich ihren Weg gefunden. «Es gab auch Situationen, in denen alle alles versucht haben und es trotzdem nicht gut ging», sagt Flükiger. Sogar den Suizid eines Schülers hat er miterlebt. Aber auch das habe er lernen müssen: dass seine Möglichkeiten doch begrenzt seien.

Offen für Anpassungen

Auch das gehört zur Methode Flükiger: sich selber reflektieren. Seien es die Schülerinnen und Schüler, die sich, sofern sie das wollen, vorgängig zu jedem Zeugnis auch selber benoten. Oder sei es der Lehrer, der sich immer wieder mit neuen Kindern und Situationen auseinandersetzen muss. «Die Gesellschaft verändert sich, die Kinder verändern sich – die Schule muss sich darauf einstellen, muss sich anpassen», hat Flükiger einmal geschrieben. Und sich deshalb auch selber stets zu entwickeln versucht. Sei es während des für ihn so prägenden Weiterbildungssemesters 1986, seit dem er die Schüler noch konsequenter ins Zentrum stellt. Oder sei es die Bereitschaft, die Beziehungen zu jedem Einzelnen, aber auch der gesamten Klasse untereinander immer wieder neu zu gestalten. Ein gutes Lernklima zu schaffen, sei letztlich ein Hauptanliegen seines Unterrichts gewesen, sagt Flükiger. «Lernen kann ich nicht verordnen, ich muss es ermöglichen.»

Hüten und brauen

Hunderte von Schulkindern hat Flükiger während nunmehr 44 Jahren bereits begleitet. Hat es geschätzt, in Aarwangen eine Schulleitung zu haben, die seine Methoden unterstützt. Ohne aber je zu erwarten, dass es ihm die Kollegen gleichtun würden. «Es gibt verschiedene Lehrertypen», sagt er, und alle hätten ihre Qualitäten. Wichtig sei, sich selbst zu sein. Zu erkennen, wo die eigenen Stärken und Schwächen seien.Und an die Schüler zu glauben.

Vier Tage nach seinem 65.Geburtstag beginnt für Hermann Flükiger heute nun ein neuer Lebensabschnitt. Bereits letzten Dienstag hat er sich von der Pädagogischen Hochschule Bern verabschiedet, wo er seit 2001 in einem 50-Prozent-Pensum auch in der Lehrerfortbildung tätig war. Jetzt ist auch seine Zeit als Realschullehrer in Aarwangen vorbei. «Ich habe Freude, dass ich mich in einer so tollen Situation verabschieden kann», sagt er und freut sich bereits auf die neuen Herausforderungen, die nun auf ihn warten. Auf den vier Monate alten Enkel, den er nun vermehrt hüten wird, während die Tochter in seine Fussstapfen tritt und eine Lehrerausbildung in Angriff nimmt. Auf eine Mitarbeit in einem Jugendprojekt vielleicht, wo er den Umgang mit den Jugendlichen doch immer so geschätzt habe. «Und ich will Bier brauen lernen!», platzt es plötzlich aus ihm heraus. Ob ihm das gelinge, wisse er zwar noch nicht. «Aber ich habe zumindest schon jede Menge Interessierte, die mein Bier dann gerne probieren möchten.»

Berner Zeitung

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