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Die Vergewaltigung war nicht erfunden

Erst sagte die Frau, ihr Ehemann habe sie sexuell missbraucht. Kurz vor dem Prozess wollte sie davon nichts mehr wissen. Der Mann wurde trotzdem verurteilt. Zu Recht, befand nun das Berner Obergericht.

Die Frau machte vor Gericht laut der Gerichtsschreiberin einen «hilflosen» und «sehr trotzigen» Eindruck.
Die Frau machte vor Gericht laut der Gerichtsschreiberin einen «hilflosen» und «sehr trotzigen» Eindruck.
Keystone

«Er hat mich vergewaltigt»: Das behauptete eine Schweizerin aus dem Oberaargau gegenüber der Polizei und der zuständigen Staatsanwaltschaft. Nach einem Streit in der Wohnung sei ihr nordafrikanischer Ehemann über sie hergefallen, obwohl sie sich mit Händen und Füssen gegen den Geschlechtsverkehr gewehrt habe.

Drei Tage vor dem Prozess ­teilte sie dem Regionalgericht Emmental-Oberaargau überraschend mit, dass sie den Ver­gewaltigungsvorwurf widerrufe. Zur Verhandlung erschien sie nicht. Die Polizei musste sie ins Gerichtsgebäude bringen. Im Saal schwieg sie und hinterliess, wie die Gerichtsschreiberin notierte, einen «hilflosen» und «sehr trotzigen Eindruck».

Verurteilt in erster Instanz

Dessen ungeachtet taxierte das Gericht die Aussagen, welche die Frau gegenüber den Ermittlungs- und Untersuchungsbehörden gemacht hatte, als «schlüssig», «klar», «widerspruchsfrei» und «glaubhaft».

Unter dem Vorsitz von Gerichtspräsident Jürg Bähler verurteilte es den IV-Bezüger wegen Vergewaltigung und einiger vergleichsweise geringfügiger Delikte zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe von 30 Monaten, einer Geldstrafe von 10 500 Franken, einer Busse von 100 Franken sowie zur Bezahlung der Verfahrenskosten von 35 000 Franken. Das Vergewaltigungsurteil zog der Verurteilte weiter.

Er hat sich «extrem geändert»

Vor dem Obergericht bekräftigte die Frau am Montag erneut, von ihrem Mann nie vergewaltigt worden zu sein. Stattdessen bemühte sie sich, ein von Harmonie geprägtes Beziehungsbild zu zeichnen.

Ihr Partner, versicherte sie, habe sich «extrem geändert». Er trinke nicht mehr, helfe im Haushalt mit und kümmere sich um die Kinder. Früher hätten Alkohol und Eifersuchtsdramen den ehelichen Alltag geprägt. Darüber hinaus habe sie befürchtet, dass der Tunesier mit dem Nachwuchs auf Nimmerwiedersehen in seine Heimat verschwinden würde.

Als sie nicht mehr ein und aus gewusst habe, sei sie auf die Idee gekommen, dem Elend mit einer erfundenen Vergewaltigung ein Ende zu bereiten.

«Ein Hilfeschrei»

Die Verteidigerin des Beschuldigten erinnerte ebenfalls an die Tristesse, die damals in der Familie geherrscht habe. Die erfun­dene Vergewaltigung sei für die Frau «ein Hilfeschrei» gewesen. Heute setze das Paar alles daran, «dass die Töchter in geordneten Verhältnissen aufwachsen dürfen».

Abgesehen davon habe die Frau wechselnde Versionen des Tatablaufes geliefert und sich in Widersprüchen verheddert. Deshalb sei ein Freispruch nach dem Grundsatz «Im Zweifel für den Angeklagten» angezeigt.

Gewalt ist wahrscheinlich

Der Vertreter der Generalstaatsanwaltschaft folgte den Erwägungen des Regionalgerichts. Die Frau sei dem Mann hörig und befürchte, ihre Kinder zu verlieren, wenn sie den Vergewaltigungsvorwurf aufrechterhalte. Die wirtschaftliche Situation der Eheleute präsentiere sich so trostlos wie zuvor. Einer Therapie habe sich der Beschuldigte nicht unterzogen. Deshalb seien «weitere Gewaltausbrüche zu gewärtigen».

Das zweite Urteil ist milder

Unter dem Vorsitz von Sara Schödler verurteilte auch das Berner Obergericht den Mann. Es senkte das Strafmass für die Vergewaltigung jedoch von 30 auf 24 Monate Freiheitsstrafe. Ein halbes Jahr muss der Verurteilte absitzen, der Rest wurde ihm auf drei Jahre bedingt erlassen. Auch die Geldstrafe fällt mit 6000 Franken deutlich weniger happig aus als die in erster Instanz in Burgdorf verhängte.

«Bei unseren Erwägungen haben wir auf die Aussagen ab­gestützt, die die Frau bei den ersten Einvernahmen machte», begründete Schödler das Urteil des Richtergremiums in zweiter Instanz. Diese ersten Schilderungen seien dem Obergericht als «glaubwürdig, plastisch und nachvollziehbar» erschienen. Wieso die Frau ihre Anschuldigung zurückzog, sei unklar, habe bei der Urteilsfindung aber ohnehin keine Rolle gespielt, so die Vorsitzende.

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