Die Schangnauer geben nicht auf

Schangnau

Innert sechs Jahren mussten die Schangnauer drei gewaltige Unwetter über sich ergehen lassen. Trotzdem ist am Tag nach der bisher grössten Katastrophe zwar Ratlosigkeit, aber keine Verzweiflung zu spüren.

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Am Tag nach der Flutscheint wieder die Sonne in Schangnau. Die Emme zeigt sich von ihrer bescheidenen, unschuldigen Seite.

Dass sie ganz anders kann, sieht man beispielsweise vor dem Schulhaus Bumbach, wo sich auf dem Platz, wo normalerweise das Postauto hält, Schwemmholz häuft. Gegenüber kratzt ein Mann mit der Schaufel Schlamm zusammen. Zwischendurch erzählt er zwei Kollegen, wie er tags zuvor wohl als der letzte Schangnauer über die Roseggbrücke gefahren sei. Zwei Minuten später sei sie weg gewesen.

Wieder eine Geröllhalde

Weiter hinten recht eine Frau in einer überspülten Matte Steine zusammen und trägt sie aus dem Gras. Sie ist ehrenvoll die Arbeit, die da geleistet wird, aber sie ist nichts im Vergleich zu dem, was weiter hinten ansteht. Das Heimet im Bumbächli ist eine Geröllhalde. Die Strasse, die zum Bauernhaus führt, musste mit Maschinen freigeschaufelt werden. Steine, so weit das Auge reicht. Und drinnen in der Wohnung, vor allem in der Küche, stecke der Schlamm, sagt Annemarie Graf. Noch am Sonntag habe sie mit ihrem Mann über das Gräbli gesprochen, das an ihrem Heimet vorbei führt.

Anfang Jahr sei die Abrechnung gekommen für die Sanierungsarbeiten, die gemacht werden mussten, als es 2012 weiter oben über die Ufer getreten war und auf ihrem Hof gewaltigen Schaden angerichtet hatte. «Wir haben zueinander gesagt, eine hundertprozentige Garantie gebe es nie, aber der Bach werden wohl nicht wieder kommen», sagt die Bäuerin und blickt um sich: «Jetzt ist es noch viel schlimmer als damals.» Ihrem Mann hat das gesundheitlich so stark zugesetzt, dass er am Freitag in Spitalpflege gebracht werden musste.

Solidarität und Hoffnung

Annemarie Graf räumt auf. Unterstützt von einem Gefühl der Solidarität und der Anwesenheit der Kinder. «Man muss funktionieren und schauen, dass es läuft», sagt sie. Aber sie weiss, dass es Monate dauern wird, bis Heim und Hof wieder aufgeräumt sind. Sie weiss es aus eigener leidvoller Erfahrung.

Tochter Marianne Graf steht dabei und hilft. Sie will den Hof dereinst übernehmen. Will sie das immer noch, nach allem, was passiert ist? Sie hofft auf die Ausbauarbeiten, die nun weiter unten am Graben gemacht werden müssen. «Wo sie nach dem letzten Unwetter etwas gemacht haben, ist diesmal nichts passiert», sagt sie.

«Sie sind es gewohnt»

Sie sind tapfer, die Schangnauer. «Sie sind es gewohnt, mit Naturgewalten umzugehen, sie drehen nicht gleich durch», sagt Gemeindepräsident Ulrich Gfeller, während er Regierungsstatthalter Markus Grossenbacher auf dem Weg zu einer nächsten stark betroffenen Familie begleitet. Sie klettern auf der immer noch gesperrten Kemmeribodenstrasse über einen Haufen Geröll und waten durch knöcheltiefen Schlamm, bevor sie im Schwand ankommen, wo Zivilschutzangehörige aufräumen.

Vor dem Bauernhaus treffen sie auf Erika und Hans Gerber. Sie sichern ihnen finanzielle Hilfe zu, informieren über die Coop-Patenschaft für Berggebiete, die eine Viertelmillion Franken für die Schangnauer reserviert habe, über die Glückskette, die Hilfe angeboten habe und das Spendenkonto der Gemeinde. Die Familie, durch deren Bauernhaus mitsamt Wohnteil das Wasser hindurchgeflossen ist, soll wissen, dass geholfen wird.

Grund zum Weitermachen

Doch vorerst weiss die Bäuerin kaum, wo anpacken. Mit jedem Ding, das sie putzt, merkt sie, wie viel es noch zu tun gibt. Es bleibt der Trost, dass die ganze Familie mit den vier Kindern und den Grosseltern an Leib und Leben verschont blieben. Die Mutter hat schreckliche Angst gelitten am Tag zuvor, als dort, wo jetzt wieder Garten zu sehen ist, die reissende Emme vorbeifloss. Auf der andern Seite sah sie ihren Mann, der bloss verzweifelt deuten konnte, nur ja im Haus zu bleiben.

Und dann der Anruf von der Alp, wo die Grossmutter mit ihrem Ältesten, dem 14-Jährigen, war. Er sei weggelaufen, heimzu, vernahm die Mutter. Furchtbar muss sie gebangt haben, bis sie erkannte, dass jemand neben ihrem Mann auf der andern Seite des reissenden Wassers stand. So hat auch sie einen Grund, den Kampf gegen den Dreck aufzunehmen: «Hauptsache, es sind noch alle da.»

Berner Zeitung

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