Ein medizinischer Querdenker

Langenthal

Vor über 30 Jahren gründete der Arzt Kurt Blatter die Stiftung für ganzheitliche Medizin (SGM). 1987 eröffnete die Stiftung eine eigene Klinik in Langenthal. Zu deren 25-Jahr-Jubiläum blickt Kurt Blatter zurück auf die Anfänge.

Kurt Blatter, Initiator der Klinik SGM, freut sich, dass die private Institution nach 25 Jahren immer noch besteht.

Kurt Blatter, Initiator der Klinik SGM, freut sich, dass die private Institution nach 25 Jahren immer noch besteht.

(Bild: Thomas Peter)

Tobias Granwehr

Wer ist dieser Mann, der als Mediziner einen schwierigen Weg wählte – und eine eigene Stiftung gründete, die in Langenthal eine Klinik baute? Der Mann, der internationale Beachtung erlangte, als er einen russischen Förster, dem von einem Bären das Gesicht weggebissen worden war, in der Klinik aufnahm?

Kurt Blatter, der Initiator und Gründer der Langenthaler Privatklinik SGM, ist mittlerweile 68 Jahre alt. Ein Gespräch mit ihm verdeutlicht: Mit seiner langjährigen Erfahrung als Chirurg und Gesprächstherapeut, Gründer der Stiftung für ganzheitliche Medizin und Autor mehrerer Bücher weiss er Spannendes zu erzählen. Blatter steckt nach wie vor voller Tatendrang, denkt nicht ans Aufhören – und ist zumindest öffentlich trotzdem nicht mehr so präsent wie früher. Bei den Feierlichkeiten zum 25-Jahr-Jubiläum der Klinik SGM heute Abend wird er eine kurze Rede halten. Mit dieser Zeitung sprach er zudem über die schwierigen Anfänge in Langenthal.

Beim Gebet kam die Idee

Wer Kurt Blatter in seiner Praxis für allgemeine Chirurgie und Gesprächstherapie an der Weissensteinstrasse besucht, dem fällt sofort ein Spruch aus der Bibel auf. Auf einer Karte auf seinem Schreibtisch steht: «Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich». Er habe sich immer dem Glauben verpflichtet gefühlt, sagt er.

Um seine christliche Ausrichtung zu verstehen, muss man etwas ausholen: Ende der 1970er-Jahre geriet Blatter beruflich in eine Krise, weil «mich die Arbeit am blossen Objekt nicht befriedigte», wie er es erklärt. Er sei zwar gerne Chirurg gewesen, er habe dies als spannende Tätigkeit empfunden, «doch mir fehlte dabei die ganzheitliche Betrachtung des Patienten». Er kündigte seine Stelle in einer Klinik – und stand plötzlich mit leeren Händen da. «Im Gebet ist mir die Idee und die Vision einer ganzheitlichen Medizin gekommen.» Aufgrund dieser Vision gründete Blatter 1980 die Stiftung für ganzheitliche Medizin. Der Zweck war der Bau einer Klinik für Psychosomatik. Es geht dabei um die Behandlung von psychischen und somatischen (also körperlichen) Problemen. Er sagt, 80 Prozent der Patienten in der Grundversorgung hätten psychosomatische Beschwerden.

Blatter schrieb seine Idee einer ganzheitlichen Medizin auf. «Das wurde von der damaligen Ärzteschaft überhaupt nicht goutiert.» Es sei ein langer Kampf gewesen bis zur Akzeptanz. Gleiches gilt auch für den christlichen Ansatz: Von der Landeskirche habe es zu Beginn viel Widerstand gegeben. «In einem Gutachten wurden wir sogar als staatsfeindlich bezeichnet.» Blatter setzt sich intensiv mit dem christlichen Glauben auseinander, schreibt Bücher, referiert darüber. «Zwischen Wahn und Wirklichkeit – Macht Glaube krank?» lautet der Titel eines seiner Werke. Viele Patienten suchten die Klinik SGM auf, «weil Menschen oft trotz oder wegen des Glaubens krank werden».

Dass Kurt Blatter damals wie heute nicht allein da steht mit seiner Überzeugung der ganzheitlichen Medizin, zeigt der Umstand, «dass der Freundeskreis der Stiftung in kurzer Zeit über die Schweiz hinaus 5000 Mitglieder hatte». Die Stiftung kaufte 1983 das Grundstück im Hard, wo sich die Klinik nach wie vor befindet. Die Baubewilligung lag ebenfalls bald vor, doch es fehlte das Geld. «Der ganze Stiftungsrat betete deshalb dafür, das Geld für den Klinikbau zusammenzubringen», sagt er rückblickend. Und siehe da: Die Stiftung erhielt eine Erbschaft mit einer Summe, die den Bau ermöglichte. 1987 wurde die Klinik eingeweiht.

Nur noch ideell verbunden

Heute sei die Klinik SGM in der Stadt und der Bevölkerung akzeptiert, sagt Blatter überzeugt. Die Klinik habe sich kontinuierlich entwickelt. «Ich bin glücklich, dass 25 Jahre daraus geworden sind.» Er freue sich zudem, dass es ein gut funktionierender Betrieb sei. «Das ist überraschend, wenn man bedenkt, wie schwierig es in all den Jahren war, genügend Geld für die Klinik zu generieren», sagt der Arzt.

Zwar präsidiert er die Stiftung seit über zehn Jahren nicht mehr, ideell sei er aber immer noch mit der Klinik verbunden. Warum er sich zurückzog, erklärt er so: «Es gibt Pioniere, die etwas aufbauen – und es später auch wieder zerstören.» Genau das habe er verhindern wollen.

Langweilig wurde es Blatter ohnehin nie. Bereits 1980 eröffnete der im Berner Oberland Aufgewachsene in Langenthal seine eigene Praxis. Bis zum 65. Geburtstag war er zudem chirurgisch tätig, nach wie vor arbeitet er als medizinischer Grundversorger und Gesprächstherapeut. «Ich arbeite, weil ich nach wie vor einen Auftrag sehe», sagt er. Die Unzufriedenheit der Industriegesellschaft sieht er als grosses Problem. Ein Grossteil der Krankheiten lasse sich heute auf Stress reduzieren, so Blatter. In diesem Zusammenhang betrachtet er auch den neuen Auftrag der Klinik SGM als «Glücksfall». Gemäss der neuen kantonalen Spitalliste soll die Klinik zur Spezialversorgerin in der Psychosomatik werden. «Das war ohnehin der Grundgedanke bei der Klinikgründung.»

Berner Zeitung

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